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Grenzen

"tage-bau.de" in Wiesbaden

Von Jamal Tuschick

Das "Berliner Zimmer" versteht sich als Salon im weltweiten Netz. Darin kann man sich mitteilen und austauschen. Man kann der Fiktion Raum geben und so seine Identität ausbauen. Das schafft Volumen gleichsam im Zustand der Schwerelosigkeit und einer beschränkten Haftung.

Wie sich solche Prozesse zur Literatur verhalten, muss von Fall zu Fall bestimmt werden. Das Medium fördert populäre Missverständnisse über Kultur. Vom Gespräch im idealen Salon konnte man ausgeschlossen werden, an den Netz-Debatten darf jeder teilnehmen. Das Internet erweitert die Möglichkeiten Kunstfiguren mit Prothesenfunktionen in die Welt zu setzen und damit das Spektrum, in dem Illusionen ihrem Gegenteil bis zur Ununterscheidbarkeit nahe kommen. In dieser Sphäre lassen sich Spekulationen kaum noch abwehren, weil alle mit gleich gutem Recht ihre Sache zu vertreten scheinen.

Vielleicht wurde deshalb ein Projekt von dem Kultursender arte mit dem Innovationspreis ausgezeichnet, das seine Probanden bloßzustellen droht. Die Rede ist vom Netztagebuch tage-bau.de, das, so Mitherausgeberin Sabrina Ortmann, 1999 "ins Leben gerufen" wurde. Fünfzig Autoren aus sechs Ländern beteiligen sich täglich am Forum. Jedes Jahr wird ein Thema ausgeschrieben, 2003 steht "Borderline" dafür.

Im Pariser Hoftheater in Wiesbaden lasen nun neun tage-bau.de-Aktivisten vor, was ihnen zur Vorgabe eingefallen ist. Den Anfang gestaltete Anita Behrenroth so: "Hallo, ich bin Anita. Ich bin aus München." Sie hat sich selbst ein paar Grenzen gezogen und berichtete davon mit entwaffnender Naivität. In ihrer Geschichte gelangt die Erzählerin durch einen Garten ans Meer: "Die Blumen schliefen noch." Am Strand legt sie das Nachthemd ab und eine Muschel dazu. Sie weiß: "Ein April macht noch lange keinen Sommer." Als Zuhörer wurde man das Gefühl nicht los, dass sich hier jemand krampfhaft an ein Thema heranzudichten versucht hatte, dem alle Grundbegriffe fehlten. Das traf auch auf Uwe Schick zu, der einen "zufrieden lächelnden" Herbert ins Feld führte, der gelegentlich "die Zinken einer Gabel in Fleisch jagt".

Schick wurde von Christiane Nägler abgelöst, die eine kleine, nur halb verkitschte Hörigkeitsgeschichte zum Besten gab, deren großer Vorzug darin lag, dass sie offenbar nicht an den Haaren herbeigezogen worden war. Eine femme fatale mit Bezwingungsfantasien spielte die Hauptrolle bei Nägler.

Auch extreme Gewalterfahrungen kamen zur Sprache, in einem Text von Mone Hartman. Sie war als Autorin klug genug, um eine Vorstellung von den engen Grenzen ihrer Mittel zu haben. Auch insoweit blieb sie beim Thema. Indes gingen ihre unverstellten Auskünfte über einen Knastbesuch unter die Haut.

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