Unbehagen

Das Grauen in der Taiga

  • schließen

Wer nicht verloren gehen will, muss im neuen Roman von Petra Hulová gut aufpassen.

Petra Hulová ist Spezialistin für Fragen rund um das Unbehagen in der Kultur – der anderen und der eigenen. Schon im Debütroman „Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe“ führte sie die Vorstellungskraft fern von europäischen Erfahrungswelten spazieren. Als ihr dritter Roman „Endstation Taiga“ 2008 im Original erschien, war die Tschechin, die Mongolistik und Kulturwissenschaft studiert hat, gerade einmal 29. Diese junge Autorin sucht sich ihre Themen selbstsicher außerhalb jedes Erwartungshorizonts und umspielt sie auf hohem reflektorischen und poetischen Niveau.

„Endstation Taiga“ spielt in Sibirien und handelt doch eher nicht davon. Vielmehr ist „Sibirien“ ein Symbol für das eigentliche Thema: die Faszination für das Andere, wie sie vor allem Europäer befällt. Es ist eine Faszination, die sich ihren Gegenstand geradezu zufällig sucht und in ihrer unreflektierten Form, wie gezeigt wird, fatale Folgen haben kann.

1946 macht sich der Däne Hablund Doran auf den Weg nach Sibirien, geleitet von diffuser Abenteuerlust und oberflächlichen Kenntnissen über die dortigen Völker. In Kopenhagen lässt er seine Frau Marianne zurück, die ihn lange schmerzlich vermissen, noch länger suchen und später ein dem seinen seltsam ähnliches Ende nehmen wird. Einen Brief bekommt sie, danach nichts mehr; Doran ist verschwunden.

Eine ungeheuerliche Pointe

Sechzig Jahre später macht sich ein anderer Däne auf den Weg, um seinem Verbleib nachzuforschen, der Student Erske Jenkel. Dessen Erfahrungen mit den Einwohnern des Dorfes Charyn (auch wenn vordergründige Symbolik im Roman nicht angelegt ist, ist die phonetische Nähe zu „Charon“ wohl nicht zufällig) scheinen zunächst parallel zu jenen seines Vorgängers zu verlaufen. Doch immerhin gelingt Erske problemlos die Wiederabfahrt.

Hulová macht es weder Lesern noch Figuren einfach. Die Perspektive wechselt häufig zwischen verschiedenen Figuren und einer schwer fassbaren Erzählstimme. Diese auktoriale Instanz verhält sich zurückhaltend, protokolliert die Ereignisse mehr, als sie narrativ zu dramatisieren.

Die ungeheuerliche Pointe der zu erzählenden Geschichte wird damit schon vorab neutralisiert, in den Fluss der Ereignisse gebettet. Das ist gefährlich. Denn wir sind per verinnerlichter Tradition konditioniert, uns leiten zu lassen vom gestalteten, in Höhepunkte und Nebenschauplätze gegliederten narrativen Parcours. Den aber gibt es hier nicht in gewohnter Weise. Wie Erske in der Taiga sind wir darauf angewiesen, selbst die Wegweiser zu finden. Wir tun gut daran, achtsam einen Schritt vor den anderen zu setzen und wach zu bleiben, auch wenn wir oft in Gefahr geraten, uns einlullen zu lassen von diesem leisen, wie traumwandelnden, niemals etwas erklärenden Erzählgang.

Dem Übersetzer Michael Stavaric ist es gelungen, einen Tonfall für diese Prosa zu finden, der sie in leichtem, gleitendem Fluss hält, und doch hätte man sie sich noch unauffälliger gewünscht. Eine übertriebene Anhänglichkeit an die tschechische Syntax führt oft zu seltsamen Wortstellungen und im Deutschen falschen Zeitgefügen; zahlreiche Austrizismen hemmen das Lesen.

In einem Roman, der so hintersinnig mit Exotismen spielt, könnte man argumentieren, passt es doch ganz gut, auch der Sprache eine Prise Exotik beizumischen. Das Exotische aber hat die Tendenz, aufzufallen. Und das Eigenartige am hulovesken Erzählen ist eben sein trügerisch glatter narrativer Fluss. Nichts darf aus ihm herausstechen. So sind wir gezwungen, ganz genau hinzusehen, um unter der ruhigen Oberfläche das Grauen überhaupt zu entdecken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion