Dieter Wellershoff im Jahr 2015 in seiner Wohnung.
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Dieter Wellershoff im Jahr 2015 in seiner Wohnung.

Dieter Wellershoff

Der große Entzauberer

  • vonFrank Olbert
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Zum Tod des Schriftstellers Dieter Wellershoff, der Literatur stets als Probebühne des Lebens begriff.

Als er 1943 an die Front kam, war ihm klar, dass der Krieg bereits verloren war. Der deutsche Soldat Dieter Wellershoff kämpfte nicht für eine Idee, eine Ideologie, für ein Reich und seinen Führer – obwohl er die Wehrmacht nach eigenem Bekunden wie viele seiner Altersgenossen anfangs idealisierte, kämpfte er sehr rasch überhaupt nicht mehr für etwas, sondern nur gegen die Verhältnisse, wie er sie vorfand: gegen den Hunger, den Schmerz, den Granatsplitter im Bein, gegen Verzweiflung und Tod. „Jetzt bist du in einer Welt, wo nichts mehr verlässlich ist“, beschrieb er einmal das Gefühl, das ihn, den 18-Jährigen, damals erfasste. Und etwas zweites kam hinzu: Es kann nur besser werden. 

Die Illusionslosigkeit des jungen Mannes, der ernüchterte Blick auf eine Wirklichkeit, die aller Versprechen und Lügen entkleidet vor ihm liegt – diese Perspektive des Zweiflers, Kritikers und Skeptikers ist es, aus der heraus das gesamte Werk dieses großen Entzauberers erzählt ist. Eine Welt, in der man sich auf nichts wirklich verlassen kann, für diese existenzielle Grundbefindlichkeit hat Wellershoff einen Begriff gefunden, den er poetologisch auf sein Schreiben übertrug: Eine solche Welt lässt sich nur in „Möglichkeitsbereichen“ denken. Sie zu durchmessen und zu erkunden, das hat er sich zur Aufgabe gemacht.

Er tat dies nicht allein als Schriftsteller. 1925 in Neuss geboren, gehörte er einem Jahrgang an, der von der Schulbank weg direkt in den Krieg zog. Als er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft ins Rheinland zurückkehrte, holte Wellershoff zunächst das Abitur nach, studierte dann in Bonn Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie und beendete seine Universitätslaufbahn 1952 gleich mit einem ersten großen Wurf: Der Promotion über Gottfried Benn, die später unter dem Titel „Phänotyp dieser Stunde“ veröffentlicht wurde und bis heute als Standardwerk über den Dichter gilt. 

Dies markiert seine erste Karriere, die des Wissenschaftlers und Theoretikers, der Wellershoff auch weiterhin treu blieb. Er beschäftigte sich mit Themen der Psychologie („Wahrnehmung und Phantasie“, 1987), mit der Wirkung der Literatur des Begehrens („Der verstörte Eros“, 2001) und ganz allgemein mit literaturwissenschaftlichen Fragen wie in „Der Roman und die Erfahrbarkeit der Welt“. Immer wieder kommt er in diesen Reflexionen auf seine Grundthese, sein ästhetisches Glaubensbekenntnis gewissermaßen zurück: Literatur begriff Wellershoff stets als eine „Probebühne des Lebens“. Sich fantasieweise in alle möglichen Rollen hineinzudenken, Realität zu simulieren, darin lagen für ihn die Stärke und der Sinn der Literatur.

Lust an der Maskerade

„Ich hätte vieles werden können: Arzt, Psychotherapeut, Tanzlehrer, Philosophieprofessor, Architekt, Verbrecher, Kriminalbeamter, Geisteskranker, und vielleicht bin ich das auf mittelbare Weise alles geworden, indem ich Schriftsteller geworden bin“, so beschrieb er selbst einmal die Lust an der Maskerade, die ihn von der Wissenschaft in die Arme der Literatur trieb. 

Die ersten prägenden Erfahrungen machte er dabei mittels eines Mediums, das in den 50er und frühen 60er Jahren noch dezidiert Autoren anlockte, auch dank verlässlicher Honorare – des Hörspiels. „Der Minotaurus“ etwa, 1961 mit dem Hörspielpreis der Kriegsbilden ausgezeichnet, formuliert in zwei inneren Monologen die Anklage einer jungen Frau gegen einen jungen Mann, der seine Freundin zum Frauenarzt schickt, um sich eines unerwünschten Kindes zu entledigen. So unverblümt eine Abtreibung in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken, sorgte in der Zeit der Erstausstrahlung für erhebliche Aufregung. Sogar auf eine Tagung der Gruppe 47, bei der Dieter Wellershoff zu Gast war, schaffte es das Stück.

Damit war der Grundstein für Wellershoffs zweite Karriere gelegt, die des schriftstellernden Intellektuellen. Sie sicherte er zunächst noch ab, als Lektor des Kölner Verlags „Kiepenheuer & Witsch“. Heinrich Böll gehörte zu den Autoren, die er betreute, jener Autor aus Köln also, der wie Wellershoff selbst das Trauma des Zweiten Weltkriegs zu einer Art Leitmotiv seines Schreibens erhoben hatte. Doch während Böll schon damals in seine Rolle als Gewissen der Nation hineinwuchs, wehrte sich Wellershoff gegen jedes Moralisieren. Sein Ideal war eine „phänomenologisch orientierte Schreibweise“, sein bevorzugter Forschungsgegenstand das „alltägliche Leben“, und wenn es darin zur „pathologischen oder kriminellen Abweichung“ kam, umso besser.

Um Verfolgungswahn und Verbrechen dreht sich etwa sein Roman „Die Schattengrenze“ aus dem Jahr 1969, und was die Liebe anrichten kann, ist Gegenstand seiner aus vier Perspektiven zusammengesetzten Erzählung „Der Liebeswunsch“, dem größten Publikumserfolg Wellershoffs, den Thorsten C. Fischer 2006 mit Jessica Schwarz und Ulrich Thomsen verfilmte. Handwerklich fühlte sich Wellershoff schon in den 60er Jahren mit seinen literarischen Werken dem Nouveau Roman der Franzosen stets näher als der geschlossenen Erzählform, der sich die deutsche Nachkriegsliteratur meist verpflichtete. Die Brüche und Risse der Psyche, der überraschend klaffende Abgrund, der sich in der Lebensroutine auftun kann, dies wollte er auch in seiner Stilistik, in der Vielstimmigkeit seiner literarischen Montagen widerspiegeln, und es fand sich auch ein Begriff dafür – die „Kölner Schule des Realismus“.

Die Sprache, wenn nötig, in Stücke zu zerschlagen, auch dies geht auf den Urmoment zurück, den der Soldat Dieter Wellershoff erleben musste – dass auf nichts Verlass ist in der Welt, dass alles zerbricht. „Schau dir das an, das ist der Krieg“, so ist eines seiner vielleicht eindrucksvollsten Werke überschrieben, ein Hörbuch aus dem Jahr 2010, auf dem er selbst zu hören ist, wie er schonungslos von Verblendung und Desillusionierung erzählt. Von da an gab es nur einen Weg für Wellershoff, den er nach dem Krieg als Wissenschaftler, als Lektor, den er vor allem aber als Schriftsteller beschritt: der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. 

Im Alter von 92 Jahren ist Dieter Wellershoff nun in Köln gestorben. Die deutsche Literatur hat eine ihrer bedeutendsten Stimmen verloren.

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