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Roman

Graham Swift: „Da sind wir“ – Am wahren Anfang seines Lebens

  • vonMartin Oehlen
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Der Brite Graham Swift erzählt in seinem Roman „Da sind wir“ eine melancholische Geschichte aus der Varieté-Welt der Kriegs- und Nachkriegszeit.

Ronnie Deane ist ein Zauberer. Und Evie White ist seine Assistentin. Ein Paar sind sie obendrein. Wenn der Conférencier Jack Robbins die beiden im Jahre 1959 im Varieté-Theater des Seebads Brighton ankündigt, dann sind sie „der große Pablo“ und „die reizende Eve“. Alles läuft bestens. Bis zu jenem Tag, an dem Ronnie nach London reist, weil seine Mutter gestorben ist. Evie bleibt in Brighton. Und als Ronnie zu ihr zurückkehrt, weiß er sofort, dass sich seine Verlobte auf Jack eingelassen hat. Eine Aussprache findet nicht statt. Sie hatten heiraten wollen. Aber es ist vorbei. Ronnie gelingt ein letztes Zauberkunststück, das Jack und Evie sprachlos zurücklässt.

Graham Swift hat mit „Wasserland“, „Letzte Runde“ und „Ein Festtag“ einige der erfolgreichsten Romane der britischen Nachkriegsliteratur verfasst. Der melancholische Grundton, den beispielsweise die mit dem Booker-Preis geadelte „Letzte Runde“ auszeichnet, findet sich auch in seinem jüngsten Werk: „Da sind wir“ („Here We Are“).

Abgeklärt und zunehmend fesselnd erzählt Swift von Ronnie, der 1939 – da ist er acht Jahre alt – von seiner Mutter zu Pflegeeltern aufs Land bei Oxford geschickt wird. Das entsprach zu Beginn des Zweiten Weltkriegs einem landesweiten Plan, „Kinder an sichere Orte zu bringen“. Beim Ehepaar Lawrence wächst Ronnie in einer liebevollen Atmosphäre auf, wie sie ihm bislang nicht geboten worden war. Von seinem Pflegevater, der gelegentlich noch als Zauberer auftritt, wird er in dessen Kunst eingeführt – mit schneeweißen Hasen, wie denn sonst! „Das war der Anfang“, heißt es, vielleicht sogar „der wahre Anfang seines Lebens.“

Buchinfo

Graham Swift: Da sind wir. Roman. A. d. Engl. v. Susanne Höbel. dtv, München 2020. 160 Seiten, 20 Euro.

Ronnie und Jack lernen sich dann beim Militärdienst kennen. Anschließend geben sie erste gemeinsame Vorstellungen. Der eine als Zauberer, der andere als Komiker. Allerdings merken sie, dass diese Kombination nicht von Dauer sein kann. Sie trennen sich. Jack – „der flinke Jack“ – macht Karriere als Conférencier. Eines Tages rät er seinem alten Freund zu einer Assistentin. Dann könnte er ihn in seiner Show unterbringen. So kommt Evie ins Spiel, über die wir lesen, sie habe „nie lange gefackelt und alles wenigstens einmal probiert.“

Swift schildert mit wenigen souveränen Strichen die Enge und die Entbehrung in Krieg und Nachkrieg. Dabei steht Ronnie im Zentrum, der glaubte, „ein Niemand“ zu sein und „ein Jemand“ wird. Das Varieté, die Zauberei, das Scheinwerferlicht wirken wie eine Gegenwelt. Aber wer glaubt, dass man sich dort dauerhaft niederlassen kann, irrt selbstverständlich. Das Leben ist nicht nur süß, schon gar nicht in jenen Jahren, sondern oftmals bitter. Und selbst das Varieté ist vergänglich, überall und auch in Brighton. Davon erzählt Graham Swift in seinem stillen, schönen, sentimentalen Roman.

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