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Gogols „Die Nacht vor Weihnachten“, als Erzählung und Oper: Wenn es mit dem Teufel zugeht

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Von: Christian Thomas

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Nikolay Vasilyevich Gogol.
Nikolai Gogol. © Imago

Nikolai Gogols „Die Nacht vor Weihnachten“ ist phantastisch in gleich mehrfacher Hinsicht, wie die Erzählung und die große Inszenierung der Oper Frankfurt zeigen.

Alles zunächst in einer rechten Ordnung, alles an Ort und Stelle an diesem Tag, dem letzten vor Weihnachten in einem tief verschneiten Dorf der Ukraine. Die Nacht besonders klar, ja, es war einmal – doch dann wird es wie kein zweites Mal. Denn rasch sollte sich zeigen, dass sich die Ordnung als trügerisch erwies, ebenso wie die eiskalte Nacht. Damit Weihnachten selbst? Wo doch der Mond fehlte, geraubt ebenso wie die Sterne. Also nicht nur mit Weihnachten etwas nicht stimmte, dem Fest, der friedvollen Fiktion, sondern sogar etwas mit dem Kosmos selbst?

Zu den unheimlichen Begebenheiten, von denen der 22-jährige Nikolai Gogol 1831/32 in seinem Büchlein „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“ erzählte, gehörte in „Die Nacht vor Weihnachten“ das Faktum, dass auf der Seite 2 eine Hexe nach den Sternen greift und diese ebenso einsackt wie der Teufel eine Seite später den Mond. Eine bemerkenswerte Szene obendrein, weil der Dieb sich an dem Mond verbrennt, die Hand zurückreißt, sich auf seine Finger bläst und den Schmerz, das macht den Vorgang umso realistischer, in einem zappelnden Bein ausschlenkert. Dennoch, der Raub gelingt in beiden Fällen.

Was immer bis dahin in Weihnachtsgeschichten erzählt worden war, der „tückische Teufel“ war für den (allwissenden) Erzähler Gogol so etwas wie ein Regisseur. Gleichsam der Vertreter eines Regietheaters mit einem für seine Inszenierung im Dorf Dikanka unbedingt diabolischen Konzept. Ihm zur Seite eine Assistentin, Solocha, eine Witwe. Beide dermaßen liebestoll, so dass ihre Liaison zum Gerücht wird. Da Solocha auch von der Männerwelt Dikankas begehrt wird, ist sie umso mehr verschrien bei den Dorfbewohnerinnen (den wahren Hexen).

So von Gogol erzählt, sah man es auch in einer Verfilmung der Novelle zu Sowjetzeiten, Moskau 1961, anschließend in den Kinos der DDR. Weil das, was man einen Geschlechterkonflikt nennen könnte, eine schier überzeitliche Konstellation ist, sieht man es drittens auf der Bühne der Oper Frankfurt, in einer Adaption der Erzählung, in einer Inszenierung der Oper von Nikolai Rimski-Korsakow. Dreimal der gleiche Stoff. Und welche Gattung ist zu favorisieren? Fragen sich Leser, Kinoliebhaberinnen und das Opernpublikum. Oder zanken sie sich schon wieder? Cliffhanger.

Gogols Stoff wurzelt in den Legenden der Ukraine, damit in Schauderhaftem und Zauberhaftem, Absurd-Tragischem und Grotesk-Komischem. Zum phantastischen Hybrid bei Gogol gehört in dessen Weihnachtsgeschichte eine Kreatur, die man sich so vorstellen muss: „Hat er doch eine Fratze, dass es eine wahre Schande ist. Geradezu eine Fresse“, wie es bei Gogol heißt, beziehungsweise in einer älteren Übersetzung, mittlerweile 100 Jahre alt. Eine Spur weniger drastisch, nämlich mit einer „Visage“, die „garstiger als garstig“ sei, beschreibt ihn Dorothea Trottenberg in ihrer Übersetzung. Auf Übersetzungen sollte Verlass sein, so denkt man, während im Buch das erste Kapitel seinem Ende zugeht.

Am Ende erheben sie ihre Blicke zu ihm, Nikolai Gogol. Christof Loy führte Regie in der Frankfurter „Nacht vor Weihnachten“.
Am Ende erheben sie ihre Blicke zu ihm, Nikolai Gogol. Christof Loy führte Regie in der Frankfurter „Nacht vor Weihnachten“. Monika Rittershaus © Monika Rittershaus

Auf der Bühne sieht der Teufel allerdings ganz anders aus. In einem smarten Anzug, mit Aktentasche an der Hand, hält er sich für ziemlich unwiderstehlich in der Inszenierung von Christof Loy an der Oper Frankfurt. Er, der Tenor Andrei Popov, und sie, die Mezzosopranistin Enkelejda Shkoza als Solocha, als Witwe und Verführerin, sind sich in zweifacher Hinsicht einig, sowohl sexuell als auch geschäftlich. Rächen will sich der Teufel dafür, dass der Schmied Wakula, der Sohn der Witwe, von ihm ein Bildnis anfertigte, das diesen dem Gespött aussetzt. Was für den Satan ein gesellschaftlicher Skandal ist, so dass er die Heirat zwischen Wakula und der Dorfschönheit Oksana verhindern will, ist für die Zauberin und Mutter ein Kalkül, denn sie spekuliert auf das Erbe von Oksanas Vater, Tschub.

Nicht nur der Erzähler Gogol hat Oxana unter den Schönen des Dorfes als die Schönste beschrieben, das geschieht ebenfalls durch ihre Koketterie und Eitelkeit, während sie sich im Spiegel besieht. Gogol war ein Virtuose des Erzählens aus unterschiedlichen Perspektiven, eines Schreibens, das polyphon genannt wurde, ohne dass deswegen auch an die Oper gedacht worden wäre. An eine vielstimmige Weihnachtsgeschichte, hier aus einem Kosmos der Übergriffigkeit. Darin hineingestellt ein sittsames Paar, Oxana und Wakula.

Denn so wie zwischen ihnen, artig, geht es nicht in jeder Beziehung zu. Neckisch zeigte es die Verfilmung, obwohl es bereits bei Gogol nicht züchtig zuging. Befriedigung wird vom Teufel regelrecht erpresst, dazu beruft er sich auf „Brauch und Sitte“ in einer alten Übersetzung, Berlin 1923: Solocha „war nicht so hartherzig; und dann unterhielt der Teufel ja bekanntlich auch mit ihr eine alte Freundschaft“, heißt es an dieser Stelle, an der das Semikolon auf Sex verweist. „Stecken doch die beiden“, da ist sich das halbe Dutzend Zeugen, nämlich die Übersetzungen, die ich vor mir liegen habe, einig, „unter einer Decke“.

Zur Sache:

Das Buch Nikolai Gogol: Die Nacht vor Weihnachten. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. Illustriert von Mehrdard Zaeri. Insel Verlag 2020. 128 S., 11 Euro. – Alternativen dazu die „Erzählungen“ in Band 1 des Cotta Verlags, 1982. Oder „Sämtliche Erzählungen“ in der Winkler-Ausgabe, 1961. Oder „Phantastische Novellen“ im Könemann Verlag, 2000, basierend auf dem ersten Band der „Sämtlichen Werke“, Berlin 1923. Alle nur antiquarisch erhältlich.

Die Inszenierung Die gefeierte „Nacht vor Weihnachten“ steht zurzeit nicht auf dem Spielplan der Oper Frankfurt. Gezeigt wird die Inszenierung von Christof Loy unter der musikalischen Leitung von Sebastian Weigle im Cinema Frankfurt am 17. Dezember um 11 Uhr. Dabei wird die soeben erschienene DVD vorgestellt: Nikolay Rimsky-Korsakov: Christmas Eve. Naxos 2022. 153 Minuten, etwa 25 Euro.

Regelrecht explizit wird es auf der Bühne, so dass dem Teufel ebenso wie dem Diakon auf dem Busen der Solocha die Sinne schwinden und zwischen ihren Schenkeln, „oi, oi, oi“, das Singen. Illustriert wird eine Gier, die bereits die Figuren Gogols umtrieb, eine Leidenschaft, die sich von Dämonen bereitwillig verführen ließ, von Hexen geritten und vom Schwanz des Teufels angestachelt glaubte.

