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Greg Buchanan „Sechzehn Pferde“: Wer Tiere quält

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Von: Sylvia Staude

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Ein Pferdeauge, rar, weil es blau ist.
Ein Pferdeauge, rar, weil es blau ist. © AFP

„Sechzehn Pferde“, ein so dichter wie dunkler Erstlingsroman von Greg Buchanan.

Dies war unter seiner Würde“, findet Detective Sergeant Alec Nichols, an diesen Tatort gehört er nicht: Eingegrabene Pferdeköpfe auf einem Feld, nur jeweils ein großes, bekümmertes, glänzendes Auge ist nicht von Erde bedeckt. Dazu Schweife, schwere, zottelige Haarbüschel wie geheimnisvolle Gewächse. „Es handelte sich genau genommen um Sachbeschädigung, um ein Eigentumsdelikt.“ Der Detective fühlt sich nicht zuständig, einerseits. Es fasziniert ihn, andererseits. Denn wer tut so etwas, sechzehn Pferdeköpfe abtrennen (und wo sind eigentlich die Körper?) und auf einem Feld eingraben? Und will derjenige damit etwas sagen? Später wird Nichols die Zahl 16 googeln und was sie alles bedeuten kann (eine Menge). Aber vielleicht ist es auch nur Versicherungsbetrug, er hat mal von so einem Fall gehört.

Der Brite Greg Buchanan, Jahrgang 1989, hat an der University of East Anglia Creative Writing studiert und sich, so der Klappentext, bereits einen Namen gemacht als Drehbuchautor für Videospiele. Sein Debütroman „Sechzehn Pferde“ (Orig. „Sixteen Horses“, 2021) bringt zwar auch, Zug um Zug, überraschende Wendungen, doch gehört er in die Schublade „literarischer Krimi“, in die mittlerweile sortiert wird, was sich vor allem stilistisch von leicht konsumierbarer, barrierefrei lesbarer Spannungsliteratur abhebt.

Und was außerdem den Kriminalroman als ein Genre ernst nimmt, das Relevantes über die Gesellschaft mitteilt, die es jeweils abbildet. Bei Buchanan ist das ein (fiktiver) englischer Küstenort namens Ilmarsh. Es ging rapide bergab mit dem Städtchen, seit die einheimische Industrie – hauptsächlich Ölförderung und Fischerei – wegen der Erschöpfung der Ressourcen zumachen musste. Arbeiter, Angestellte zogen weg, so gingen dann die kleinen Läden ein. Und als Landwirt kommt man ebenfalls kaum noch über die Runden. Der Verfall ist sichtbar, da hat man als Ermittler schon mal die Idee mit dem Versicherungsbetrug.

Das Buch:

Greg Buchanan: Sechzehn Pferde. Roman. A. d. Engl. von Henning Ahrens. S. Fischer, Frankfurt 2022. 448 S., 22 Euro.

Aber es kann auch ein gefährlicher Spinner sein, der zuerst Pferden die Köpfe abschneidet und dann womöglich Menschen. Vielleicht ist es auch mehr als ein Täter. Ein nächtlicher Ohrenzeuge, ein Wohnsitzloser, glaubt, zwei Leute gehört zu haben, und dass einer davon weinte. Ein Mann und eine Frau (doch, man geht davon aus, dass Frauen eher weinen)?

Die Polizei zieht eine Tierpathologin zurate, Dr. Cooper Allen. Und obwohl die Leserin durchschaut, dass Buchanan nun das in Krimis so beliebte Spiel der Abstoßung und Anziehung zwischen zwei Ermittelnden beginnen lässt, ist auch bald klar, dass Erwartungen für ihn etwas sind, das man als Autor auch brutal enttäuschen kann. Nichols und Cooper sind auf je andere Weise Einzelgänger, er mürrisch, sie kühl, aber verbindlicher.

Aber ohnehin wird sich bald herausstellen, dass die Sache ein paar Nummern zu groß für die beiden ist: Ein Bacillus anthracis wird in den Pferdeköpfen gefunden, ein Milzbranderreger, im Krieg wurde er auf einer nahen Insel kultiviert. „Auf schlampige Art“ kultiviert, wie eine „neue Kollegin“ namens Ada erklärt, deren genauen Status Cooper nicht erfährt. Es wird wohl der britische Inlandsgeheimdienst sein.

Greg Buchanan erzählt einerseits unaufgeregt. Erzeugt andererseits eine konsistente Atmosphäre aus Dunkelheit und Bedrohung. Andeutungen müssen oft genügen. Und diese Andeutungen wecken problemlos schlimme Assoziationen. Man möchte wissen und gleichzeitig nicht wissen. Und ahnt, dass eine Geschichte, die mit dem Menetekel so grausam getöteter Tiere beginnt, nicht gut enden kann.

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