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Der russische Dichter und Schriftsteller Warlam Schalamow lebte von 1907 bis 1982.
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Der russische Dichter und Schriftsteller Warlam Schalamow lebte von 1907 bis 1982.

Literatur über den Gulag

Goldenes Zeitalter der Hölle

Er verzichtet auf das "Ich". Nicht Memoiren, sondern "neue Literatur" will er schreiben: Warlam Schalamow schrieb Erzählungen aus der Hölle des Gulags Kolyma. Nun liegt der dritte Band auf deutsch vor. Von Jörg Plath

Von Jörg Plath

Ein Goldenes Zeitalter kennt selbst die Kolyma, der nordöstlichste Ausläufer des Archipel Gulag. 1932 wurden die Lager dort gegründet, und bis 1937 flüchtete kaum jemand aus ihnen. Es gab damals so wenig Häftlingsfriedhöfe, schreibt Warlam Schalamow beeindruckt, "dass man denken konnte, die Kolymabewohner seien unsterblich".

Die Strafe verminderte sich durch die Anrechnung von Arbeitstagen, die Kleidung war gut, gearbeitet wurden im Winter bei Temperaturen bis minus 60 Grad nur vier bis sechs Stunden, im Sommer zehn. Die Löhne wurden ausgezahlt und erlaubten es den Häftlingen, die Angehörigen zu Hause zu unterstützen. 1938 endete das Goldene Zeitalter, heißt es im dritten Zyklus der "Erzählungen aus Kolyma" von Warlam Schalamow, dem es gelang, von 1938 bis 1953 in den Lagern des Dauerfrostgebiets zu überleben und den "Kältepol der Grausamkeit" lebendig zu verlassen.

Sechs Zyklen umfassen Schalamows Erzählungen, die im Samisdat kursierten und erst Ende der 80er Jahre in der Sowjetunion vollständig publiziert werden konnten. Bis 1973 hatte er an ihnen gearbeitet, getrieben offenbar von einem Erinnerungszwang, der nach Primo Levi ebenso wie totales Vergessen ein Kennzeichen des Seelenlebens schwer traumatisierter Menschen ist. Schalamow (1907-1982) war als Student in den Repressionsapparat geraten, er wurde wegen der Verbreitung von "Lenins Testament" an der Universität inhaftiert. Als "Konterrevolutionär" erlitt er von 1929 bis 1932 Lagerhaft und Verbannung auf den Solowki-Inseln. Diese Jahre sind jedoch mit jenen in der Kolyma nicht vergleichbar.

Zwei der Kolyma-Zyklen lagen bisher auf Deutsch vor, und nach der Lektüre eines jeden glaubte man, stark mitgenommen, mehr sei aus der alles "zersetzenden", "negativen Schule" des Lagers nicht mitteilbar. Nicht nur, weil die Erzählungen, von Gabriele Leupold in ein karges, aber zupackendes Deutsch übertragen, vom Unerträglichen auf eine kaum erträgliche Weise äußerst detailliert und scheinbar unmittelbar handeln.

Sondern auch, weil das massenhafte, organisierte Sterben unter den 20 Millionen Menschen, die Stalin und seine hoch dekorierten Handlanger zwischen 1930 und 1953 in den Archipel Gulag pressten, so viel individuelles Sterben gar nicht zugelassen hätte. Doch diese Annahme erweist sich einmal mehr als falsch. Schalamow erzählt in "Künstler der Schaufel", dem dritten Band der verdienstvollen Werkausgabe bei Matthes & Seitz Berlin, neue Geschichten vom hoffnungslos erscheinenden Kampf der Häftlinge gegen Staatsmaschinerie und organisierte Verbrecher.

Der dritte Zyklus konzentriert sich auf die teilweise aus Häftlingen rekrutierte Leitung der Lager. Schalamow selbst überlebte nur, weil er zufällig zum Feldscher ausgebildet wurde. Als einfacher Militärarzt erhielt er Einblick in das Verhalten von Chefs, Ärzten, Brigadieren und anderen Feldschern. Eine Szene ist furchtbarer als die andere, in einer der furchtbarsten aber hackt ein Soldat dem aufgespürten und umstandslos erschossenen Flüchtling die Hände ab; die Leiche ins Lager zu tragen und sie der Leitung vorzuweisen, ist ihm zu mühsam. In der Nacht erwacht der vermeintlich Tote und torkelt mit blutenden Stümpfen in die Hütte eines Außenkommandos zum Suppentopf.

Arbeit und Tod sind im Lager Synonyme. Wer die Arbeit jedoch verweigert, wird erschossen. Also schleppen sich die nach wenigen Wochen ausgezehrten Gestalten, diese "Menschen ohne Biographie, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft", durch den Schnee zur Arbeitsstelle, rutschen in ihren dünnen, geflickten und durchgeweichten Kleidern bei beißend kaltem Wind die verschneiten Hänge hinunter und halten die Stunden bis zur Rückkehr ins Lager aus.

Verschlossen war Schalamow dagegen die Welt der "Ganoven", der sich der anschließende vierte Zyklus widmet. Diese Erzählungen fallen daher meist reflektierend aus. Schalamow versucht, die Welt der Kriminellen zu rekonstruieren: Ehrenkodex und Moral des "verfluchten Ordens", Tätowierungen, Freizeitvergnügungen, Umgang mit Frauen. Die "Nicht-Menschen", wie Schalamow sie ekel- und angsterfüllt nennt, lassen sich von der Arbeit freistellen und erpressen, rauben, vergewaltigen und morden, als wären sie nicht im Lager.

Der Staat lässt sie nicht nur gewähren, er übergibt den "Komplizen" die Herrschaft im Lager. Auf sie greift Stalin zurück, als er 1938 die "Trotzkisten" massenweise ermorden lässt. Danach schinden sie im Zuge der "Umschmiedung" die "politischen" Häftlinge. Es ist diese historisch neue Nähe zwischen Politik und organisierten Kriminellen, die Schalamows "Skizzen der Verbrecherwelt" wie eine camouflierte Darstellung von Stalins Herrschaftsclique erscheinen lässt.

Schalamow war ein moralischer Mensch, er hat sich eine beeindruckende Unabhängigkeit des Urteils erhalten. In seinen Erzählungen werden Mithäftlinge selten verurteilt. Ein Mörder ist für den Erzähler noch lange kein "wahrer Mörder", der dem "verfluchten Orden" angehört, und ein "Politischer" nicht notwendig ein politischer Gegner Stalins: Er oder sie hat zuweilen nur aus Hunger Ähren auf dem Feld der Kolchose aufgelesen. Begriffe sind im Lager unnütz, die Ereignisse sprengen die bekannten Modi des Erzählens, die Maßstäbe sind verschoben, wenn die Hölle ein Goldenes Zeitalter besitzt und das Krankenzimmer dem Paradies gleicht.

Wer wie Schalamow wahrheitsgetreu von diesem verschobenen, verdrehten und vollständig andersgearteten Kosmos mit Millionen Menschen nahe am Verlöschen berichten will, hat eine Herkulesaufgabe zu bewältigen. Schalamow weist die bisherige Literatur und die Psychologie zurück. Er verzichtet auf das "Ich". Nicht Memoiren, sondern "neue Literatur" will er schreiben, die ein "umgewandeltes Dokument" sei: "Die Erzählungen aus Kolyma sind der Versuch, bestimmte wichtige sittliche Fragen der Zeit zu stellen und zu beantworten, Fragen, die an anderem Material einfach nicht beantwortet werden können." Jahre später wird Imre Kertész, der Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, den Holocaust aus demselben Grund eine Quelle der Kultur nennen.

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