Nicht anders als im Buch beschrieben, zeigt sich Oxana auch auf der Frankfurter Bühne „kapriziös“ (Julia Muzychenko), macht sie doch ihre Heirat abhängig davon, dass ihr Wakula (Georgi Vasiliev) nichts weniger als die goldenen Schuhe der Zarin herbeibringe, zum Beweis seiner ernsten Absichten. Man sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass Schuhe, zumal in Märchen, ein enorm erotisches Signal aussenden. Und wenn gar Gogol seine Figur eine Bemerkung über die zarten Füßchen der Zarin machen ließ, war das für die Uraufführung der Oper, 1895 im Mariinski Theater von Sankt Petersburg, eine Ungeheuerlichkeit.

Vieles, was sich in der Weihnachtsgeschichte des jungen Autors fand, bezog dieser aus der Puppentheatertradition seiner unmittelbaren Umgebung, auf den Jahrmärkten der Ukraine. Dort paarte sich das Derbe mit dem Zauberischen, und es sprang dabei schier Unglaubliches heraus – Phantastisches. So schnell Mond und Sterne verschwinden konnten, so rasch waren sie auch wieder da. Verkehrte Welt im Kleinkosmos von Dikanka, vorübergehend sogar ein verkehrter Kosmos – so zu sehen in einer Aufführung weit, weit hinterm Ural, 2012 in Sibirien, an der Nationaloper von Buryat, beglaubigt durch das Internet, wenn sich die schmale Mondsichel, angeheult von Wölfen, um ihre eigene Achse dreht.

Dass bereits Gogol die Distanz zwischen Dikanka und St. Petersburg durch den Teufel und Wakula im Flug überwinden ließ, ist ein Beleg, wie selbstverständlich der Autor seine Figuren am langen Draht seiner Phantasien zu bewegen verstand. Ebenfalls ein Wunder die Szenen auf der Frankfurter Bühne (Flugchoreografie: Ran Arthur Braun), wenn man so will Teufelswerk! Auch das ein Argument, warum die Inszenierung in der Fachzeitschrift „Opernwelt“ zur Aufführung des Jahres 2021/22 gewählt wurde. Unübersehbar ein phantastischer Umgang mit den dämonischen Dimensionen der Gogol’schen Geschichte.

Wobei das Teufelswerk auf einer „weltbewegenden Kraft“ beruht, von der bereits ein Dostojewski sprach – wie zum Beleg, dass eines Tages die Frankfurter Oper den Teufel zusammen mit Wakula durch einen bestirnten Nachthimmel taumeln lässt wie schwerelos. Nein, kein Spuk, vielmehr wahrhaftig ein Schauspiel, und zwar eines, das nicht nur Gogols Phantasie recht gibt, sondern Dostojewskis Pragmatismus, weil dieser den zu seiner Zeit herrschenden Dämonenkult nicht nur auf diabolische Fiktionen der Menschen zurückführte. Vielmehr erdete, indem er die Erfindung der Elektrizität ins Spiel brachte, deren „weltbewegende Kraft“, die auch die Frankfurter Bühnenmaschinerie antreibt, so dass man Zeuge wird, wie Luzifer und ein so braver Mann wie Wakula einen uralten Menschheitstraum ausleben. So entrückend es ist, ihrem Flug zuzusehen, man vergesse nicht, dass Gogol die verrufene Solocha wie eine Schlittschuhläuferin ihre Bahnen durch den Himmel ziehen ließ. Die Bühne ein Hingucker – das Buch ein Schauplatz des Phantasiereichtums.

So schnell es nach St. Petersburg auf dem Hinweg ging, „noch schneller jagte der Teufel in der verbleibenden Zeit mit dem Schmied zurück“, die Schuhe der Zarin im Gepäck. Ungebührlich nah kam der Schmied einer Unnahbaren, vor der die Kosaken auf die Knie sanken – eine hochpolitische Demonstration in Gogols Erzählung, denn hinter der Unterwerfungsgeste der in „Ungnade gefallenen“ Kosaken verbarg sich die Erinnerung an deren kalte Entmachtung durch Katharina II., so dass die Kriegerschar auch auf der Bühne katzbuckelt, dass sie „lieber sterben als sich erheben“ wolle. Nicht nur kein Aufruhr gegen die Kaiserin, nicht mal ein Aufrichten unter ihren Augen.

