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Albrecht Dürers Kohlezeichnung seiner Mutter.

Literatur

Glücklich und gelungen alt werden

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Otfried Höffe legt mit der "Hohen Kunst des Alterns" eine kleine Philosophie des guten Lebens vor.

Das Thema wiedergewinnen. Zu jedem Lebewesen gehört das Altern, das schließlich ins Sterben mündet. Menschen machen hier keine Ausnahme, trotzdem nehmen sie in der Natur eine Sonderstellung ein. Denn sie wissen um das Altern, erleben es in der Jugend an Eltern, Lehrern und Großeltern, später an sich selbst, weshalb sie früher oder später darüber nachdenken.

Altern und Alter sind also für den Menschen biologische Phänomene, die zugleich erlebt und erlitten, bald beschleunigt, bald auch gebremst werden und in jedem Fall ein existentielles Gewicht haben. Da sie die Berufs- und Arbeitswelt mitbetreffen, haben sie ebenso eine wirtschaftliche, weil sie das Gesundheitswesen beeinflussen, sowohl eine politische als auch eine medizinische, pharmazeutische und medizintechnische Seite. Weil ältere Menschen altersgerecht wohnen und barrierefrei in Gebäude und Wohnungen gelangen wollen, hat das Thema zudem eine Architekturseite, schließlich, weil es den Menschen in seinen gesellschaftlichen Beziehungen beeinflusst, eine soziale Seite.

Für all diese Facetten ist eine hohe Kunst des Alters und Alterns, folglich auch eine Theorie der Alterskunst gefordert. Dabei meint „Kunst“ keine künstlerische Tätigkeit, sondern ein Können, ein Know-how, das ein Kennen und Wissen, ein Know-that, einbezieht und sowohl rechtliche als auch moralische Verbindlichkeiten nicht ausschließt. Hier wie andernorts beansprucht die Philosophie keine Sonderfähigkeit. Denn jedem Bürger zugänglich, ist sie ihrem Wesen nach ein demokratisches Unterfangen, das sich der allen Menschen gemeinsamen Vernunft bedient und auf eine ebenfalls allen zugängliche Erfahrung zurückgreift. Freilich bringt die Philosophie außer ihrer Fähigkeit zu methodischem Vorgehen auch die Kenntnisse einer an Begriffen, Argumenten und Problembewusstsein reichen Tradition mit. Gegenüber dem Alter reicht diese von Platon und Aristoteles über die Stoa, Cicero und die europäische Moralistik etwa mit Bacon und Schopenhauer bis zu modernen Autoren wie Ernst Bloch.

Es genügt freilich nicht, nur philosophische Zeugnisse zu Rate zu ziehen. Ebenso wichtig sind Texte der Medizingeschichte und Hinweise der religiösen und der säkularen Lebensweisheit. Schließlich darf man weder die bildende Kunst noch die große Literatur vergessen: Die einschlägige Tradition ist weit.

Gegen die Übermacht der Ökonomie. Die zu erneuernde philosophische Alterskunst beginnt mit dem Veto gegen eine heute drohende Engführung: Gesellschaft und Politik überlegen, wie man die Älteren möglichst wirksam zunächst in die Berufs- und Sozialwelt, später in die Welt von Alten- und Pflegeheimen integriert. Oft stillschweigend, nicht selten ausdrücklich nehmen sie dann Nutzen-Kosten-Analysen vor, gerichtet auf die Berufswelt, das Gesundheitswesen, nicht zuletzt die Rentenversicherung. Auf diese Weise wird das Themenfeld nur in funktionaler Hinsicht, zudem nicht selten in ökonomistischer Verkürzung erörtert: Wie bleiben die Menschen möglichst lange in das Erwerbsleben eingebunden? Und: Wie lassen sich die Kosten einer späteren Betreuung minimieren?

Der Einspruch gegen diese thematische Verkürzung setzt bei der Beobachtung eines zunehmend ökonomischen Denkens an, das sich auf eine sogar vierdimensionale Ökonomisierung beläuft:

Als erstes breiten sich ökonomische Absolventen in Tätigkeitsfelder aus, die bislang von Juristen oder einschlägigen Fachleuten geleitet wurden. Und in der Leitung von Pflegeheimen und Krankenhäusern erhalten kaufmännische Direktoren mehr und mehr Gewicht.

