Die grausame Arbeit der Gewalt

Das Recht auf Weiterleben in Gedanken: Antonio Lobo Antunes und J. M. Coetzee als "Dichter zu Gast" bei den Salzburger Festspielen

Von ANTON THUSWALDNER

Es ist mittlerweile Tradition, dass im Rahmen der Salzburger Festspiele ein "Dichter zu Gast" gewürdigt wird. In diesem Jahr waren es gleich drei hochkarätige Autoren, denen eine Reverenz erwiesen wurde - der Portugiese Antoniuo Lobo Antunes und zwei Literatur-Nobelpreisträger: J. M. Coetzee aus Südafrika und die im vergangenen Jahr ausgezeichnete Elfriede Jelinek.

Die Romane von Antunes sind ebenso voll von Gewalt wie jene von Coetzee. Romane der beiden wurden im Verlauf der letzen Wochen in szenischen Bearbeitungen auf die Bühne gestellt. Wie kann das gelingen, ohne Voyeurismus zu bedienen?

Deutlichkeit, die nicht im Buch steht

Vielleicht so: Sechs Gestalten in Schwarz betreten die Bühne, die Zeit der Finsternis ist angebrochen. Ein Regime räumt auf und sucht sich seine Opfer. Die Stimmen bekommen ein Gesicht, der Untersuchungsbeamte, der Priester, der Terrorist melden sich nach und nach zu Wort. Fein säuberlich geht es zu unter der Leitung von Martin Kusej. Die Bearbeitung des Romans Die Leidenschaften der Seele bekommt eine Deutlichkeit, die nicht im Buch steht.

Lobo Antunes trennt Stimmen nicht deutlich mit scharfem Schnitt voneinander, für den Leser stellt sich deshalb immer wieder die Frage, wer denn da eigentlich spricht. Übergänge von einer Identität zur anderen entstehen, die Perspektive ist leicht verschoben und das Opfer könnte ein Täter sein. Diese gleitenden Übergänge, dieses Erschrecken über die Auflösung der verschiedenen Ichs, gehen auf der Bühne verloren. So kommt etwas anderes heraus, wenn sich die wunderbare Elisabeth Orth gemeinsam mit Daniel Jesch, Rudolf Melicher, August Schmölzer, Johannes Terne und Andreas Wimberger eine schmale Spur durch den Roman bahnt. Nein, eine Handlung ist nicht zu erzählen, aber eine bedrückende Stimmung stellt sich ein, die Atmosphäre, in der die Unwägbarkeiten einer obsessiven Politik den Boden einer ständigen Unsicherheit bereiten.

Es geht aber auch so: Eine junge Frau (Katja Bürkle) betritt die Bühne. Wir befinden uns Im Herzen des Landes, einem Roman von J. M. Coetzee. Die Tochter des Farmers erduldet Heimsuchungen ihrer Einbildung, die sie in die Verlorenheit stürzen. Aus dem Lautsprecher dringt ihre Stimme, die ihr einflüstert, wie sich ihr Vater mit einer jungen Afrikanerin vergnügt. Die Stimme ist eine Intrigantin, sie stachelt den Hass an und macht die Erniedrigung endgültig. Eine Frau steht unter Einfluss und findet einen Ausweg in die Gewalt. Katja Bürkle spielt einen Menschen, der nicht ein noch aus weiß, der sich einspinnt in seinen eigenen Käfig der Imagination und mit Gewalt reagiert auf Verhältnisse, die ihr die Luft zum Atmen nehmen.

Es war eine ruhige Inszenierung, die Marc von Henning erarbeitet hat, eine Geschichte der Innenwelt, in der die Geister und Dämonen die Oberhand haben. Schreckliches vollzieht sich in einem gnadenlos kaltblütigem Ton, Gewalt wird nicht als Ausnahme gehandelt, sondern wirkt wie ein Anwendungsfall der Verzweiflung.