So prächtig die Rokoko-Ausstattung in dieser Szene (Kostüme: Ursula Renzenbrink), so abgründig die Dimensionen einer Regentschaft, deren Ordnung auf Gewalt basierte. Der junge Gogol, der Satiriker, war ein Autor, der gegen die Ordnung opponierte. Für den Attentäter auf die kosmische Ordnung, den Teufel, wird die Rückkehr aus der Hauptstadt des Zarenreichs in eines seiner Dörfer zum Desaster. Wakula entledigt sich des Strippenziehers wie selbstverständlich, indem er ihn „beim Schwanz packte, eine Rute nahm und ihm drei Schläge versetzte“. Hatte man schon jemals von einem solchen Schwachmatikus von Teufel gelesen? Das hatte auch damit zu tun, dass Gogol ein geradezu diabolischer Dekonstrukteur des Dämonischen war. In seinen Anfängen war er ein Autor, der, über das Zwangssystem des Zaren hinaus, gegen die Autokratie des Aberglaubens rebellierte.

Wesentlich stärker als durch die lustigen Späße und Streiche, von denen Gogol erzählte, sprach Rimski-Korsakow die heidnischen Urelemente der Weihnachtsgeschichte an, solche Rituale, in die man sich regelrecht vergucken kann. Etwa in den Pas de deux von Ballerina und Bär, sie wie ein Schwanensee-Schmetterling (Ayelet Polne), der auf Spitze tanzt, er ein Schwergewicht wie auf ausgelatschten Tatzen, beide am Ende ein Paar, die Jungfrau Koljada und der Frühlingsgott Owsen als Verkörperungen einer nichtchristlichen Religiosität, die nicht an Weihnachten glaubt, sondern an die Wintersonnenwende.

Ein richtiger Glaube, ein falscher? Jedenfalls ist es nicht falsch, wenn ausgerechnet der Teufel beklagt, dass die Menschen kaum noch die Ursprünge ihrer Legenden kennen, die sie umtreiben – auch im Mikrokosmos von Dikanka, einem schneeweißen Kasten (Bühne: Johannes Leiacker), in dessen künstlicher Kälte der Satan unter den Menschen einige Doppelgänger findet. Bei Gogol, das macht ihn zu einem luziden Gesellschaftskritiker, in den Klatschweibern sowie dem Gerichtsassessor mit seiner „teuflisch geflochtenen Peitsche“. Bei Rimski-Korsakow in dem zu einem schauerlichen Monster aufgeblasenen Nimmersatt Pazjuk, dem bei Gogol die Quarkküchlein surreal zum Mund hereinfliegen.

Trotz aller Intrigen steht der Wintersonnenwende nichts mehr im Wege, denn auch der Satan hat keine Gewalt mehr über den Lauf der Jahreszeiten. Und so bewegt sich denn die Oper unter heidnischen Anklängen und unter herrlichen Chorgesängen nicht mehr grotesk oder grauslich, sondern andächtig auf ihr Happy End zu. Es gilt einer pantheistischen Wiederverzauberung der Welt, als sollte sie in all ihren Konstellationen wieder eingerenkt werden. Bei Gogol eine Rückbesinnung auf ukrainische Legenden, bei Rimski-Korsakow auf eine Volksliedtradition, die „Koljadki-Gesänge“. Bühne und Buch in versöhnlicher Verschränkung.

Friedvoll das Bühnenfinale. Ein Weltbild hat sich gerundet. Die Prophezeiung der Ouvertüre erfüllt, zu der die Sterne durch Staccati der Harfen blitzten und das Universum in Dur-Dreiklängen der Geigen schwelgte (musikalische Leitung: Sebastian Weigle). Im Schlussbild wird ein Porträt gezeigt, das Bildnis des jungen Gogol. Die soeben noch vom Schneesturm wie Flocken durcheinandergewirbelte Dorfgemeinschaft rückt zusammen zu einem Schlusstableau. Sie hält eine Dichterikone hoch, ihn.

Alles andere als ein Happy End bei dem Urheber der Geschichte. Eine Mutter und ihr Kind in der Kirche, ebenfalls vor einem Abbild, jedoch dem des Teufels. Von Wakula wurde er dermaßen abscheulich porträtiert, dass ein jeder vor dem „scheußlichen“ Kerl „ausspucken“ möchte. Allerdings nicht das Kind, das sich an die Mutter schmiegt.

Was blieb, war die Angst vor dem Teufel, nicht weniger mächtig als die Gottesfurcht. Anders als der pantheistisch beseelte Optimist Nikolai Rimski-Korsakow war der phantastische Weihnachtserzähler Nikolai Gogol ein Realist.

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