Weiterhin wächst die Macht der von Gefühlen entleerten ökonomischen Sprache, deren schlechtes Deutsch ihre Herkunft aus der anglophonen Management-Sprache verrät. Der Ausdruck „Effizienzpakt“ steht schönfärberisch für „Kostenstopp“ und „redundant machen“ für „kündigen“. Altersheime und Krankenhäuser gelten als Betriebe, die es nicht mehr mit Heimbewohnern oder Patienten, sondern mit Kunden zu tun haben. Die Angestellten schließlich zählen nicht mehr als (unentbehrliche) Mitarbeiter, sondern als ein so weit wie möglich einzusparender Kostenfaktor.

Noch gravierender als die, polemisch zugespitzt, „ökonomievergiftete“ Sprache ist die zugrunde liegende Zunahme der BWL-Mentalität. Sie beginnt bei der Fragmentierung komplexer Aufgaben, setzt sich im Diktat des Rotstifts fort und endet nicht bei der Forderung, „genug Geld einzuspielen“ und die „Bettenrendite“ zu erhöhen. Am zynischsten manifestiert sich diese Denkweise in der Rede vom „sozialverträglichen Frühableben“. Die Folge war vorhersehbar: Der allgegenwärtige Spardruck verschlechtert, was in der Altersheilkunst, der Geriatrie, und in Altersheimen besonders wichtig ist: die persönliche Zuwendung.

Nicht zuletzt wird, viertens, eine so sensible Aufgabe wie die Betreuung von Pflegebedürftigen öffentlich ausgeschrieben, als ob es sich um ein Gewerk für den Bau einer Straße oder eines Bürogebäudes handle.

Diese Beobachtungen sollen keinesfalls Fragen der Wirtschaftlichkeit für belanglos erklären. In seiner meisterhaften Erzählung „Die Nase“ lässt zwar der russische Schriftsteller Nikolai Wassiljewitsch Gogol einen Arzt mit Entrüstung sagen, er habe keine finanziellen Interessen. Richtig ist, dass dem Wesen ärztlicher und pflegerischer Tätigkeit, dem Helfen und Heilen, die dem Geld unterworfene Wirtschaftlichkeit fremd ist. Trotzdem kann sich nur, wer geerbt oder glücklich spekuliert hat, die von Gogol erzählte Entrüstung leisten. Die gewöhnlichen Ärzte und Heimleitungen müssen ein Auskommen suchen; weder die geriatrische Abteilung einer Klinik noch ein Seniorenstift können sich auf Dauer rote Zahlen erlauben.

Schließlich dürfen die Gesamtkosten des Gesundheitswesens nicht beliebig steigen, so dass man eine Knappheit finanzieller und personeller Mittel nie ausschließen kann. Dass deshalb selbst in einem relativ großzügigen Gesundheitswesen wie dem von West- und Nordeuropa etliche Wünsche offen bleiben, erkennt eine philosophische Alterskunst schon wegen des anthropologischen Gesetzes der Knappheit – während die letzte Vorgabe aller Wirtschaft, die Erde, begrenzt ist, sind die menschlichen Begehrlichkeiten unbegrenzt – als unvermeidlich an:

Patienten wünschen sich sofortige Hilfe, müssen in Wirklichkeit aber warten: in der Sprechstunde, auf den Notarzt, auf ein Spenderorgan oder den Operationstermin. Und wenn ein Patient an der Reihe ist, drängt der nächste nach: Die Zuwendungszeit von Ärzten und Pflegepersonal ist in der Regel kürzer, als es sich der Patient, zumal der hochbetagte, wünscht.

Dass Fragen der Wirtschaftlichkeit notwendig sind, rechtfertigt aber nicht deren Übermacht. Gegen die skizzierte Ökonomisierung braucht es eine Gegenmacht, gegen die Kultur der Rentabilität eine Gegenkultur, die dem wirtschaftlichen Denken das Recht auf den Vorrang abstreitet.

Drei philosophische Altersdiskurse. Unsere Gesellschaft gibt ihren Mitgliedern das Recht, in allen Phasen ihrer Biographie, folglich auch im Alter, sich zu entfalten und dabei ein gelungen-glückliches Leben zu suchen. Für dessen notfalls einklagbaren Rahmen hat sie sich sogar auf die Grund- und Menschenrechte und als deren Leitgedanken auf die Menschenwürde verpflichtet. Deshalb braucht man funktionale Betrachtungen – sie mögen im Fall einer gründlichen Erörterung „funktionale Altersdiskurse“ heißen – nicht aufzugeben, vor allem nicht, wenn man deren Verkürzung auf das Erwerbsleben entkommt. Allerdings nehmen funktionale Altersdiskurse einen den Betroffenen weithin fremden Blick ein, den man genau deshalb, als Fremdblick, zu relativieren hat. Öffnet man sich daher der Innenansicht der Betroffenen, dem Blickwinkel der Älteren selbst, so treten seitens der Philosophie normative Fragen in den Vordergrund, weshalb philosophische Altersdiskurse vornehmlich zur Ethik gehören.

