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Alabastervase, auf der der Göttin Inanna gehuldigt wird.

En-hedu-anna

Die Götter fliehen – Über die erste bekannte Autorin der Welt

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Der erste schriftstellernde Mensch, den wir mit Namen kennen, war eine Frau. Eine vor Selbstbewusstsein und Kraft berstende Frau. Sie starb vor mehr als 4000 Jahren.

Das Einfachste wäre, einen der Texte von En-hedu-anna hier einfach abzudrucken. Jede Leserin, jeder Leser könnte sich eine eigene Meinung bilden. Aber wer ist En-hedu-anna? Sie lebte vor weit mehr als viertausend Jahren, eine sumerische Prinzessin, Tochter des Dynastiegründers Sargon von Akkad und unter anderem Priesterin der Göttin Inanna und Hohepriesterin des Mondgottes Nanna in Ur und damit auch dessen hochoffizielle Gemahlin. Vor allem aber war sie der erste namentlich bekannte Autor. „Die Geschichte beginnt mit Sumer“ , hieß ein Bestseller, den ich als Jugendlicher verschlang. Auch die Literaturgeschichte. An deren Anfang steht eine Frau: En-hedu-anna.

Auf der sogenannten Alabasterscheibe der En-hedu-anna ist vor dem Altar ein Tempeldiener zu sehen, der die Opfergaben darbringt. Hinter ihm drei Frauen. Bei der ersten handelt es sich wohl um En-hedu-anna. Jedenfalls steht auf der Rückseite der Scheibe, sie habe im Tempel der Inanna einen Altar errichtet, den sie „Tisch des An“ nannte.

Wir haben es – wir sind das gewohnt – bei diesem religiösen Ritual mit einem politischen Vorgang zu tun. Sargon von Akkad hatte sich die sumerischen Stadtstaaten unterworfen. Die Folge: Er war damit beschäftigt, gegen aufständische Stadtfürsten Kriege zu führen, und solche, die nicht aufmuckten, bei der Stange zu halten. Der akkadische Eroberer pflegte also die sumerischen Kulte. Seine Tochter spielte dabei eine herausragende Rolle.

Inanna war die höchste Göttin der sumerischen Kultur. Sie war die Göttin für eine brisante Kombination von Lebensbereichen: Liebe, Fruchtbarkeit und Krieg. Ein ordentlicher Brocken der barocken Malerei des Abendlandes stellt dar, wie ein junger Mann das Lager der Liebesgöttin Venus verlassen muss, um dem Ruf des Kriegsgottes Mars zu folgen. Menschen mit einigem an Lebenserfahrung oder auch Scheidungsanwälten scheint die Verbindung von Liebe und Krieg in einer Gottheit womöglich realistischer.

Der Name En-hedu-anna ist kein Name, sondern ein Titel, aber eben ihr Titel. „En“ war die Bezeichnung für den Hohepriester, „hedu“ ist das sumerische Wort für Schmuck, und „an“ heißt Himmel. En-hedu-anna besagt also:„die Hohepriesterin, der Schmuck des Himmels“.

„Schmuck des Himmels“ war eine der metaphorischen Bezeichnungen für den Mond. Titel und Metaphorik gingen schon immer Hand in Hand. Auch ein Hofrat war schon bald nur noch metaphorisch einer.

Die 1970 in Freiburg geborene, in Göttingen lehrende Altorientalistin Annette Zgoll ist wahrscheinlich die beste Kennerin der Werke von En-hedu-anna. Ich hätte sie gerne in Göttingen besucht und mir von ihr die älteste Autorin der Welt erklären lassen. Aber wir leben in der hoffentlich kurzen Corona-Epoche, darum zitiere ich dankbar aus einem Interview, das Annette Zgoll dem Deutschlandfunk Kultur gab.

Sie erklärte darin zu einem der Texte von En-hedu-anna: „Das spannendste Lied ist eine Hymne oder ein Lied, was in einer ganz grässlichen Situation um Leben und Tod, Sein oder Nichtsein spielt. Da geht es darum, dass Bürgerkrieg ist und dass sie selbst von ihrem Kultort, von ihrem Tempel vertrieben ist und dass man ihr sagt, bring dich um. En-hedu-anna sagt das natürlich poetisch viel, viel schöner: Man hat mir einen Dolch in die Hand gedrückt und hat zu mir gesagt, dies ist nun dein Schmuck, das ist eine Anspielung auf ihren Namen, der ,Schmuck des Himmels‘ bedeutet, und sie kämpft jetzt mit ihrem Lied darum, dass die Göttin eingreifen und die politische Situation rumreißen soll. Alles steht dagegen (...), nichts scheint mehr zu retten. Und da tritt sie auf an einem anderen Ort, an den sie sich geflüchtet hat, und sagt, ich bin immer noch die Hohepriesterin, ich habe dieses Lied hier geboren in der Mitte der Nacht, das ist natürlich nicht wörtlich gemeint, sondern es ist eine Metapher, also eine Bildrede, und das, was ich jetzt hier vortrage, was ich hier jetzt geboren habe, das soll dann, wenn es wieder strahlender Tag ist, wiederholt werden durch Sänger.“

Das ist aufregend modern. En-hedu-anna stellt sich nicht in eine Tradition, sie möchte nicht zeigen, dass sie irgendwelcher Meister würdig ist. Sie möchte sich zeigen. In ihrer Verzweiflung und in ihrem Stolz. Das erste Ich, das zu uns spricht, ist das einer Frau. Die männlichen Ichs ihrer Zeit erzählen von ihren Eroberungen, von ihren Siegen in festen Formeln in lange überlieferten Redensarten. Mit anderen Worten: Sie sprechen nicht als ich. Die wohl dreihundert Jahre später entstandene ägyptische Geschichte von Sinuhe hat auch einen verzweifelten Ich-Erzähler, der aber nicht identisch ist mit dem Autor.

