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Grenzfälle

Joyce Carol Oates' Roman über eine Familientragödie

Von Ursula März

Es gibt Schriftsteller, die berühmt, aber unbekannt sind, weil sie so wenig schreiben, dass sie ein ewiges Gerücht, eine Fama, bleiben. Und es gibt den umgekehrten Fall: Schriftsteller, die so viel schreiben, dass niemand mehr ihr Werk vollständig überblickt, die zwar berühmt, aber ihrer schieren Überproduktivität wegen ebenso unbekannt sind. Ein solcher Fall ist die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates. Ihre Veröffentlichungsliste ist weniger beeindruckend denn furchterregend. Jahr um Jahr ein neuer Roman, wenn nicht zwei, dazu Erzähl- und Lyrikbände, Aufsätze und Essays.

Schreiben in solch schierer Quantität gilt als suspekt. Es verdankt sich entweder den herabgesetzten Ansprüchen der Unterhaltungsliteratur oder aber dem obsessiven Umkreisen eines ewig unerledigten Themas, eines unverarbeiteten Traumas. Beides trifft auf Joyce Carol Oates zu. Unübersehbar befindet sich auch ihr 1996 in Amerika und nun in deutscher Sprache publizierter Roman Wir waren die Mulvaneys in Grenznähe zur literarischen Unterhaltung. Und unübersehbar gibt es einen Hang der Autorin zu Geschichten, in denen das Private, Familiäre ins Gewalttätige kippt.

Als ihr persönlichstes Buch hat die 65-jährige Autorin den Roman über die Familientragödie der Mulvaneys bezeichnet. Eine Aussage, die dazu verführt, in diesem Roman die Urgeschichte zu suchen, die die märchenhafte Text- und Buchvermehrung in der literarischen Werkstatt von Joyce Carol Oates antreibt. Der Roman umfasst knapp 600 Seiten - keine Frage, weniger wäre künstlerisch mehr. Er wird erzählt vom jüngsten Mitglied der Familie Mulvaney - keine Frage, er wäre ein besserer Erzähler, wenn er von der Lizenz zu einem vagabundierenden, von einer zur anderen Figurenperspektive wechselnden Allwissenheit weniger Gebrauch machte. Er sagt "ich" und meint "wir", Joyce Carol Oates ahnt diesen Widerspruch und versucht ihn zu bereinigen. Die Jüngsten in der Familie, erklärt sie an einer Stelle des Romans, die Kinder, die am unteren Ende der Geschwisterreihe stehen, hätten im Grunde genommen keine eigenen Erinnerungen. Sie hätten so oft und so viel von den Erinnerungen der anderen und Älteren gehört, dass sie einfach deren Erfahrungen als die eigenen übernehmen. Sie sind deshalb, so könnte man folgern, die idealen Familienchronisten, sie geben das Orchester des Clans wieder.

Tatsächlich ist auch in Natalia Ginzburgs Familien-Lexikon die jüngste Schwester die Erzählerin für all die Stimmen der anderen. Aber, und das ist der entscheidende Unterschied, sie berichten nur, was sie diese Stimmen auch sagen hörte. Der Erzähler der Mulvaneys aber erzählt von der Zerstörung einer Familie durch ein Verbrechen, das nie beim richtigen Namen genannt und dessen Umstände immer verschwiegen wurden. Die Welt der Mulvaneys, ihr Leben auf einer Farm am Rande einer amerikanischen Stadt in den sechziger Jahren, ist so heil wie die Welt von Bullerbü. Die Eltern lieben sich, die vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, gedeihen in und außerhalb der Schule, der Glaube an Gott und an den amerikanischen Traum ist groß und unbeschädigt.

Aber all das geht am Valentinstag 1976 kaputt, als die 17-jährige Tochter Marianne von einem älteren Mitschüler, dessen Familie der Oberschicht angehört, vergewaltigt wird. Die fanatische Religiosität vergiftet das Mädchen mit Schuldgefühlen und hindert sie daran, bei der Justiz gegen den Täter auszusagen. Der Vater, den die eigene Ohnmacht kränkt, kann die Geschändete nicht mehr um sich haben und schickt die Tochter aus dem Haus.

Sie wächst bei einer Tante auf. Die Söhne verlassen einer nach dem anderen das Haus. Die Eltern zerreiben sich in Schuld und Scham, ein Desaster vom Ausmaß einer griechischen Tragödie. Bei allen handwerklichen Schwächen ist Joyce Carol Oates der Intensität der Geschichte am Ende gewachsen.

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