Für sie hat die Philosophie im Lauf ihrer reichen Geschichte vier Grundmodelle entwickelt: eine Ethik des glücklich-gelungenen Lebens, eine Ethik moralischer Anforderungen, eine Ethik „kollektiven Wohls“, nicht zuletzt die Moralkritik. Für jedes dieser Modelle gibt es eine herausragende Gestalt: Für das erste Muster, den Eudaimonismus („Glück“ heißt im Griechischen „Eudaimonia“), ist Aristoteles mit seiner „Nikomachischen Ethik“ maßgeblich. Für das zweite Modell, die Pflichtenethik, oft Deontologie, nämlich „Lehre des Schicklichen und Gesollten“, genannt, gibt Immanuel Kant mit seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ das Vorbild ab. Für die Ethik des maximalen Gesamtwohls (Kollektivwohls), für das „größte Glück der größten Zahl“, den Utilitarismus, hat John Stuart Mill mit seiner gleichnamigen Schrift den größten Einfluss entfaltet. Schließlich ist der bedeutendste Vertreter für die Moralkritik Friedrich Nietzsche, etwa mit der Streitschrift „Zur Genealogie der Moral“.

Eine Ethik des Alters und des Alterns – man mag sie eine gerontologische Ethik nennen – kann auf alle vier Modelle zurückgreifen. Gegen das dritte Muster, den Utilitarismus, tauchen zwar grundsätzliche Bedenken auf, denn das Prinzip des maximalen Gesamtwohls widerspricht der Innenansicht der Einzelnen und ihrer unveräußerlichen Rechte. Trotzdem kann es etwa bei Fragen einer Impfpflicht von Bedeutung sein. Wichtiger sind aber die drei anderen Modelle:

Eine eudaimonistische Altersethik untersucht, wie man auf eine gute, glücklich-gelungene Weise altert. Dafür gibt es bedeutende historische Vorbilder. Ein erheblicher Teil der klassischen, insbesondere antiken Philosophie verstand sich nämlich als eine Lebenskunst. Gemeint ist nicht jene Fähigkeit raffinierter Egoisten, aus jeder Situation Vorteile für sich herauszuschlagen, sondern die Fähigkeit und wohleingeübte Bereitschaft, sein eigenes Wohl im Rahmen von Gerechtigkeit und Fairness zu suchen. Die dafür zuständigen Überlegungen erweitern die ökonomischen und sonstwie funktionalen Altersdiskurse um eine erste philosophische und insgesamt zweite Art, um einen eudaimonologischen bzw. eudaimonistischen Altersdiskurs mit der Frage: Gibt es im Rahmen der Lebenskunst eine vom Einzelnen zu entwickelnde, schließlich zu praktizierende Kunst, um mit dem Alter, selbst dem unvermeidbaren Sterben zurechtzukommen?

Das zweite philosophische Muster, die deontologische Altersethik, befasst sich mit der Frage, wie ältere Menschen von anderen behandelt werden sollen und wie eine dem Alter freundliche Gesellschaft und Politik aussieht.

Der eudaimonologische Altersdiskurs gehört zur personalen, der deontologische nicht ausschließlich, aber vornehmlich zur sozialen Ethik; dort werden Ratschläge für das eigene Wohl erteilt, hier Gebote und Verbote gegen andere aufgestellt. Der dritte philosophische Altersdiskurs, die Moralkritik, schließlich ist etwa bei der Kritik an primär negativen Altersbildern gefragt.

Für alle drei nicht mehr funktionalen Diskurse steuert die Lebenserfahrung wesentliche Dinge bei. Aus diesem Grund benötigt man zwar für die Alterskunst qua Lebenskunst weder Philosophen noch Sozialwissenschaftler, schon gar nicht einen Guru, einen geistlichen Lehrer oder einen Zen-Meister, auch wenn keine von diesen Professionen und Personen schaden müssen. Sofern man sich aber kundig macht, empfiehlt es sich, sowohl philosophische Texte als auch Zeugnisse von der Lebensweisheit vieler Kulturen und Epochen, nicht zuletzt Beiträge der Literatur und bildenden Kunst zu Rate zu ziehen. Und um die Erfahrung zu erweitern, wo erforderlich auch zu korrigieren, blicke man in die professionelle Altersforschung, deren Vertreter, Psychologen und weitere Sozialwissenschaftler, ferner Mediziner, Medizintechniker und Fachleute der Pflege, aus stupender Gelehrsamkeit eine Überfülle von Material und Gesichtspunkten ausbreiten.

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