Vielleicht kommt uns aber En-hedu-anna nur darum so modern vor, weil die wirkliche Dichtung, die also, die von den Gefühlen der Menschen erzählt, meist in viel flüchtigeren Medien überliefert wurde. Nicht eingemeißelt in Palast- und Tempelwände, sondern vor allem mündlich vorgetragen von den Sängern, denen auch En-hedu-anna die Zukunft ihrer Dichtung anvertraut.

Ihre Arbeiten haben überlebt, weil sie Schulstoff wurden. Das Sumerische war bald eine tote Sprache. Aber es wurde noch lange unterrichtet. Über Jahrhunderte spielte es eine Rolle, dem Lateinischen in Europa, dem Sanskrit in Indien vergleichbar.

Bibliotheken sind geschlossen. Ich kann mir also nicht die Texte von En-hedu-anna besorgen. Englisch sind sie fast alle im Netz. Aber ich habe, herausgegeben von Konrad Volk und 2015 im Harrassowitz-Verlag erschienen, den Band „Erzählungen aus dem Land Sumer“. Darin hat Annette Zgoll ihr Lieblingsgedicht von En-hedu-anna, die sie hier Encheduana schreibt, kommentiert und vollständig übersetzt. Es sind 156 Verse, aus denen ich hier nur ein paar hinstelle, die zeigen, wie En-hedu-anna die Göttin Inanna sieht, wie sie und was sie an ihr preist. Nichts von: „Ach neige du Schmerzensreiche dein Antlitz gnädig meiner Not.“ Inanna ist eine Victoria, keine Mater Dolorosa:

„Meine Herrin, welch eine Kraft ist dein! Wenn sie das härteste Material zermalmt, wenn du wie das Sturmeswüten, das pausenlos faucht, pausenlos fauchend dreinfährst, wenn du mit dem Sturmeswüten, das pausenlos tost, pausenlos tosend zuschlägst – mit dem Gewittergott Ischkur brüllst du donnernd –, wenn du mit den grausigen Stürmen, den grausigen Gewitterstürmen, dich unermüdlich stürmend verausgabst, wobei du selbst keinerlei Müdigkeit kennst, dann stimmt man mit der Harfe der Klagen das Klagelied an: Meine Herrin! Dann sind die Anuna, die großen Götter, wie aufgeschreckte Fledermäuse deinetwegen aufgeflattert, um sich in den Ritzen der Ruinenhügel zu verstecken. Deinem grausigen Blick haben sie nicht standgehalten ...“

Der Zorn der Göttin muss beruhigt werden. Dafür gibt es überkommene Rituale, Opfergaben und Preislieder. En-hedu-anna erfüllt die Überlieferung. Sie schildert die Göttin als die Stärkste, die Größte. Das mochten die Götter offenbar schon immer. Das mögen sie noch heute, und auch Halbgötter und Filialleiter lieben es, so angesprochen zu werden.

Dann aber stellt En-hedu-anna sich vor, versucht durch den Sturm hindurch die Göttin zu erreichen und bittet sie, ihr beizustehen. Sie wirft sich dafür nicht in den Staub vor der Göttin, sondern schildert ihre Lage und wie sie hineinkam. Dann beschwört sie noch einmal wortreich mit vielen Wiederholungen die Gewalt der Göttin, die sich doch einsetzen soll für En-hedu-anna. Gleichzeitig vollzieht sie das überlieferte Ritual. Das soll die Göttin in ihrem Zorn bestärken, damit sie sich austobt, um dann endlich zur Ruhe zu kommen. So geschieht es.

En-hedu-annas Text scheint mir Literatur und Ritual zugleich zu sein. Ein Preislied und eine Handlung. Nur in diesem Text stellt die Autorin sich vor. Aber natürlich wissen wir nicht, ob darin wirklich die Person En-hedu-anna spricht, oder ob es nicht ein Genre, auch ein Ritual gab, in dem die Autoren sich nannten und in dem die Gläubigen sich vorstellten.

Vielleicht sollte man noch einen Gedanken darauf verwenden, dass die Beobachtung der Mondbewegung am Himmel zu den Aufgaben des dem Mondgott geweihten Tempels gehörte, womöglich also auch zu den Aufgaben von dessen Hohepriesterin. En-hedu-anna wäre also Priesterin, Dichterin und Wissenschaftlerin gewesen. Und überall die erste. Jedenfalls die erste, von der wir wissen.

Der Hymnus 42 von En-hedu-anna endet mit so viel Selbstbewusstsein: „Die im Schilf geborene Frau, die den Himmel Elle für Elle ausmisst, legt die aufgewickelte Messschnur auf die Erde. Gepriesen sei Nisaba, die Göttin der Schreibkunst. Diese Schrifttafel wurde verfertigt von En-hedu-anna, etwas, das es nicht gäbe, hätte sie es nicht geboren, etwas wie, mein König, es noch niemand geschaffen hat.“

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