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Gott kennt kein Erbarmen

Per Olov Enquists autobiographisch verbürgter Roman "Lewis Reise" über das Dilemma zwischen pietistischem Fanatismus und Glaubensverlust

Von Martin Lüdke

Eine Szene von biblischer Gewalt. Die Frau liegt im Sterben. Der Mann verweigert, im Vertrauen auf Gottes Hilfe, ihre ärztliche Versorgung. Vielleicht die Schlüsselszene dieses seltsamen Romans aus unserer noch immer gegenwärtigen Vergangenheit. Exquisiter geht es kaum, weil es hier um die Geschichte einer religiösen Erweckungsbewegung geht, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Amerika entstanden war, sich von Schweden aus über die ganze Welt ausbreitete, und, schwer zu glauben, noch heute, weltweit, 250 Millionen Mitglieder zählt. Und weil es um so wahrlich feine Unterschiede geht wie die zwischen Herrnhutern, Pfingstbewegung und (dem fundamentalistischen) Pietismus.

Per OlovEnquist erzählt diese Geschichte als packenden Zweikampf ihrer hervorragenden Protagonisten, des Predigers Lewi Pethrus und seines Widersachers, des Poeten Sven Lidman, der, wie man sie nannte, "Zwillinge Gottes". Und er erzählt sie als ein Stück seiner eigenen Biographie. Dieses Buch, ganz nebenbei auch eine unverzichtbare Verständnishilfe der frühen Ingmar-Bergmann-Filme, beschreibt damit die verdeckte Kehrseite einer modernisierten Gesellschaft, die im Zuge ihrer Säkularisierung nicht nur diese Formen "christlich-blutdürstiger" Religiosität hervorgebracht hat, sondern sich weit tiefer in ihnen verwurzelt zeigt, als es sich die Aufklärer je träumen ließen. (Der radikale Pietismus und die frühe Aufklärung beziehen sich auf die gleichen Basistexte. "Sie hatten als Zwillinge begonnen.")

Per Olov Enquists jüngster Roman Lewis Reise umkreist in weit ausschweifenden Bewegungen die unterschiedlichsten Entwicklungen: Der wohlbekannte Zusammenhang zwischen religiöser Inbrunst und sexueller Ekstase wird auch in seiner Umkehrung sichtbar - der religiösen Sehnsucht im (nicht nur) sexuellen Exzess. Aus der Spannung zwischen dem Heilsversprechen der sozialistischen Arbeiterbewegung und dem Erlösungsgedanken des fundamentalistischen Pietismus bezieht Enquist auch hier wieder, wie in seinem gesamten Werk, die Energie seines Schreibens.

Im Zentrum des Buches aber steht diese Szene: Lewi, der Erweckungsprediger und spätere charismatische Anführer der Pfingstbewegung, war von einer Reise zurückgekehrt. Seine Frau, hochschwanger, lag in den Wehen. Doch das Kind, das die junge Frau gebären sollte, ist tot. Die Frau müsste operiert werden. Und zwar sofort. Sie hat starke Schmerzen. "Was sollen wir tun", murmelt sie immer wieder. "Lydia, meine liebe Frau, Gott stellt uns zuweilen auf die Probe. Zuweilen hat er mich auf die Probe gestellt. Und ich habe sie nicht bestanden. Und ich bin von Zweifeln an meiner Berufung befallen worden. Ob ich zum Verkünder tauge. Aber der Zweifel ist nicht von Gott gesandt. Gott verlangt den vorbehaltlosen Glauben. Dann stellt er uns auf die Probe. Das tat Abraham, der auf die schwerste Probe gestellt wurde. Aber bestand. Wir müssen ganz auf Gott vertrauen, dann wird er uns Hilfe schenken." Sie murmelt nur: "Ich habe Schmerzen" - "was sollen wir tun?".

Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends. Lewi ruft seinen Freund Efraim, vielleicht die geheime Hauptfigur dieses Romans, zu Hilfe. Der verlangt, sie unverzüglich ins Krankenhaus zu bringen. "Sie hat gesagt, dass sie auf Gott vertraut", erwidert Lewi. "Wenn du zweifelst, musst du gehen, denn dein Zweifel sperrt Gottes Kraft aus." "Also, wenn sie stirbt, ist es meine Schuld", meint Efraim sarkastisch. Am nächsten Morgen, Lydia lebt noch, ist aber bereits bewusstlos, setzen sie den Streit fort.