Ganz anders geht Blixa Bargeld, der Coetzees Roman Warten auf die Barbaren für die Bühne adaptierte, mit Gewalt um. Seine Inszenierung ist schrill und laut. In Thomas Thieme hat er den idealen Magistratsbeamten gefunden, der nicht länger zusehen will, wie seine Regierung in dem kleinen Volk am Rand des Reiches willkürliche Gewaltakte setzt. Bargeld inszeniert Folter, und er findet Bilder, die unter die Haut gehen. Es entsteht eine Atmosphäre, in der die Bedrohung allgegenwärtig ist. Thomas Thieme watet durch ein Styroporteilchenfeld, er leidet und schwitzt, er kämpft und unterliegt. Bei Blixa Bargeld wird Gewalt körperlich, bei Marc von Henning zerstört sie die Seele. Völlig beruhigt lief es bei Nina Hoss ab, die Passagen aus Coetzees Roman Schande las. Sie brachte einen konsequenten Gleichmut auf, als sie Szenen einer Vergewaltigung vortrug, von Aufgeregtheit keine Spur.

Den letzten Zuhörer nicht verlieren

Noch einmal Gewalt: Werner Wölbern spielt eine komprimierte Fassung von Lobo Antunes' erstem Roman Der Judaskuss. Ein Mann redet eine Nacht lang auf eine Frau ein. Er hat etwas los zu werden, seine Geschichte, die ihn bedrängt: Da ist der Krieg in Angola, den er mitgemacht hat und die Rückkehr nach Portugal, ein Land, das er jetzt nicht mehr versteht. Er ist geschlagen, seine Ehe ist zerbrochen, und so, wie dieser Mann redet, atemlos und besorgt darum, die einzige Zuhörerin nicht zu verlieren, redet nur einer, der allein in der Welt steht. Die Regisseurin Tina Lanik hat Werner Wölbern dazu gebracht, in Bewegung zu sein. So kommt sportive Ablenkung in eine dichte Fassung des Romans.

Abgeklärt verlief die Lesung aus Antunes' neuem Roman Guten Abend ihr Dinge hier unten, der im September auf Deutsch bei Luchterhand erscheinen wird. Hier ist es keineswegs ausgemachte Sache, wer näher am puren, unverfälschten Leben ist: derjenige, der, vom Glück beschenkt, ein Leben in Harmonie und Überschwang führen darf, oder jener, der Erfahrungen gemacht hat, die ihn in die Einsamkeit stürzen.

Lobo Antunes erzählt von den Verstoßenen, die nicht mehr so recht Tritt fassen in der Wirklichkeit, die allen anderen so selbstverständlich und natürlich zugänglich ist. In dem Roman, den Burgtheater-Direktor Klaus Bachler gemeinsam mit dem Autor präsentierte, sind sie wieder da, diese Antunes-Gestalten, die sich heillos verrannt haben in den Tiefen ihrer eigenen Geschichte, der sie nie und nimmer entkommen.

Sie sind getrieben wie jene Frau, die die Stätten ihres früheren Lebens aufsucht, um dem Erzähler zu zeigen, "was es nicht mehr gab, so wie es Luanda beinahe nicht mehr gab, Angola nicht mehr gab, Afrika nicht mehr gab". Alles, was es nicht mehr gibt, fordert aber unbarmherzig das Recht auf Weiterleben in den Gedanken und Gefühlen der Opfer.

Lobo Antunes hielt sich als Arzt im Angola-Krieg auf, als Portugal mit der unerbittlichen Macht einer autoritären Regierung gegen die Befreiungsbewegung seiner Kolonie vorging. Das machte aus einem zufriedenen Menschen, der unter gutbürgerlichen Verhältnissen herangewachsen war und das Salazar-Regime niemals in Frage gestellt hatte, zu einem entsetzten Zeugen eskalierender Gewalt. Bis heute wurde er Angola nicht mehr los, und so kratzt er mit seinen Romanen den strahlenden Glanz portugiesischer Größe vorsätzlich an.

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