Sie trifft den Ton der Zeit. Tucholsky: "Eine schreibende Frau mit Humor. Sieh an!"
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Sie trifft den Ton der Zeit. Tucholsky: "Eine schreibende Frau mit Humor. Sieh an!"

Werk von Irmgard Keun

"Gott verzeih mir die Sünde ? aber ich kann wirklich schreiben"

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Eine vorzügliche Ausgabe gibt erneut die Gelegenheit, das Werk von Irmgard Keun zu entdecken.

Ein wichtiges Motiv für die Wiederentdeckung des Werkes von Irmgard Keun in den 1970er Jahren ist aus Ursula Krechels Sicht „die prinzipielle, glücklicherweise nicht versiegende Neugier auf Texte von Frauen“. In ihrem klugen Einleitungsessay zur dreibändigen Ausgabe von Keuns Werken im Wallstein Verlag weist sie zudem darauf hin, dass „die siebziger Jahre eine Zeit des Ausgrabens und Erinnerns (waren), eine Zeit des Zorns und der Auflehnung“.

In dieser Zeit, fünf Jahre vor ihrem Tod 1982, beginnt mit einer Serie über „vergessene Dichter“ im „Stern“ nach frühem Ruhm, Exil und Vergessen das vierte Leben der Irmgard Keun. Als die lesende Welt die einstige Bestsellerautorin wieder kennenlernt, ist sie als Autorin schon lange verstummt. Ihr letzter Roman erscheint 1950, was noch folgt, sind kleine Feuilletons und essayistische Beiträge. Dann, in den frühen sechziger Jahren, beginnt das endgültige, nur schwer zu tragende Schweigen als Künstlerin. Am 18. September 1973 notiert sie: „Schreib endlich, Du Idiotin Keun, sei doch nicht so matt und faul. Sei doch nicht vor deinem leiblichen Tod ... verfault.“ Vergebliche Appelle an das eigene künstlerische Gewissen.

Irmgard Keun ist vom Leben und vom Erlebten erschöpft und in einer Gesellschaft, die ihre Vergangenheit als „Unfall“ abhakt, die Opfer deutscher Verbrechen verdrängt, kann und will sie sich nicht anpassen. Der Preis ist hoch. Den Freund aus Exiljahren, Hermann Kesten, erreicht der Hilferuf: „Ich habe kaum noch etwas zu essen und keine Ahnung, wie ich diesen und nächsten Monat noch durchkommen soll.“

Tage, Wochen, Jahre der Einsamkeit verbringt sie in ihrer nur notdürftig instand gehaltenen Wohnung. Ihre häufigsten Gesprächspartner sind die Besucher vor den Trinkkiosken ihres Wohnviertels in Köln. Die einst schöne (und auf ihre Art auch im Alter ihre Gegenüber noch faszinierende) und von Männern begehrte Frau verwahrlost. Sie bricht nach Alkoholexzessen auf der Straße zusammen, Passanten lesen die Verwirrte auf. Ihre im Alter von 46 Jahren zur Welt gebrachte und geliebte Tochter (Vater unbekannt) wird vernachlässigt. 1966 folgt eine Zwangseinweisung in das Bonner Landeskrankenhaus. Sechs Jahre wird sie dort verbringen. Dann noch einmal der kurze neue Ruhm.

Und doch: „Gott verzeih mir die Sünde – aber ich kann wirklich schreiben.“ Wie sehr diese in den dreißiger Jahren gefallene Bemerkung zutrifft, zeigt die neue Werksausgabe eindrucksvoll. Die drei Bände – Weimarer Republik, NS-Zeit und Exil, Nachkriegszeit und Bundesrepublik – umfassen ihre sieben Romane und die zahlreichen Feuilletons, kleinen Essays, Satiren und Funkbeiträge aus der Zeit zwischen 1932 und 1962. Die Herausgeber Heinrich Detering und Beate Kennedy kommentieren Keuns Prosa sorgfältig und geben wichtige Einblicke in Werk und Leben dieser eigenwilligen und mit Blick auf ihre weiblichen Figuren überraschend moderne Schriftstellerin.

Irmgard Keun, schreiben Detering und Kennedy, „erscheint in der literarischen Öffentlichkeit am Ende der Weimarer Republik mit zwei Paukenschlägen: als hoffnungsvolle junge Schriftstellerin mit gleich zwei sensationellen Bestsellererfolgen“. Es sind die Geschichten der Büroangestellten Gilgi und des aus der Provinz ins laute und schillernde Berlin entflohenen „kunstseidenen Mädchens“ Doris, die Irmgard Keun über Nacht berühmt machen. Die Leser sind begeistert vom schnoddrigen Ton, der verknappten Sprache, dem packenden Blick auf die Gegenwart.