Efraim, verzweifelt, verliert die Nerven und beschuldigt Lewi: "Du experimentierst!", wirft er ihm vor. "Ich vertraue!", erwiderte der. "Du willst eigentlich nicht, dass?" Da verzerrt sich Lewis Gesicht, wie Efraim es noch nie gesehen hatte. Lewi, außer sich vor Zorn, packt Efraim am Arm und drückt ihn, schreiend, auf die Küchenbank. Er schrie ihm ins Gesicht: "Glaubst du, ich will, dass sie stirbt?" Efraim hatte darauf nichts antworten können.

"Was gesagt worden war, war zuviel gewesen. Sie wussten es beide." So, ganz lapidar, kommentiert Enquist diese Episode. Er - Autor, Erzähler und Protagonist zugleich - hält sich zurück. Gerade weil er immer auch seine Geschichte erzählt. Seine Leser kennen bereits manche der Personen, die Mutter etwa, aber auch Efraim. Sie kennen diese strengen, unerbittlichen, gnadenlosen Verhältnisse, in die er hineingeboren, in denen er aufgewachsen ist. Mit der Berufung auf Gott ohne alle Menschlichkeit. Efraim fragt sich nicht von ungefähr: "Wie viele zerstörte Leben kamen eigentlich auf jede glücklich errettete Seele?" Lewis Reise ist Maja, der Mutter des Autors, gewidmet. "Sie war ein Kind der Erweckungsbewegung und hat mich auch zu einem solchen gemacht", bekennt Enquist. Der religiöse Fundamentalismus hat ihn tief geprägt. Die Fragen nach Gut und Böse, Himmel und Hölle, nach der Sünde. Aber nicht die Fragen, sondern die Antworten darauf sind das Problem (auch unseres). Deshalb habe er dieses Buch geschrieben, "um zu erklären, warum ich der wurde, der ich geworden bin." Lydias Embryo wird abgestoßen, und die junge Frau überlebt.

Efraim wollte sich darum entschuldigen: ",Du bist so stark, Lewi, du bist so unbeschreiblich, beängstigend stark'. ,Gott ist stark', hatte Lewi da erwidert. ,Aber manchmal', war Efraim fortgefahren, ,kann es mir angst werden vor dir'." Zurecht, wie sich am Ende erweisen wird, wenn nicht nur Sven Lidman, Lewis beeindruckender Mitstreiter und Widerpart, sondern sogar auch Efraim, eines der Gründungsmitglieder, sein "ältester und bester Freund", aus der Pfingstbewegung ausgeschlossen wird. Wegen seiner Aufrichtigkeit. Weil er in dem Machtkampf zwischen Lidman und Lewi nicht taktiert, sondern offen seine Meinung sagen will.

Unmittelbar bevor er Lewi seine Absicht mitteilt, vor der Gemeindeversammlung zu sprechen, hatte der noch beklagt, dass er in seinem Leben zwar viele gute Christen getroffen habe, sich aber frage: "ist es nicht so, Bruder Efraim, dass man Verlogenheit, Heuchelei, Lügenhaftigkeit, infernalische Lügenhaftigkeit - ich glaube, dass man die nirgendwo so sehr antreffen kann wie in religiösen Kreisen. Die Brüder Nebenabsicht." Verwunderlich ist weniger das reziproke Verhältnis von Rigidität und Bigotterie, viel mehr die große Rolle der "Brüder Nebenabsicht". Heimtücke, List und Verschlagenheit. Die Frage, die (sich) Enquist stellt, geht gleichsam wieder hinter die Aufklärung zurück. Es geht nicht (nur) um die Denunziation der finsteren Ziele, die mit frommen Worten verkleidet werden.

Es geht um den Kern jener Demut, die uns etwa in den Madonnen-Bildern eines Fra Angelico begegnet und bei aller scheinbaren Reinheit ebenso wenig frei ist von den "Brüdern Nebenabsicht" wie die Predigten von Sven Lidman und Lewi Pethrus. Die epische Breite, in der Enquist seine Geschichte sich entfalten lässt, ergibt sich also nicht nur aus der Fülle des Stoffs und der Vielzahl der Motive, die hier miteinander verknüpft sind, sondern auch aus dem Zwittercharakter des Romans, der seine Wahrheit aus den Fakten bezieht und seine Fakten aus der gelebten Erfahrung seiner Protagonisten. Nichts ist hier erfunden, alles, vom kleinsten Detail bis zu den Biographien der Figuren, den Wortlaut ihrer Äußerungen, alles ist dokumentarisch verbürgt.

