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Das große Abwerben

Kertész, Rowohlt, Suhrkamp

Von INA HARTWIG

Imre Kertész, der heute in Berlin lebende ungarische Nobelpreisträger, wird, wie gestern gemeldet, in Zukunft seine Bücher nicht mehr bei Suhrkamp, sondern im Rowohlt Verlag veröffentlichen. Eigentlich muss man sagen: wiederveröffentlichen. Denn es war der Berliner Ableger des Rowohlt Verlags, der 1990 gegründete Rowohlt Berlin Verlag, in dessen Räumen der damals in Deutschland völlig unbekannte Autor lektoriert wurde.

Schicksallosigkeit, eine DDR-Übersetzung, ging in den Wirren der Wende unter. Von Istvan Eörsi auf Kertész aufmerksam gemacht, erwarb Rowohlt Berlin die Rechte, ließ eine neue Übersetzung anfertigen und begann die Kertész-Reihe mit Kaddisch für ein nicht geborenes Kind. Es folgten Roman eines Schicksallosen, Galeerentagebuch, Ich, ein anderer. Nur wollte der Verkauf in der Nachwendezeit nicht richtig in Gang kommen, die westlichen Leser schienen überfordert zu sein von dem sich öffnenden Osten, und die feinsten Perlen blieben Ladenhüter. Im Grunde bedurfte es des Nobelpreises, um Kertész ins öffentliche Bewusstsein zu hieven.

Eine Causa Suhrkamp

Als dies geschah, war der verwegen-geniale Roman Liquidation gerade erschienen; der Verlag, der freudestrahlend damit warb, war der Suhrkamp Verlag, der durch die schwere, lange Krankheit Siegfried Unselds in die größten Turbulenzen gestürzt worden war, Turbulenzen, die auch nach dem Tod des Verlegers am 26. Oktober 2002 nie gänzlich in personelle Ruhe und programmatische Sicherheit überführt werden konnten. Denn wenn Imre Kertész nun zu Rowohlt zurückgeht, so kann das nicht im Sinne des Suhrkamp Verlags sein. Es ist, im Gegenteil, ein herber Verlust - und keineswegs der einzige, den das Haus seit Unselds Tod verkraften musste. Um es deutlich zu sagen: Kertész' Wechsel zu Rowohlt ist im Grunde eine Causa Suhrkamp.

Siegfried Unseld erhielt noch die Nachricht vom Nobelpreis für seinen Autor, verstarb jedoch vor der Zeremonie in Stockholm. Unseld war es, der Kertész in Budapest aufgesucht und ihn mit seinem rugbyhaften Charme umworben hatte, er war es ganz allein, dem die Abwerbung damals gelungen war. Ihm konnte und wollte Kertész nicht widerstehen. Und offensichtlich ist es im Hause Suhrkamp nicht gelungen, die durch Unselds Tod gerissene Lücke zu füllen. Selbst wenn die Position des allein verantwortlichen Verlegers rein formell gar nicht gefüllt werden konnte, weder von der Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz noch von deren Programmdirektor Rainer Weiss, so ist doch leider evident, dass sie Imre Kertész nicht zu halten vermochten.

Ein Mann wie Kertész, wer kann es ihm verdenken, ist empfänglich dafür, umworben zu werden. Das hat seinerzeit Unseld gespürt, und nun hat es eben Alexander Fest gespürt - und nicht nur gespürt. Da ist auch Können im Spiel. Was immer man von der um sich greifenden Sitte des Abwerbens halten mag, Alexander Fest, der auch schon Pech hatte (mit Thor Kunkel, beispielsweise), ist in diesem Fall der Gewinner. Dass Kertész Anfang der neuziger Jahre zu Rowohlt Berlin kam, ist keineswegs Fests Verdienst - er war damals noch gar nicht im Verlag. Aber dass Kertész von Unseld abgeworben werden konnte, ist wiederum nicht Fests Verschulden, sondern dürfte im Zusammenhang einer damals schwachen Reinbeker Verlagsleitung zu sehen sein.

Schon Martin Walser ist dem Suhrkamp Verlag als Autor verloren gegangen, als er letztes Jahr zu Rowohlt wechselte. Doch lagen hier nachvollziehbare Gründe für eine Entfremdung zwischen Autor und Verlag vor. Es war ein Weggang, der einer gewissen Zwangsläufigkeit folgte. Der junge Autor Daniel Kehlmann hat das Haus ebenfalls verlassen, ebenfalls Richtung Reinbek. Der Verlust von Kertész aber - der dem Suhrkamp Verlag so gut zu Gesicht stand, im Umfeld von Celan, im Umfeld des Jüdischen Verlags -, dürfte am schwierigsten zu verschmerzen sein. Auch wenn Andreas Maier trotz seiner Ankündigung, Suhrkamp zu verlassen, im neuen Programm wieder an prominenter Stelle vertreten ist, so kann das nur ein Trostpflaster sein für Ulla Unseld-Berkéwicz, von der es heißt, sie habe bis zuletzt vorbildlich versucht, Kertész zu halten. Der Suhrkamp Verlag wird sehr aufpassen müssen, wenn das durch die prominenten Weggänge entstandene Vakuum kein Dauerzustand werden soll.

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