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Die grauen Herren

Giulietto Chiesa über das amerikanische Imperium

Von Ulrich Speck

"Unentwegt und schamlos wird an einem perfekten Lügengespinst gearbeitet", so bringt Giulietto Chiesa seine Botschaft auf den Punkt: Wir alle sind Opfer einer gigantischen Manipulatonsmaschinerie, aufgebaut, uns Sand in die Augen zu streuen und uns ruhig zu halten. Gut, dass der ehemalige Moskau-Korrespondent von La Stampa uns jetzt endlich darüber aufklärt, wie die Welt in Wirklichkeit ist.

Seine Variante geht so: Schon seit einiger Zeit hat eine Art Geheimbund die Macht übernommen und arbeitet daran, seine Weltherrschaft auszubauen und zu festigen. Chiesa nennt ihn "die Kuppel". Dieser exklusive Klub von Hypermächtigen aus Finanz und Politik dirigiert, mit aller nur denkbaren Raffinesse, den Lauf der Weltgeschichte. Nicht nur die Weltpresse, selbst die Terroristen, die das World Trade Center zum Einsturz brachten, sind nichts anderes als ferngesteuerte Marionetten. Wer ganz oben auf der "Kommandobrücke" steht, darüber erfährt man zwar nichts Genaues. Wir können ihn uns aber als eine Art Teufel vorstellen. Oder, in einer zeitgemäßeren Variante, als einen Dr. No. Kein Zweifel besteht für den Journalisten allerdings darin, dass die Amerikaner im Club der Bösewichter die führende Rolle spielen. Das Reich des Bösen, es trägt den Namen USA.

Die These, dass Amerika an allem Schuld ist, was schiefläuft in dieser Welt, ist wenig originell. Und die Belege sind es ebensowenig: Auch Chiesa bezieht seine Informationen vor allem aus jener Weltpresse, die er im gleichen Atemzug der Desinformation anklagt. Nebenher plündert er das Argumente-Arsenal der Globalisierungskritiker und verbindet sie mit den handelsüblichen Verschwörungs-Thesen, die den 11. September auf dunkle Machenschaften von Geheimdiensten und anderen untergründig agierender Mächte zurückführt.

Diesen Mix aus Anti-Amerikanismus, Anti-Kapitalismus und Verschwörungsthesen würzt der Autor mit einer gehörigen Prise Weltuntergang. Wir stehen, erklärt er zu Ende seines Traktats, vor der "wahrscheinlich frontalsten" Auseinandersetzung in der Geschichte der Menschheit: Dem Kampf zwischen einer neuen Elite der entstehenden globalen Supergesellschaft und dem Rest der Welt. Das Ziel der Verschwörung der grauen Herren ist nicht weniger als ein "Superkrieg", mit dem Ziel der "Vernichtung" des Gegners.

Spätestens hier wird deutlich, Chiesa ist ein Apokalyptiker reinsten Wassers. Sein Referenzsystem stammt aus dem Christentum. Nichts ist, wie es scheint. Die wahrnehmbaren Phänomene sind nur Zeichen, die auf einen geheimen Plan, auf das Wirken verborgenen Mächte verweisen - Weltgeschichte als Heilsgeschichte, mündend in einen Endkampf zwischen Gut und Böse. Die Aufklärung, die uns Chiesa verspricht, erweist sich so als Obskurantismus alter Schule.

Schade. Denn "Europas Rolle im Kampf um die Weltherrschaft", wie der dramatisch zugespitzte Untertitel lautet, ist ein Thema, das man nicht nur den amerikanischen Think Tanks überlassen sollte. Und in einzelnen Passagen des Buchs wird erkennbar, dass Chiesa etwas zu dieser Debatte hätte beitragen können. Doch indem er seine Fakten und Überlegungen einem paranoiden System der Weltverschwörung unterordnet, wird er - und mit ihm sein Buch - zum Opfer seiner Obsessionen.

Giulietto Chiesa: Das Zeitalter des Imperiums. Europas Rolle im Kampf um die Weltherrschaft. Aus dem Italienischen übersetzt von Bettina Müller-Renzoni. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2003, 230 Seiten, 15,90 €.

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