Und dennoch: Fiktion. Die Fülle des Materials ist ästhetisch aufbereitet, ein Subjekt betreibt eine archäologische Selbsterforschung. Das eigentliche Drama, hinter der äußerlichen Handlung, die durch die Entfaltung der Pfingstbewegung, die Entwicklung ihrer Protagonisten vorgegeben ist, spielt sich in dem Raum zwischen den Figuren ab. Deshalb kann (für mich) Efraim auch zur Hauptfigur werden. Mit seiner Beerdigung beginnt der Roman. Er hatte, nach seinem Rausschmiss aus der Pfingstgemeinde, die letzten Jahre seines langen gläubigen Lebens bei den dänischen Herrnhutern in Christiansfeld verbracht, in jener Gemeinde, die Struensee, dem Leibarzt des Königs, ihre Existenz verdankt. Es gab keine Verwandten. Deshalb hatte er verfügt, Enquist zur Beerdigung einzuladen.

Die beiden kannten sich, weil Efraim, der auch zu den Begründern der schwedischen Arbeiterbewegung gehört hatte, wesentliche Quellen für den Auszug der Musikanten (1978) und Kapitän Nemos Bibliothek (1991) erschließen konnte. Diese beiden großen Romane beschreiben die furchtbare Kollision zwischen Kirche und Gewerkschaften. Die erlösungsgewissen Pietisten betrachteten die Gewerkschafter, die das Leben hier und jetzt verbessern wollten, als den leibhaftigen Satan, gingen mit erschreckender, ja erbarmungsloser Brutalität gegen die ersten sozialistischen Agitatoren vor, die sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in die pietistischen Gemeinden Nordschwedens wagten.

Efraim hatte diese Auseinandersetzung miterlebt. Nach der Beerdigung - "hier haben wir keine Geheimnisse" - lässt der Pastor Enquist den Lebenslauf Efraims lesen. Dieser Lebenslauf enthält bereits die Geschichte der schwedischen Pfingstbewegung, die Enquist dann mit eigenen Nachforschungen ergänzt und korrigiert, und natürlich auch, auf dem Hintergrund seiner eigenen Biographie und seiner persönlichen Erfahrungen, reflektiert. Aus diesem Stoffgebirge entsteht ein moderner Roman. Ein packendes Buch über die Kollision der "beiden Planeten": Sven Lidman, der berühmte Poet, der sich plötzlich bei den religiösen Sektierern (dieser, in der bürgerlichen Öffentlichkeit, so genannten "geistigen Pest") wiederfand und Lewi Pethrus, der Prediger, der aus der Arbeiterbewegung kam und anfänglich eigene literarische Ambitionen hatte.

Das heißt: Die Energie dieses Romans speist sich aus den unterschiedlichen Heilsversprechen, die sich in seinen Figuren, kaum mehr unterscheidbar, vermischen und von ihnen, weißgottnicht ohne dabei Schaden zu nehmen, durch die schwedische Wirklichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts transportiert werden: Christentum, Sozialismus und Literatur.

Es gibt Bücher, die kann man lesen, ohne seine Zeit zu verschwenden. Davon gibt es eine ganze Menge. Es gibt nur wenige Bücher, die man lesen muss, wenn man etwas von sich und der Welt verstehen will. Lewis Reise ist ein solches Buch. Es ist ein notwendiger Roman. Auch deshalb, weil dieses Buch, das vom Glauben und vom Zweifel, von der Hoffnung und von den Enttäuschungen, also tatsächlich von Gott und der Welt erzählt, nur als "Roman" möglich gewesen ist. Denn Enquist ist kein Theologe, sondern nur das Opfer einer pietistischen Erziehung. Der Gott, den man ihm eingebleut hatte, den hat er im Lauf seines Lebens, vor allem schreibend, abarbeiten können.

Enquist ist auch kein Philosoph, er sucht nicht die Wahrheit. Er ist Poet, der seine Wirklichkeit buchstäblich begreifen will. Und: Er ist ein - allerdings eminenter - Erzähler. Lewis Reise beschreibt vom Standpunkt des Glaubens aus den Preis der Säkularisierung: die Verluste, die der Verlust des Glaubens mit sich bringt. Er beschreibt aber ebenso, die Totgeburt als Schlüsselszene, den unmenschlichen Preis einer Religiosität, die der Säkularisierung abtrotzt wird. Enquist beschreibt also, durch seine eigene Lebensgeschichte verbürgt, das unlösbare Dilemma unserer Zeit.

Die Grundfrage der Friedenspreis-Rede von Jürgen Habermas, "Glaube und Wissen", wird als gelebtes Leben erfahrbar. Trostlos, aber so faszinierend wie großartig.

Per Olov Enquist: Lewis Reise. Roman. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Carl Hanser Verlag, München 2003, 576 Seiten, 24,90 €.

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