„Denn ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein“, lässt sie im „kunstseidenen Mädchen“ die Ich-Erzählerin erklären. Gilgi wiederum, „eine von uns“, erfährt das Leben wie viele Tausende, die täglich als Angestellte ins Büro eilen und vom großen Glück nur träumen. „Sie fahren ins Geschäft. Tag für Tag ins Geschäft. Ein Tag gleicht dem anderen. Klingelingling – man steigt aus, man steigt ein. Man fährt. Fährt und fährt. Achtstundentag. Schreibmaschine, Stenogrammblock, Gehaltskürzung – immer dasselbe, immer dasselbe. Gestern, heute, morgen und in zehn Jahren.“

Expressionistisch aufgeladen, von Humor und Satire durchsetzt ist die Sprache dieser Bücher, durchdrungen von der Neuen Sachlichkeit. Irmgard Keun trifft einen Ton, der nicht nur von der „neuen Frau“ und von der kurz zuvor (1930) in Siegfried Kracauers berühmter Studie beschriebenen Schicht der Angestellten verstanden wurde. Die Kritik ist gespalten und von politischen Vorbehalten mitgeprägt. Aber das Publikum ist begeistert. Peter Panter alias Kurt Tucholsky wird in der „Weltbühne“ nicht ohne männlichem Chauvinismus erklären: „Eine schreibende Frau mit Humor. Sieh an!“ Immerhin, Tucholskys Rezension beschleunigt Keuns Durchbruch enorm.

Kurz vor Deutschlands Fall erscheint noch der Roman „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“. Die Zeitumstände versagen ihrem dritten Roman den Erfolg. Keuns Mädchen und Frauen trennen Welten von Hitlers gebärfreudigen Frauen, die am Herd auf die Rückkehr ihrer Helden warteten.

Das Schreibverbot, das Irmgard Keun auch durch Anträge zur Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer nicht verhindern kann, treibt sie ins Exil. Ihre Romane erscheinen nun im Amsterdamer Verlag Querido. Ostende, Amsterdam, Brüssel, Paris, Wien, Salzburg – Hotelleben und Kaffeehausstunden. Der Alkohol fließt, die Gespräche mit den Exilgefährten Kesten und Walter Landauer, Stefan Zweig und Ernst Toller, Egon Erwin Kisch und Fritz Landshoff faszinieren die junge Frau. Zwei Jahre lebt sie eng mit dem Genie Joseph Roth zusammen.

Tagsüber sitzen sie im Kaffeehaus an getrennten Tischen und schreiben an ihren Romanen. In den kurzen Nächten taumeln sie betrunken in das gemeinsame Hotelbett. Mit Roth reist sie viele Monate in den Osten Europas. Der Weg führt sie nach Wien, Warschau und Lemberg. Am Horizont nähert sich das große Morden. In ihrem Roman „Kinder aller Länder“ (1938) spiegeln sich manche Erlebnisse und Eindrücke dieser Reise wider. Die Trennung von Roth wird für sie zum tiefen Lebensriss und für den am Untergang seiner Welt verzweifelnden Juden und Habsburg-Verehrer aus der galizischen Provinz beginnt die letzte Phase seines durch Alkohol herbeigeführten Selbstmords.

„Nach Mitternacht“: Aus dem Innenleben des NS-Staats

Mit Kriegsbeginn werden die Exilländer Frankreich, Niederlande und Belgien für die Flüchtlinge zu lebensgefährlichen Aufenthaltsorten. Irmgard Keun reist zu ihrem „Verlobten“, dem jüdischen Arzt Arnold Strauss, nach Amerika, kehrt aber ruhelos und vom Leben in der amerikanischen Provinz tief verunsichert zurück nach Europa. Nachdem die Presse ihren angeblichen Freitod vermeldet hat, überlebt sie die Nazi-Jahre unter dem Namen ihres Ex-Mannes Johannes Tralow (der unter den Nazis eine kleine, in der DDR eine große Kulturkarriere machte) bei den Eltern in Köln.

1937 war bei Querido ihr Roman „Nach Mitternacht“ erschienen. Neben Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“ ist Keuns Geschichte vom Führerbesuch in Frankfurt, vom Versagen und Scheitern ihrer bürgerlichen Figuren in einer Diktatur – gesehen und beschrieben von der 19-jährigen Sanna – die bedeutendste literarische Erzählung, die in diesen Jahren über das Innenleben des NS-Staates veröffentlicht worden ist. „Der Roman wird innerhalb kurzer Zeit ein Welterfolg“, konstatieren Detering und Kennedy. Sie selbst schreibt selbstbewusst: „Es ist ein richtiger Anti-Nazi-Roman – aus dem bürgerlichen Nazi-Deutschland, was noch keiner geschrieben hat.“

Das Vorliegen einer großartigen Werkausgabe gilt es zu vermelden. Zum ersten Mal versammelt sie die Texte einer Autorin, deren kraftvolles Schreiben und humanes Denken nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Oder mit den Worten von Ursula Krechel: „... wer sie liest, entdeckt eine kühne, erfindungsreiche Schriftstellerin, die ihresgleichen nicht hat, eine Schriftstellerin auf Messers Schneide.“

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