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Ehemaliger Grenzübergang in Berlin, 1990.

Wende-Roman

Gregor Sander: Der Putz bröckelt nicht, er ist schon ab

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Wie es später weiterging: Gregor Sanders Wende-Roman „Alles richtig gemacht“.

Langwährende Jungsfreundschaften sind selten – im Leben wie in der Literatur. Gregor Sander erzählt uns von einer Ausnahme, von Thomas und Daniel, die in den achtziger Jahren in Rostock zur Schule gehen. Der eine hat es leicht in der Schule, zu Hause alles ganz gediegen, den Eltern gehört eine Drogerie. Der andere, eher ein Eigenbrötler, kommt gerade so durch. Er lebt allein mit seiner Mutter, mal kocht sie, mal hat er schon gekocht, wenn sie von der Arbeit im Krankenhaus kommt. Die beiden Jungen sind genauso unterschiedlich wie ihre Eltern, verstehen sich aber fast wortlos. Höchstens mal ein Satz wie „ganz schön kalt, das Wasser“, wenn sie im Frühjahr in die Ostsee springen. Die politischen Veränderungen in der DDR beschäftigen sie – in Maßen. Eher interessiert sie, wie man mit einem Mädchen schläft.

Erst als sich in Rostock Ausländerhasser formieren und ein Flüchtlingsheim anzünden, wachen die beiden auf. Auch sie werden von Skins angegriffen, und einmal wird Daniel brutal zusammengeschlagen. Thomas steht fassungslos am Rand und guckt zu, wie sich sein Freund blutend am Boden krümmt. Er weiß nicht, ob Daniel mitbekommen hat, wie stumm und regungslos er geblieben ist, sie sprechen nicht darüber, nie. Daniel geht weg aus Rostock, das Hotel, in dem er Koch lernt, wird sowieso gerade abgewickelt. In Berlin kann er billig wohnen. „Die Häuser waren völlig heruntergekommen. Der Putz bröckelte nicht, er war schon ab.“

Fraglich, ob die Freundschaft hält. Der Roman springt weit nach vorn, Mitte 40 sind die beiden jetzt. Daniel hat sich irgendwann polizeilicher Verfolgung entzogen und mit dem Pass von Thomas nach Frankreich abgesetzt. Und plötzlich, nach vielen Jahren, taucht er wieder auf in Berlin, wo Thomas sich gerade als Anwalt mit einem Mandanten herumschlägt und ständig zu viel trinkt. Gerade hat ihn seine Frau verlassen.

Die Geschichte ist kompliziert wie das Leben, aber keineswegs kompliziert zu lesen. Gregor Sander schreibt lebendig und bildhaft: Thomas sieht bei seiner Mutter, die immer so akkurat und gepflegt war, zum ersten Mal den ungefärbten Haaransatz, zweifingerbreit. Die eigene Drogerie ist futsch, sie arbeitet jetzt bei Schlecker, noch. Bei seiner pubertierenden Tochter dagegen, gerade in Aufbruchstimmung, sieht er vom Kinn abwärts blond gefärbte Haare, wie Schokoladenpudding mit Vanillesoße.

Spannend bleibt die Geschichte, weil Gregor Sander misstrauisch macht. Betrügt einer der Freunde den anderen? Die Frage blitzt immer wieder durch, zumal die beiden auch einige ganz schön krumme Dinger gedreht haben, zumal Thomas auch noch seine Frau zusammen mit Daniel beobachtet.

Gregor Sander ist selbst in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen. Wie die Jungen in seinem Roman ist er erst in die Lehre gegangen, bevor er studiert hat, Schlosser und Krankenpfleger, und auch er war in der Wendezeit Anfang 20. Eines seiner früheren Bücher, „Was gewesen wäre“, wurde verfilmt mit Christiane Paul und Ronald Zehrfeld und kommt demnächst ins Kino. Jetzt also ein Roman über Freundschaft, aber auch über gesellschaftliche Veränderungen, über neue Wege und Abzweigungen. Wer in den Nachwendejahren in Berlin unterwegs war, wird unzählige Orte und Stimmungen wiederfinden. Zwischen Volksbühne und Chausseestraße, zwischen Inszenierungen von Christoph Marthaler und Ausstellungen von Neo Rauch, zwischen Entdeckerfreude und Abbruchstimmung.

Heute sieht es dort ganz anders aus, auch ein Thema des Romans. Gregor Sander betrachtet das alles mit Abstand und mit Sinn für Komik.

Gregor Sander: Alles richtig gemacht. Roman. Penguin Verlag, München 2019. 240 Seiten, 20 Euro.

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