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Grillen, Firma und Familie

Hat das Zeug zum soziologischen Klassiker: "Keine Zeit". Arlie Russell Hochschild erforscht den Zwölfstundentag aus größter Nähe

Von Frank Keil

Man befindet sich noch mitten in der Einleitung, da wird einem ein Hund vorgestellt: Tiffy, ein Dackel, betritt das Pensionszimmer, in dem die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild noch relativ gut gelaunt auf dem Bett liegt und in ihren Forschungsunterlagen liest. Regelmäßig schaut der Dackel bei ihr vorbei. Doch er meint nicht sie persönlich. Er kommt einfach gerne in das Zimmer, das ihm irgendwie behaglich zu sein scheint, dann verschwindet er wieder. Man wird im Weiteren immer wieder an diesen Dackel zurückdenken, der da frei von allem messbarem Zweck seinem eigensinnigen Treiben nachgeht - steht dieses doch im Gegensatz zu Hochschilds Untersuchungsgegenstand, einem prosperierenden Unternehmen, das es sich unter dem Slogan "Work-Life-Balance" auf die Fahnen geschrieben hat, seinen 26 000 Mitarbeitern zu ermöglichen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, auf dass diese glücklich leben und die Firma bestens gedeihe.

Ihr Material hat Hochschild in den Jahren 1990 - 1993 gesammelt; das Ganze ist also etwas länger her, erst recht wenn man den Werdegang der New Economy bedenkt. Doch mindert das nicht den Erkenntniswert ihres Buches, das ob seiner Mischung aus Narrativem und Analytischem das Zeug zum soziologischen Klassiker hat. Hochschild begnügt sich nicht damit, eine einmal gefasste These erst nachträglich zu bebildern: Stattdessen schaut sie, denkt nach, fragt nach, schaut erneut und stellt erst allmählich Erklärungen zur Diskussion. Sie ist mit dabei, wenn die Mütter ihre Sprösslinge kurz vorm Morgengrauen im firmeneigenen Hort abwerfen; sie sitzt in Umkleideräumen und in geräumigen Konferenzsälen. Sie steht sonntags am Grill, wenn das erschöpfte Firmenpersonal Reste von familiärer Geborgenheit zu inszenieren sucht.

Quell ihres Wissensdurstes ist ein seltsamer Widerspruch: Wie kann es angehen, dass eine Firma nicht müde wird, ihre Anstrengungen einer Vereinbarkeit von Familie und Berufsleben lauthals zu propagieren, dieses aber in der Praxis keinerlei Niederschlag findet? Wieso gibt der normale Mitarbeiter durch die Bank an, weniger arbeiten zu wollen, während er tatsächlich keine Überstunde auslässt? Man darf nicht vergessen, dass wir hier in den USA sind; und so geht es hier nicht um die Halbierung einer 38-Stunden-Woche. "Reduzieren" heißt in diesem Unternehmen vielleicht, 40 statt 60 Stunden zu arbeiten. Und wenn mit Sam der eine von zwei Männer auftaucht, der es gewagt hat, den verbrieften Anspruch auf Erziehungsurlaub auch für Männer wahrzunehmen, dann sind damit die zwei Wochen unmittelbar nach der Geburt des Kindes gemeint.

Der Kapitalismus sei, hat die Autorin in einem Interview wie nebenher fallen lassen, nicht länger allein ein Wirtschaftssystem, sondern vor allem ein Kultursystem. Das klingt zunächst ungeheuer banal. Doch je weiter man ihn ihr Buch und damit in diese Firma eintaucht, desto mehr wird man Zeuge, wie die Arbeitswelt mit ihrer gezielten positiven Konnotation das Familiäre bedrängt, austrocknet. Nicht wenige Frauen werden Hochschild teils offensiv, teils ironisch getarnt erklären, dass sie sich erst auf der Arbeit entspannen würden, dass sie erst dort Wertschätzung erhalten und sich bewähren könnten, während das Heim Tag für Tag mehr zu einem Ort der Mühsal und der Qual verkommt, von dem man sich nicht mehr erholt, gegen den man nicht mehr ankommen wird. Wo in der Firma alles genauestens geregelt ist, wo Lob und Tadel und Anerkennung verteilt werden, gerinnt das Familienleben mit seinen diffusen Beziehungssystemen zu einem Ausflug in eine Kampfzone, bei dem man entsprechend gerüstet sein sollte. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht Hochschild nicht um eine Revitalisierung durch blanke Aufwertung des Familienraums, wie ihn im vergangenen Jahr besonders die konservative Familienkritik immer wieder forderte. Und wenn Hochschild ohne Zaudern die Kinder die eigentlichen Verlierer dieser Zeitgefechte nennt, dann hat sie dabei besonders die Männer im Blick. So die (vorwiegend männlichen) Führungskräfte, die es längst verstanden haben, sich eines nett klingenden Managementskauderwelschs zu bedienen, ohne von ihren Dogmen abzurücken, aber auch die Lebenspartner, die sich jede Mitarbeit im Haushalt begleichen lassen. Und Hochschild zeigt, wie sich die Auseinandersetzungen um Zeit, Geld und Freiräume ins Abstruse steigern, wenn Ehepartner jeweils angebotene Überstunden und Extraschichten nicht ausschlagen, um den jeweils anderen dazu zu zwingen, seinen Anteil an der Familienarbeit eventuell zu steigern, mindestens aber im bisherigen Umfang beizubehalten. So hält man sich in Schach.

Hochschilds Werk ist dabei mitnichten allein für berufstätige Eltern von Erkenntnisnutzen. Man muss die Ergebnisse aus 130 Interviews, aus ihrer teilnehmenden Beobachtung und auch dem Abgleich ihrer Schlüsse mit Untersuchungen von Kollegen nur ein wenig abstrahieren, und einem wird klar, wie die Arbeit jedes private Leben paralysiert, erteilt man ihr nur die Vormachtstellung. Ein Muster, das auch für den aktuellen Freiberufler gültig ist und selbst den Kinderlosen mit einschließt, der da meint, das alles sei (noch) nicht sein Problem, und der nicht darauf hoffen sollte, dass das Prinzip der Entwertung jedes persönlichen und nicht der Arbeit verpflichteten Daseins ausgerechnet ihn nicht erfassen wird.

Es sind gerade die kleinen Szenen, in denen der Zusammenprall der mächtigen Welt der Arbeit mit der schwächlichen Welt des Privaten und Häuslichen besonders eklatant wie verständlich wird: Wenn Hochschild von Denise erzählt, wie sie jeden Abend nach einem Zwölfstundentag vorm Kühlschrank von einem ihr in seiner ganz Tragweite nicht verständlichen Weinkrampf heimgesucht wird; von den Carpenters, die morgens eine Stunde früher aufstehen, damit sie überhaupt Zeit mit dem Kind verbringen können. Oder von John, der der Autorin im Keller stolz seine nagelneue Elektrosäge vorführt, mit der er das Baumhaus für seine Tochter nie fertigen wird.

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