Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Größenwahn und Verschwendung

Paulus Böhmers wortgewaltiger Gedichtzyklus "Fuchsleuchten" trägt Bataille im Gepäck

Von SIBYLLE CRAMER

Paulus Böhmer besingt die Hingabe an das Leben in seiner Absolutheit - als Liebe, Leidenschaft und jubelnde Verführung, als Schuld, Exzess, Verbrechen und Tod, als narkotischer Rausch, wahnhafter Überschwang und Skandal, als Aggression, Angst, splitternackte Geschlechtlichkeit und abscheuliche Überschreitung, Perversion, Destruktion. Der von Kafka und Robert Walser begründeten Tradition poetischer Negativität setzt Böhmer ein Hohelied des Lebens entgegen, das unhintergehbar der Macht des Todes anheimfällt. All jenen Noch-Nicht-Geschöpfen, Schattenexistenzen und Sisyphosfiguren Becketts, Maurice Blanchots oder Thomas Bernhards, die ihre Existenz immer als fragliche, kaum je wirkliche erfahren und ihre Selbstauslöschung betreiben, ihnen begegnet Böhmer entschlossen posttheologisch.

Der Band Fuchsleuchten zeugt von einer ungeheuren Stofffülle. Nach der Lektüre des ersten Zyklus ist ein Zug dummer, dysfunktionaler," Götter, katastrophaler Heroen und eine gewalttätig liebende, geschundene, hingeopferte Menschheit an uns vorübergezogen, die mündig geworden das - verbotene - Denken der Gewalt übertritt: der größenwahnsinnige und verfettete Elvis an uns vorübergezogen, nackte Jünglinge vor Mocca trinkenden Damen in Salons, Beutelschneider, Schweineschicksen, Halsumdreher, ihre Speichelfäden, ihr Gegröle, streunende Nymphen, die gealterte Alkmene im rosa Unterrock, die unter Juckreiz leidende Diotima, Medusa, die Helden zum Trocknen aufhängt, Sumo-Ringer, Mädchen vom Heroinstrich, Goya mit seinem Köter, der in den mythischen Glanz von Messerbänkchen verliebte Proust, Hitler mit Triefnase, Pol Pot, Mobutu, eine im Moor versinkende Frau, Pad Garret, Billy the Kid jagend.

Aber das ist nur ein Bruchteil dessen, was Böhmer im ersten seiner sechs Versgesänge aufbietet. "Die Welt wird uns tragen", verspricht eine jener Gelenkstellen des Gedichts, die eine strophenartige Einheit abschließt und Auftakt zur nächsten ist. Ein Buch des Überflusses und der Verschwendung also, dessen ökonomisches Gesetz der Autor gleich zu Beginn verrät: "Und alles, was ich sage, sage ich anstelle von etwas anderem." Der rauschhaft somnambule Taumel ist die förmlich greifbare Sprachgebärde, die dem umfassenden Zugriff auf Leben, Denken und Moral und dem Angriff auf Sinn und Religion entspricht. Eher selten tauchen die traditionellen Kunstmittel und Bauformen der Verssprache auf, hie und da ein Reim oder Binnenreim, eine regelmäßige Füllung, strophische Bindungen und die das Verskorpus rhythmisierenden Engstellen.

All jenen skrupulösen Equilibristen und Feinmechanikern des Verses, die ihre Wörter mit der Pinzette auf die Waagschale heben, erteilt der Autor eine Lektion sinnsprengender Eruptiv-Ästhetik. Der Preis, den die Verwandlung des Textes in einen Vulkanausbruch hat, ist freilich hoch, unübersehbar die Blindstellen mit schiefen, auseinander brechenden und an den Haaren herbeigezogenen Bildern.

Die Säufer, die Irren und die Fetten

Wie er seinen Stoff organisiert, das zeigt prototypisch der erste der sechs Gedichtzyklen. An den Beginn stellt er einen jener Sätze, deren rhapsodischen Gestus sich gleich im Nebensatz auflöst: "Als Elvis schon fett war. . ." Die erste Strophe zeichnet das Selbst- und Weltbild eines jener "Säufer, Irren, Fetten" auf, deren Größenwahn wie durch ein Wunder noch hier und da Atemluft für andere übrig lässt. Die Ironie der Eingangszeilen weicht in der folgenden Strophe der sachlichen Feststellung, dass Elvis schon an den Rand des Interesses gerückt ist und als Altstern zu dem Treibgut gehört, das die unzähligen jungen Sterne in ihrem Weichbild mit sich führen. Zwei Strophen weiter wird der verblasste Elvis-Stern noch einmal an die Textoberfläche gespült, nun als anonyme Ansicht einer ihr Selbst abwechselnd löschenden oder mästenden Menschheit. Zuletzt gilt der bewundernde Blick der schönen Körperlichkeit der Gedanken und Gelehrten, die sich über die Beschaffenheit der Gedanken und des Denkens Gedanken machen.

Das zweite Langgedicht alterniert zwischen recte und kursiv gedruckten, vorwärtsdrängenden und rückkoppelnden Passagen, die der Autor unauffällig auf Deleuzes Falten und Fallen bezieht, seine Auseinandersetzung mit der Leibniz'schen Rationalität. Mit seinem Kirchenvater Georges Bataille im Tornister erzählt er nun "Geschichten von Männern und Frauen", Geschichten der Überschreitung, des Exzesses und des Höllengelächters. Seine Bilder von Liebe und Tod, Leidenschaft, Verrat und Gewalt, darunter eine Parodie der Genesis-Erzählung von Adam und Eva und Reminiszenzen einer geschichtlich nicht verorteten Kindheit, summieren sich zu einem wütenden Höllenpsalm, der gegen das Verbot des Denkens der Gewalt zu Felde zieht und im nächsten dritten Zyklus, "KopfmeinKopf", gegen den Pakt der Moral, speziell der Sexualmoral mit der Religion.

Jetzt folgen auf die nackt organhaften Offenbarungen der Leidenschaft die zugehörigen zerebralen Innenbühnen mit herrlichen Bilder zerebraler Bewusstseinslandschaften im Raum zwischen Ich und Nicht-Ich, archaisch unentwickelten Regionen oder überbelichteten Zonen der neuzeitlichen Rationalität.

Dass die Klimax inzwischen überschritten ist und auf den anschwellenden der abschwellende Bocksgesang folgt, das kündigt die beruhigte Gangart des vierten Gedichts, "NahBlütenNah", an. Ein gleichmäßig atmendes Sprechen gilt nun nicht mehr der überwältigenden Präsenz und Potenz des Lebens, sondern seiner Absenz, seinem Verschwinden und den Spuren, den es an den Rändern des Sichtbaren zurücklässt. Die Lebenskraft gehört dazu, die nur an ihrer Wirkung ablesbar ist, und Werdensformen, flüchtige Knospen und Blüten, die sich auf der zerebralen Bühne in elektro-chemische Prozesse, Wellen und Vibrationen verwandeln. Hier, an den Grenzen organisch-anorganischen Lebens, findet Böhmer den "Traum von der Dauer" verwirklicht. Die Coda bilden zwei Gedichte, die auf das Gewesene zurückblicken, zunächst in "Wassermusik" noch Spuren ausfindig machen und in "Wer da?" schon zweifelnd nachfragen.

Ein maßloses unbändiges zügelloses Buch, herrlich abscheulich, herzhaft obszön, leidenschaftlich mitleidend und durchaus gelegentlich absturzgefährdet, eine entschlossen verwilderte Ausschweifung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare