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Noch feuert die Batterie und wirken die Mäuse konsterniert. Die Schlacht, illustriert von Theodor Hosemann, 1844.
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Noch feuert die Batterie und wirken die Mäuse konsterniert. Die Schlacht, illustriert von Theodor Hosemann, 1844.

200 Jahre „Nussknacker und Mausekönig“

Grauen, das aus dem Fußboden bricht

Vor 200 Jahren erschien E. T. A. Hoffmanns Weihnachtsmärchen „Nussknacker und Mausekönig“ und lehrt seither, wie Schrecken krass und unterhaltsam inszeniert wird.

Eine ganze Industrie hat E. T. A. Hoffmann mit allen Erfordernissen für eine echt schaurige Geschichte versorgt. Sie finden sich in „Nussknacker und Mausekönig“, zu Weihnachten vor 200 Jahren erstmals veröffentlicht.

Am besten steht am Anfang ein Idyll, das jedermann sich vorstellen kann und sofort auch will, weil es ihm entweder persönlich bekannt oder sein Wunschtraum ist. 1816 war das noch keine Reise in ein reizvoll gelegenes Ferienhaus, sondern vorzugsweise: Weihnachten (was offensichtlich bis heute ebenfalls funktioniert, wenn man etwa an den wahnsinnig schönen und doch beunruhigenden Weihnachtsbummel in „Eyes Wide Shut“ denkt).

Am besten kommt viel Spielzeug vor, am besten hat auch ein lieber Onkel noch etwas mitgebracht – denn schon im „Sandmännchen“ (West) war es für schreckhafte Kinder ambivalent, wenn das Männchen sagte: „Nun, liebe Kinder, gebt fein acht, ich hab’ euch etwas mitgebracht“. Was genau soll das sein? Will man es haben? Kennt man das Männchen gut genug für solcherlei Vertraulichkeiten?

Am besten ist dann der Abend vorbei, das Licht geht aus, und um Mitternacht, wo brave Kinder schlafen sollten – auch so vertraut: diese Angst, wach zu sein, wenn man nicht mehr wach sein sollte, und darum zu sehen, was kein Kind etwas angeht –, übernehmen die Gegenstände die Regie. Und dazu – genial – kleine Nagetiere, die für sich genommen harmlos sind, aber in der Masse zum Graus werden.

Hoffmann macht uns das deutlich wie Hitchcock und King es später machten (nachmachten): Marie ist ja genau keine Pimpernelle, hat auch keine Angst im Dunkeln, hat auch keine Angst vor Mäusen. Aber das, was sich jetzt aus dem Boden herauswuchtet, hervorarbeitet, „dicht, dicht vor ihren Füßen“, ist auch für ein Mädchen mit guten Nerven zu viel. Der Auftritt des siebenköpfigen Mausekönigs wurde von den Schleimmonstern und Marskraken der Neuzeit nur mehr quantitativ (noch mehr Köpfe, noch größer, noch organisch-wabbelnder), nicht aber qualitativ überflügelt.

Bekanntlich zeigt der große Manipulator und Erschrecker Hoffmann aber erst jetzt seine ganze Erfindungs- und Unterhaltungskraft. Militärische Kenntnis prägt die Schilderung der Schlacht zwischen bravem preußischen Spielzeug und barbarischen und gerade dadurch äußerst effizienten Mäusen. Diese bilden eine Walze der Zerstörung und werfen u. a. mit Dingen, mit denen keine anständige Maus werfen würde. Der wackere Nussknacker bemüht sich unterdessen, seine Mannen – darunter aber viele Puppen, die kaum Kampferfahrung haben, und Clowns, denen der sittliche Ernst abgeht – taktisch zur formieren. Als die Leute des kriegsmüden Pantalon nach links abschwenken und im folgenden Maus-Ansturm die Fußbank fällt, auf der die Batterie postiert war, muss der Nussknacker dem rechten Flügel befehlen, „eine rückgängige Bewegung“ zu machen, was – der Erzähler bringt es gleich auf den Punkt – „so viel heißt als davonzulaufen“. Waterloo-Kämpfer Gneisenau persönlich lobte Hoffmanns „Feldherrntalent“, da er „die gewaltige Schlacht so gut geordnet und Nussknackers Verlieren vorzüglich von der Eroberung der auf Mamas Fußbank schlecht postierten Batterie abhängig gemacht“ habe. Dieses behagliche Zitat, hier abgeschrieben aus Rüdiger Safranskis auch nach 30 Jahren noch sehr nützlicher Hoffmann-Biografie, katapultierte „Nussknacker und Mausekönig“ in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft.

Denn Hoffmann, der Kluge, bricht unterdessen jeden Vorgang auch ironisch, vielleicht überhaupt alles an diesem Märchen für Kinder und Erwachsene außer der Zartheit und Noblesse Maries. Ihr Mitleid mit dem von Bruder Fritz gleich getriezten und darum versehrten Nussknacker ist es, das die Handlung ins Gute vorantreibt. Ihre Empfindlichkeit, die sich auch körperlich in einer fiesen Verletzung auswirkt, die sie sich vor Schreck – einem Schreck, über den aber kein Leser den Kopf schütteln wird, wie gesagt – zuzieht und sie in einen labilen, albtraum-geeigneten Zustand versetzt. Dass das Happyend dieses also auch hochromantischen Abenteuers dann bürgerlich perfekt ist, der Hafen der Ehe und Marzipan, so viel man will, ist noch eine hinreißende Biegung.

Vor 200 Jahren hatte „Nussknacker und Mausekönig“ zwei Adressaten, Kinder von Hoffmanns Freund Julius Hitzig. Auch mischte sich Hoffmann selbst als skurrilen Paten in die Handlung. Hauchfein ist die Verschiebung zwischen dem Leben und der totalen Fantasterei.

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