Die Autorin Julia Bernhard. Foto: avant-verlag

Julia Bernhard

Eat, shit, die

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Julia Bernhards erstes Graphic Novel handelt von misslungener Kommunikation, Lethargie und Depression. “Wie gut, dass wir darüber geredet haben” ist im August im avant-verlag erschienen.

Wir haben wohl schon alle diese Sätze gehört: „Wann hast du endlich einen Freund?“ – „Ach ja, mit deinem Studium wirst du ja eh arbeitslos.“ – „Ich mache doch nicht Schluss! Wir waren ja nie zusammen.“ Julia Bernhard ist 26, kommt aus Mainz und ihr erstes Graphic Novel ist diesen August beim avant-verlag erschienen: Es ist ein schonungsloses Manifest an die misslungene Kommunikation, an Lethargie und Depression. Und es lässt einen schmunzeln: Denn das Sender-Empfänger-Modell hat allzu oft eine Signalstörung, wenn wir versuchen, es an unserer Großmutter, unseren Freunden oder Affären anzuwenden. Wenn wir miteinander reden, reden wir allzu oft aneinander vorbei – auch weil wir oft nicht sagen, was wir meinen. Und so stolpern wir über bissige Sätze, liebevoll gemeinte Ratschläge und widersprüchliche Aussagen. Die Essenz des Ganzen könnte lauten: Eat, shit, die. Denn das ist immerhin etwas, das wir alle hinbekommen. Ich treffe Julia bei Bier, Kuchen und zwischen Bücherregalen und spreche mit ihr über Rollenbilder, unrasierte Beine und Männer, die sich darüber aufregen.

Julia, haben wir ein Kommunikationsproblem? 

Ich glaube Kommunikationsprobleme hatten wir schon immer, irgendwas läuft immer schief. Aber durch die neuen Medien und unsere geringere Aufmerksamkeitsspanne wird es nicht besser. Wir kommunizieren nicht mehr so intensiv miteinander wie früher. Als ich jünger war, habe ich mich mehr mit Freunden face-to-face getroffen und geredet – das wurde jetzt durch Sprachnachrichten ersetzt. Ich verteufele Fortschritt nicht, aber ich habe das Gefühl, dass es eine große Auswirkung darauf hat, wie wir miteinander umgehen. Aber ich kenne das auch von mir selbst, dass ich in der Bahn sitze und mich erstmal verkabel. 

Sind die Geschichten in deinen Büchern denn deine eigenen?

Nicht alle, aber ich sage jetzt natürlich nicht welche. Ich lasse mich tatsächlich viel von meinem Umfeld inspirieren. In der S-Bahn lassen sich zum Beispiel gute Geschichten finden. Was ist das unangenehmste Gespräch, das du je hattest? Die unangenehmsten Gespräche habe ich immer bei der Frauenärztin oder beim Frauenarzt. Was soll man sagen, wenn einer einem so extrem nah ist? Ich fange dann immer panisch an zu labern. Und führe peinliche Dialoge, weil ich will, dass es für uns beide nicht so schlimm ist – und mache es damit noch schlimmer. 

Fühlst du dich als Frau von der Gesellschaft unter Druck gesetzt? 

Ja, total. Es gibt ein Frauenbild, das sehr überholt und nicht mehr zeitgemäß ist, in dem sich die Frauen auch nicht wiedererkennen oder wiedererkennen möchten. Darin liegt viel Druck zu performen und einer Rolle gerecht zu werden. Ich bin so sozialisiert worden, dass ich immer gedacht habe, ich heirate mal und habe Kinder und gehe nicht arbeiten. Ich habe das unbewusst von zu Hause mitgenommen. Und auch nicht hinterfragt. Natürlich ist heute vieles besser als früher – aber immer noch nicht gut genug für Gleichberechtigung.

Versuchst du, mit deinen Comics eine Veränderungen zu erzielen?

Ich glaube nicht, dass ich alleine so viel ändern kann. Aber ich hoffe, dass meine Comics etwas in den Leuten lostreten – auch bei anderen Comiczeichner*innen, zum Beispiel, dass die mal einen kochenden Mann zeichnen. 

Du hast mittlerweile über Hunderttausend Follower*innen auf Instagram. Was für eine Rolle spielt für dich deine Community?

Die Community spielt für mich eine große Rolle, weil sie mich auch total weiterbringt. Meine Follower*innen machten mich damals erst darauf aufmerksam, dass ich auch mal dicke Leute zeichnen könnte. Denn die Frauen in meinen Comics waren meistens schlank und herkömmlich attraktiv, was sie nicht immer sein müssen. Heute finde ich, dass ich die Darstellung von Frauen mehr hinterfragen könnte. Inklusives Denken und wie man Dinge formuliert, sind für mich ein extremer Lernprozess. Vor ein paar Jahren habe ich über viele Dinge nicht Bescheid gewusst, weil mich einfach keiner darauf hingewiesen hat. Ich hatte immer das Gefühl, ich habe kein Problem und bin total emanzipiert und dachte „Warum regen die sich so auf?“. Aber das lag auch an der schönen flauschigen Blase mit mehrheitlich queeren Menschen, die mir folgen. Das zeigt, wie wichtig es ist, den Dialog zu suchen.

In deinen Comics geht es vor allem um Frauen und weibliche Themen. Wünscht du dir, dass auch mehr Männer deine Comics lesen?

Auf Instagram weiß ich, dass 97% meiner Follower*innen weiblich sind. Viele sagen, dass ich mich nur mit Frauenthemen beschäftige. Dabei wünsche ich mir mehr Offenheit von den Männern – vor allem, wenn es um das Thema Periode geht. 

Bekommst du auch viel negative Kommentare?

Ja, vor allem von Männern, die mir nicht folgen. Die schreiben, dass es unappetitlich ist, Frauen mit Haaren an den Beinen zu zeichnen. Die haben meine Posts irgendwie in den Feed gespült bekommen und denken sich: „Der sag ich’s jetzt mal.“ Leute, die schon länger dabei sind, kritisieren hingegen sehr konstruktiv. Deswegen sind diese Kommentare auch nicht so schlimm. Ich bin in der Hinsicht auch toleranter geworden. 

Dass Männer sich an behaarten Frauenbeinen stören, hat auch die große Resonanz auf deinen Post „Real Summer Legs“ gezeigt. Findest du, Haare spielen eine zu große Rolle in unserer Gesellschaft?

Ja, sie spielen eine viel zu große Rolle. Vor allem in der weiblichen Körperbehaarung sehe ich einen Ausdruck weiblicher Unterdrückung. Es ist etwas ganz Individuelles, doch jeder hat eine Meinung dazu. Und es wird einem suggeriert, das man ungepflegt ist, wenn man sich nicht rasiert. So ein Unfug! Es ist etwas ganz Natürliches. Jeder hat Haare und tut so, als wäre es nicht so. Das ist echt schlimm. 

Und wie würdest du selbst als Comicfigur aussehen? 

Ich glaube, ich wäre ein Hund.

Julia Bernhard 

"Wie gut, dass wir darüber geredet haben" 

avant-verlag  2019

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