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„Das Leben soll gelebt werden“, stellt Graham Swift nach seiner Griechenlandreise fest. Thessaloniki am Abend.

Aufsätze und Interviews

Graham Swift: „Einen Elefanten basteln“ – Bis man dann erscheint

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Der „Wasserland“-Autor Graham Swift über das Schreiben als Existenzform.

Der englische Schriftsteller Graham Swift, vor wenigen Wochen 70 Jahre alt geworden, hat ein ebenso pragmatisches wie intensives Verhältnis zu seinem Beruf. Er braucht das Wort Berufung nicht, um klar zu machen, dass es für ihn um Alles oder Nichts geht. Nicht weil Swift den Beruf des Schriftstellers mit Genialität oder auch nur Naturtalent in Verbindung bringen wollte. Im Gegenteil: Er interessiert sich für den Irrtum, dass es einfach sein könnte zu schreiben, weil man eben ein Schriftsteller wäre.

Mit 17 Jahren, vermutet er, sei diese Annahme „der Kern meiner Angst (gewesen) bei meinem Wunsch, selbst einer zu werden: Ich wusste, dass das Schreiben mir nicht leicht von der Hand ging“. Heute denke er anders: „Vielleicht ist die Vorstellung von einem natürlichen Schriftsteller ohnehin ein Mythos. Natürliche Schriftsteller sind einfach die, bei denen das Schreiben wie die einfachste Sache von der Welt aussieht – auch Tolstoi hat nicht in einer orakelhaften Trance geschrieben, er hat einfach gearbeitet.“

So handhabt Swift das auch. Der Band „Einen Elefanten basteln“, der Essays, Interviews, sogar Gedichte versammelt, dreht sich um die Existenz des Schriftstellers als jüngeres und älteres, als geselliges und einsames Wesen. Swift muss dabei nicht persönlich werden – er wird sogar in einer auffallenden Weise nicht persönlich, er zeichnet geradezu eine Linie, hinter die er uns nicht schauen lässt, und er macht dadurch noch deutlicher, dass es ums Schriftstellersein geht, nicht um Graham Swift.

Trotzdem ist allerlei zu erfahren. Wie ein Buch im Buch, was die klassische Erzählintensität betrifft – man sieht es, hört es, fühlt es –, ist die Erinnerung an zwei längere Griechenland-Aufenthalte in den sechziger und siebziger Jahren. Es geht um ein Freiwerden der fundamentalen Art, zu dem in mehrfacher Hinsicht von vornherein die Freiheit des Scheiterns gehört. Nicht nur bringen Reisen Probleme mit sich. Der reisende Londoner hat am Ende auch einen Roman im Gepäck, denn er hat zu schreiben begonnen. „Damit meine ich, dass ich es übte oder – obwohl ich es nie so förmlich oder programmatisch betrachtet hatte – es mir beibrachte. Ich kannte sonst niemanden, der es mir beibringen konnte.“ Das Ergebnis ist miserabel, nicht zu retten. Swift bereut jedoch nichts, nicht das Reisen – „das Leben soll gelebt werden“ –, nicht den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Hierin fühlt er sich nun eher bestärkt.

Allerdings: „Schreiben und Klaustrophobie, oder vielmehr die Notwendigkeit, sie zu überwinden, gehören zusammen. ... Wer es nicht aushält, viele Stunden nur mit sich selbst in einem Zimmer zu verbringen, oder, schlimmer, in einer Zelle eingeschlossen zu sein, oder, noch schlimmer, in dem vagen Gefühl zu leben, dass er lebendig begraben ist – der sollte nicht Schriftsteller werden.“ Für einen jungen Autor sei das besonders schwierig: „Man muss einfach noch erscheinen. Man existiert – aus freier Entscheidung – in einer Art Kasten, unter einem Deckel.“

„Einen Elefanten basteln“, es ist zu bedauern, aber auch das Wesen einer Textsammlung, verfolgt den Weg jetzt nicht kontinuierlich, weder äußerlich, noch thematisch. Es gibt berührende Erinnerungen an den Vater und dessen Tod, spannende Einblicke in die Bekanntschaft mit Salman Rushdie, die über einige Jahre zu gemeinsamen Weihnachtsabenden führt. Die Treffen, immer unter Personenschutz, haben organisatorisch betrachtet eine konspirative Seite. In der Erinnerung wird Swift klar, dass er auf Rushdie gewartet hat wie früher auf den Weihnachtsmann.

Wenn auch der Kollege und gemeinsame Freund Caryl Phillips bei einem Treffen ist, nennen sich die drei Mr Black, Mr White, Mr Brown, „aus Gründen, die jedoch nichts mit Sicherheit zu tun haben konnten“. Ein Undercover-Spaß gegen die Unerträglichkeit, sich nicht frei bewegen zu können.

Lakonisch bleibt die Erkenntnis, wie massiv ein Drehbuch eine Romanvorlage verändern kann – die Konfrontation von Fiktion und Realität, so Swift friedlich, sei er freilich gewöhnt –, witzig und manchmal böse sind die Einlassungen über den Literaturbetrieb. Swift erzählt von Lesungen, bei denen unfassbare Fragen gestellt werden (warum haben Sie einen Text ausgerechnet dieses Autors ausgewählt?), oder von seiner ersten Nominierung für den Man Booker, 1983 mit „Wasserland“. Ein Mann von der BBC begrüßt ihn als Mr Rushdie. Eine Zeitung zeigt Swift mit Rushdie und schreibt in der Bildunterschrift, neben Rushdie stehe (der ebenfalls nominierte) J. M. Coetzee. Als Schriftsteller erkannt werden zu wollen, ist nicht nur eine Frage von Eitelkeit.

Swift präsentiert sich als Interviewer von Kazuo Ishiguro oder Phillips und als Interviewter, was hier natürlich interessanter ist. Ersteres erinnert eher an die suboptimale angelsächsische Sitte, Schriftsteller als Literaturkritiker einzusetzen. Die Gedichte sind Nebenwerke zur Entspannung. Wenn er mit einem Roman fertig sei, lese er gerne Gedichte, so Swift, dieses eine Mal habe er auch welche geschrieben. Sie sind keineswegs missglückt, manches ein Roman in ein paar Zeilen, andere aphorismenhafte Botschaften. „Zivilisation“, zum Beispiel: „Möchtest du es etwa anders haben? / Dieses bequeme Einvernehmen mit dem Trivialen, / Viel Aufhebens und viel Unentschlossenheit, / Dann das Getue / Um ein Paar neue Schuhe. / Willst du Trommelwirbel und Verkündigungen / Und hehre Worte? / Möchtest du es etwa anders haben?“

Wer viel über das Schreiben nachdenkt, wird hier nicht unbedingt Neues erfahren. Swifts Schreiben über das Schreiben wirkt in seiner Form, der Nähe und Distanz, der Gelassenheit und dem Bemühen um Genauigkeit, gleichwohl animierend. Auch kann man Pläne schmieden und künftig um halb 6 Uhr am Schreibtisch sitzen, um auszuprobieren, ob es einem etwas nutzt.

Das Buch

Graham Swift: Einen Elefanten basteln. Vom Leben im Schreiben. A. d. Engl. v. Susanne Höbel. dtv, München 2019. 454 S., 25 Euro.

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