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Die graue Internationale

Lutz Raphael verortet Tendenzen der Geschichtswissenschaft

Von STEFAN-LUDWIG HOFFMANN

Wollte man die deutschen Historiker und Historikerinnen, zumal jene, die sich mit dem 20. Jahrhundert beschäftigen, einmal nicht nach politischen Lagern, sondern nach der Art ihres Arbeitens gruppieren, so passt das Urbild von den Jägern und Sammlern. Die einen jagen nach den Überresten des "Zeitalters der Extreme", begreifen ihr Tun als politischen Auftrag und sich selbst, mehr oder weniger bewusst, als Teil einer nationalen Geschichte: Kaiserreich, Weltkrieg, Weimar, Nationalsozialismus, Völkermord, SED-Diktatur, all die Verfehlungen und Verwerfungen des Jahrhunderts, aber auch die glückliche Ankunft im Westen, spätestens in der Bundesrepublik der sechziger Jahre, das sind ihre Themen, je nach politischer Präferenz spezifisch eingefärbt, immer aber mit Leidenschaft, auch von den Medien, verfolgt.

Von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt steht ihnen eine wachsende Zahl von "Sammlern" gegenüber. Sie betrachten die Geschichte nationaler Katastrophen und Kehren mit der gelassenen Neugier des Ethnographen von außen und oben, global eben, wie das neue Zauberwort heißt. An die Stelle der Jagd durch die Deutsche Geschichte tritt das Sammeln von Bruchstücken der Weltgeschichte.

Die Vorzüge einer solchen distanzierten Haltung demonstriert der Trierer Historiker Lutz Raphael jetzt am Beispiel einer Geschichte der Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Hier prallen nicht mehr einfach nur die nationalhistorischen Schulen und Lager aufeinander, sie werden vielmehr nebeneinander gestellt, ja bisweilen sogar eingemeindet (z. B. Nipperdey mit seinem Antipoden Wehler, oder die Parteihistoriker des Ostblocks mit englischen Marxisten wie Hobsbawm und E. P. Thompson) und als Teil internationaler Trends beschrieben.

Geschickt ordnet der Verfasser das nahezu unüberschaubare Feld der Geschichtswissenschaft des Jahrhunderts, ausgehend von der Professionalisierung der Historikerschaft um 1900 und der Begründung des nationalgeschichtlichen Paradigmas und endend ein Jahrhundert später im Abschied von diesem Paradigma und der Pluralisierung des Faches. Auf knappem Raum werden im chronologischen Durchgang die zeitgebundenen Theorien und Methoden dargestellt: Volksgeschichte, Annales-Schule, Sozialgeschichte, neue Kulturgeschichte und anderes mehr. Davor und dazwischen finden sich Kapitel zum politischen und sozialen Kontext der Produktion historischen Wissens, das alles immer im Bemühen, eine europazentrierte Sichtweise mit einem vergleichenden Blick etwa auf Entwicklungen in Afrika oder Asien zu vermeiden.

Der Gewinn, zumal für Studierende, denen man diese Einführung nur empfehlen kann, liegt auf der Hand. Raphaels Buch ersetzt auf dem deutschen Markt Vorgänger, die in der Ehe von Geschichte und Sozialwissenschaften, deren Silberhochzeit auch schon eine Weile zurück liegt, den Gipfelpunkt der Fachhistorie ausmachten. Es schärft den Blick für die Vielstimmigkeit historischen Erinnerns und Schreibens und macht Verknüpfungen, Transfers und überraschende Parallelen sichtbar.

Programmatisch verlassen wird damit auch das Schlachtfeld des Ringens um die richtige Deutung der nationalen Geschichte, auf dem Theorien und Methoden, ja selbst einzelne Aktenfunde, oft nur als Faustkeil für die nächste geschichtspolitische Auseinandersetzung dienten. Ob eine globale Betrachtungsweise in der Geschichtsschreibung sich als Modell langfristig durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Raphael erwähnt die Genozid-Forschung als ein Beispiel, wo eine solche Internationalisierung der kollektiven Erinnerung erkennbar sei. Für die scientific community mag das zutreffen. Die politische Öffentlichkeit wird mit guten Gründen auf absehbare Zeit weiter unterscheiden, ob man als Deutscher oder Amerikaner, Israeli oder Armenier über die nationalsozialistischen Verbrechen schreibt und diese mit anderen Genoziden vergleicht. Methodisch mag die Nationalgeschichte überholt sein, historisch wird ihr nicht so leicht zu entkommen sein.

Lutz Raphael: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 2003, 293 Seiten, 12,90 Euro.

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