Autorin und Künstlerin Anna Galkina.
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Autorin und Künstlerin Anna Galkina.

Roman

Wo ist die große deutsche Ordnung?

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Anna Galkina erzählt in „Das neue Leben“ trotz allem gut gelaunt von einer langen Ankunft.

Anna Galkinas Roman „Das neue Leben“ kommt so schlicht und deutlich daher wie der Titel. Ein neues Leben, denkt man sich, könnte ganz schön sein. Na ja. 

Mutter, Stiefvater, Oma und Nastja reisen nach Deutschland aus. Weil sie russisch sprechen, ist ihnen im ebenfalls neuen Litauen das Leben schwer gemacht worden. Weil sie jüdische Wurzeln haben, werden sie von den deutschen Behörden als Kontingentflüchtlinge akzeptiert. Eigentlich werden sie sogar willkommen geheißen, aber davon merken sie vorerst wenig. 

„Das neue Leben“ schließt an Galkinas Debüt „Das kalte Licht der fernen Sterne“ (2016) an, die autobiografischen Anteile sind offenkundig, aber auch unaufdringlich. 1996 ist die Autorin, die auch als Malerin arbeitet – blickt man auf ihre Internetseite, möchte man sogar meinen: in erster Linie als Malerin arbeitet –, mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen und lebt heute in Bonn. Das Rheinland ist auch Nastjas Terrain, ihr erster Karneval in der nahen großen Stadt: überwältigend.

Das neue Leben. Es ist weniger ein Hin als ein Weg. Der Stiefvater verlässt Litauen ohnehin nur widerwillig und weil die Mutter darauf besteht. Jetzt bekommt er als einziger keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. „Meine Mutter zieht den Pass des Stiefvaters aus ihrer Handtasche, schlägt ihn auf der Seite mit der Aufenthaltserlaubnis auf und bringt ihren ersten komplizierten deutschen Satz hervor. ,Wo ist die große deutsche Ordnung?‘ Der junge Leiter ist überrascht. Er lacht: ,Die große deutsche Ordnung? Ich bin hier geboren, aber in den dreißig Jahren seit meiner Geburt habe ich eine solche nicht gesehen!‘“ 

Nicht immer geht es so milde ab und so erfreulich, denn die Mutter kehrt mit dem richtigen Stempel im Pass zurück. Beamte lügen und reden gerne schnell auf Deutsch, um dann schnippisch darauf hinzuweisen, dass man ja auch schließlich in Deutschland sei. In der Putzfrauenkolonne – einer von Nastjas ersten Jobs, da sie auf der Abendschule ihr Abitur noch einmal machen muss – herrscht keine Solidarität, auch unter den Bewohnern im Flüchtlingsheim nicht. 

Die internationalen Begegnungen, die sich Nadja erhofft, bleiben aus. „Denn Nächstenliebe und Toleranz erstrecken sich meistens nicht auf Fremdartige. Darum heißt es auch Nächsten- und nicht etwa Fremdenliebe. Ich habe mir das alles ein wenig anders vorgestellt.“

Nastja, jung und hartnäckig genug, findet sich trotzdem einigermaßen zurecht. Aber sie spricht noch lange lieber und besser englisch als deutsch. Es ist ein uneuphorisches, zähes, wursteliges Zurechtfinden. Niederschmetternd – und aufschlussreich für alle, die doch noch an die große deutsche Ordnung glauben – sind zunächst die Wohnverhältnisse.

Fabelhaft sinnlos wirken Integrationskurs und Berufsbildungsmaßnahmen, bei denen die Geschlechter auf Nadelarbeiten und Werken aufgeteilt werden wie vor 40 Jahren an deutschen Grundschulen. Die Gesetze legen einerseits fest, was dem einzelnen zusteht. Die Vertreterinnen und Vertreter des bürokratischen Apparates mühen sich andererseits zum Teil ziemlich unredlich damit ab, es dem einzelnen möglichst schwer dabei zu machen.

Dass Nastja und ihre Familie nicht unter der Angst leben müssen, ausgewiesen zu werden, lässt „Das neue Leben“ in einem vergleichsweise milden Licht erscheinen, aber das Licht ist auch dämmrig und lässt die Dinge graugrün erscheinen. Nastja, in der man die Autorin immer ahnt, ist eine schnörkellose, auch in einer zuweilen immensen Einsamkeit nüchterne und letztlich gut gelaunte Erzählerin und aufmerksame Beobachterin. „Das neue Leben“ ist ein weiterer Mosaikstein, um das Leben und die Zustände in Deutschland zu verstehen.

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