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Götter wie Fliegen

Respektlos und streckenweise komisch: Eine Neuausgabe des Gilgamesch-Epos von Stefan M. Maul

Von SVEN HANUSCHEK

"Ich aber, wie nur hätte ich schweigen, / wie nur hätte ich stillhalten können?" So klagt Gilgamesch, der König von Uruk, nach dem Tod seines Freundes Enkidu in der neuen deutschen Übersetzung von Stefan M. Maul. Gilgamesch geht auf Wanderschaft, um das Geheimnis des ewigen Lebens von Uta-napischti zu erfahren, dem einzigen Menschen, der mit seiner Familie die Sintflut überlebt hat - ein babylonischer Noah. Er wird ihn finden, aber es wird ihm nichts nützen: Der Alte erklärt ihm, warum der König sterblich bleiben wird, und schickt ihn zurück in seine Hauptstadt, in der er endlich, nach vielen gar nicht so heldenhaften Heldentaten, eine segensreiche Regierungszeit beginnt.

Komische Untertöne

Die ersten Hochkulturen entwickelten sich im vierten vorchristlichen Jahrtausend in Mesopotamien, als die ersten Stadtstaaten sich gegen Überfälle mit Stadtmauern schützten. Die von Uruk wurde möglicherweise unter dem historischen Gilgamesch errichtet (den es wohl gegeben hat) - insofern kommen wir alle ein bisschen von der babylonischen Kultur her. Nachvollziehbar ist das allemal an Gilgameschs Todesfurcht, nachdem er tagelang dem Zerfall der Leiche seines Freundes zugesehen hat, an seiner Auflehnung gegen das Schicksal, die er auch verkünden will. Seine Ängste berühren die Leser des Gilgamesch-Epos, dieses ältesten erhaltenen Textes der Weltliteratur, immer noch ganz unmittelbar, hier scheint sich in 6000 Jahren nichts verändert zu haben. Kein Wunder, dass es zahllose Romane, Theaterstücke, Opern über Motive des Epos gibt, enthusiastische Äußerungen von Rilke bis Canetti, sogar ein nachempfundenes Epos von Raoul Schrott.

Was Gilgamesch von vielen Epen späterer antiker Kulturen unterscheidet, ist der Hang zu parodistischen oder komischen Untertönen. Das Werk wird zum mündlichen Vortrag bei Hofe, zur Unterhaltung gedacht gewesen sein, und auch hier, nicht nur in existentiellen Grundfragen, kommen auch heutige Leser auf ihre Kosten: Enkidu verflucht auf dem Totenbett die Hure Schamchat, weil sie ihn aus der Steppe in die zivilisierte Menschheit gelockt hat; auf Ermahnung des Sonnengottes segnet er sie übergangslos ebenso überschwänglich - hat sie ihn doch zu dem hübschen Gilgamesch gebracht und ihn gelehrt, wie man Bier trinkt. Schamchat ist eine sehr elaborierte Person, während die unfruchtbare Liebes- und Stadtgöttin Ischtar ordinär mit Reichtum lockt; Uta-napischti ist ein umständlicher vorsintflutlicher Greis, und als Gilgamesch nach seiner jahrelangen Odyssee endlich vor dem einzigen unsterblichen Menschen steht, begrüßt er ihn mit dem Satz "Lang lebe Uta-napischti"!

Auch der Umgang mit der Götterwelt ist (anders als im etwas später entstandenen Alten Testament) frisch und respektlos. Der babylonische Göttervater Enlil hat die Sintflut angezettelt, ohne dass den Menschen die Schuld dafür zugeschoben würde. Als die Götter den süßen Duft von Uta-napischtis Opfergabe riechen, kommen sie "alsbald wie die Fliegen / über dem Opferspender zusammen" und zanken sich - Enlil wird der Dummheit geziehen, dass er versucht habe, die ganze Menschheit zu ersäufen, weil einzelne sich schuldig gemacht haben. Künftig wolle man sich auf Löwen, Wölfe und Hungersnöte beschränken, um die Zahl der Menschen klein zu halten.

Der Heidelberger Assyriologe Stefan Maul hat Gilgamesch auf der Grundlage der englischen wissenschaftlichen Edition von Andrew R. George (2003) ins Deutsche gebracht, der bislang vollständigsten rekonstruierten Fassung des Textes. Maul hat seine auch für ein breites Publikum lesbare Fassung mit größtmöglicher philologischer Genauigkeit erarbeitet, die sich über umfangreiche Kommentare und eine einleitende Prosa-Nacherzählung der elf Keilschrift-Tontafeln des Werks erschließt. Seine Version ist dicht, streckenweise auch poetisch, dazu sehr benutzerfreundlich; nebenbei auch ein schönes Buch: Jede "Tafel" wird mit der Nachzeichnung eines zugehörigen Motivs eröffnet und in der Kopfzeile begleitet. Allenfalls eine größere Schrift hätte man sich gewünscht, der Kommentarteil ist pures Augenpulver, zu dem bei einem Buch unter 200 Seiten kein Grund besteht.

Sinnliche Details

Mauls Fassung ist durchaus ein Vergnügen, das nur geringfügig von einer Bemerkung in der Einleitung getrübt wird: Durch Georges Edition seien "alle vor dem Jahr 2003 erschienenen Übersetzungen (?) mit einem Male veraltet". Das ist ein wenig überzogen und auch kein fairer Umgang mit der einzigen Konkurrenz, die dieses Buch hat (frühere Übersetzungen sind in der Tat schon wegen ihres altertümelnden Duktus kaum noch lesbar): Raoul Schrotts Übertragung von 2001, Gilgamesh. Sie enthält zwar durch den veränderten Forschungsstand etliche Zeilen weniger, aber sie stützt sich bereits auf die englische Übersetzung Georges von 1999, die seiner Edition vorausging - so schrecklich groß ist der Unterschied nicht.

Nachdem sich die Editionsprinzipien der beiden Übersetzungen unterscheiden, gibt es auch bei Schrott Verse als Konjekturen aus anderen Tafeln, die bei Maul fehlen und die er nur inhaltlich im Kommentar nacherzählt. Außerdem hat Schrott als Dichter das eine oder andere sinnliche - soll heißen sexuelle oder komische - Detail noch etwas überzeugender ins Deutsche gebracht. Beide Übersetzungen ergänzen sich somit hervorragend und bieten sich zur parallelen Lektüre an, um das bestmögliche Bild vom Gilgamesch-Epos zu erhalten - es sei denn, man ist Assyriologe und kann fließend sumerisch, akkadisch, altbabylonisch und was man sonst dazu noch braucht.

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