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Glück muss man haben

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Christoph Hein auf der Leipziger Buchmesse, wo er sein Buch "Glückskind mit Vater" vorstellte.
Christoph Hein auf der Leipziger Buchmesse, wo er sein Buch "Glückskind mit Vater" vorstellte. © dpa

Christoph Heins einfach subversiver Roman „Glückskind mit Vater“.

Christoph Heins Erzählen wird immer lakonischer, scheinbar auch immer einfacher, nein, nicht scheinbar, sondern tatsächlich. Es ist nicht einfach, einfach zu schreiben. Die Dinge des Lebens in einer Gesellschaft – in der DDR, in Deutschland – sind aber zu kompliziert, um auch noch kompliziert damit umzugehen, so kann man sich das vielleicht vorstellen, und so war das zuletzt in „Weiskerns Nachlass“ (2011), mehr noch in „Frau Paula Trousseau“ (2007).

Die späteren Figuren des 72-jährigen Christoph Hein werden von den kapitalistischen und realexistierend sozialistischen Umständen gemahlen, aber nicht zermahlen. Aber keiner schlägt sich dabei bisher so wacker wie Konstantin Boggosch, obwohl es auch niemand bisher so schwer hatte. „Glückskind mit Vater“ erzählt von einem Pechvogel ohne Vater, und doch ist der Titel die reinste Wahrheit: Obwohl Konstantin seinen Vater, den NS-Verbrecher, nicht mehr kennengelernt hat, verfolgt es ihn fast sein ganzes Leben lang, dass er „der Sohn“ ist. Und obwohl es seine Existenz zernichten könnte, in der DDR in „Sippenhaft“ genommen zu werden, hat er auf enorme – geradezu Wilhelm-Meister-mäßige, Erziehungsroman-artige – Weise immer wieder Glück.

Menschen helfen ihm, direkt oder indirekt, manchmal erfährt er es erst später, manchmal kann er es sich nicht erklären, und der Leser wundert sich ebenfalls, freut sich aber auch, denn an der weiter verbreiteten Gleichgültig- und Boshaftigkeit von Menschen lässt Hein ja keine Zweifel.

„Wegen Unwürdigkeit ausgemustert“

Der Tod der über alles geliebten Mutter schützt Konstantin vor dem Bekenntniszwang nach dem Prager Frühling, während die Schwangerschaft die Mutter einst vor russischen Vergewaltigern bewahrte. Und ein einziges Mal schützt ihn sogar sein verhasster Vater, als er den Wehrdienst nicht antreten muss. „Wegen Unwürdigkeit ausgemustert“, sagt der Offizier zum jungen Mann in der Schreibstube, „ausgemustert für alle Zeit.“ – „Glück muss man haben“, sagt der junge Mann. Konstantin selbst wird sich angewöhnen, von sich als „Glückskind“ zu sprechen, halb im Scherz, halb, weil es eben doch stimmt.

„Glückskind mit Vater“ beginnt behäbig, auch das gehört zum schlichten Erzählen, überhaupt zu diesem Auserzählen, wenn ein Bier nicht nur bestellt, sondern von der Bedienung auch gebracht und schließlich – aber erst nach dem Anstoßen – getrunken wird. Eine Reporterin in einem kleinen ostdeutschen Ort möchte über den inzwischen pensionierten Schuldirektor Boggosch und seine Vorgänger und Nachfolger schreiben, aber Konstantin möchte lieber nicht.

„Verlassen Sie sich nicht auf die Erinnerungen alten Männer“, sagt er, Ende 60, zu der jungen Frau, die ihm wie ein Mädchen vorkommt: „Mit unseren Erinnerungen versuchen wir ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen.“ Zu seiner Frau sagt er: „Es gibt einfach nichts in meinem Leben, was sich zu erzählen lohnt. Gar nichts.“ So dass klar ist, dass es sogar eine ganze Menge zu erzählen gibt, und schon geht es los.

Konstantin Boggoschs Mutter hat für sich und ihre beiden Söhne ihren Geburtsnamen wieder angenommen – ironischerweise hieß der verbrecherische Vater Müller, ein Name, hinter dem man sich in diesem Fall allerdings offenbar nicht verstecken kann. Hinter Boggosch auch nicht. Am Ort – G. –, wo die ehemalige Fabrik des Toten immer noch der Hauptarbeitgeber ist, wissen alle Bescheid außer Konstantin. Als ihm klar wird, wer sein Vater war und dass er ihn nie wird abschütteln können, als der begabte Fremdsprachen- und rührend jungshafte Kampfsport-Erlerner zum Beispiel nicht zum Abitur zugelassen wird, schmiedet er den Plan, zur Fremdenlegion zu gehen.

Mit Mumm und ein bisschen wie in einem Abenteuerroman setzt er sich nach Marseille ab. Die Fremdenlegion ist ein Schlag ins Kontor, ausgerechnet eine kleine Gruppe ehemaliger Widerständler nimmt sich aber des Nazi-Nachgeborenen an und beschafft ihm Arbeit als Übersetzer. Er macht das ausgezeichnet, legt sich Fachvokabelbüchlein an, bringt seiner Vermieterin Blumen mit und geht in seiner Freizeit viel ins Kino. Konstantin Boggosch ist an sich ein nervtötend braver Held, aber Hein mag ihn offenbar sehr und ist auf so vertrautem Fuß mit ihm, und man kann sich vor allem in Konstantins jungen Jahren diesem sanften Alles-richtig-machen-Wollen kaum entziehen.

„Glückskind mit Vater“ schlendert dabei von einem Anti-Höhe- oder -Wendepunkt zum nächsten, in episodenhafter Schelmenroman-Manier. Die Rückkehr in die DDR in den Tagen des Mauerbaus ist heikel, gelingt aber. Das geplante Film-Studium – Konstantin bereitet sich sorgfältigst auf die Zulassungsprüfungen vor – scheitert wieder am Vater, der daraufhin gewählte Lehrerberuf – der Schwiegervater in spe kann an der Akte drehen – wird aber erneut zum Glücksfall. Entsetzliches privates Unglück trifft Konstantin, aber er lebt sein unauffälliges, gelegentlich subversives, auf bescheidene Art ja freies Leben weiter. Verwirrend, weil naiv nur, dass er noch immer nach Luft schnappt, wenn es wieder um seinen Vater geht. Das Leiden am Vater bleibt tiefenpsychologisch – besser kein eigenes Kind zeugen – ohnehin ein etwas bemühter Part in einer Geschichte, die Schweres sonst leichthin erzählen kann.

Imposant und ohne Belehrung der Nachgeborenen gelingt es Hein, ein DDR-Leben plastisch zu machen (die Ostseeferien!), ohnehin die Wende- und die Nachwendestimmung. Wendehälse gibt es schon vor der Wende, darunter Konstantins Bruder, der nach dem Mauerbau vom heimlichen Republikflüchtling in spe zum erfolgreichen Genossen wird. Es gibt nachher sogar Doppelwendehälse, die immer wieder durchschlüpfen, die immer wieder Konstantin zur Seite drängen, und keiner gebietet ihnen Einhalt.

Konstantin Boggosch ist nicht der Typ, der verbittert. Christoph Hein ist nicht der Typ, der dem Feind nicht einfach eine schaurig unsympathische Rolle auf den Leib schreiben könnte. Das ist höhere Gerechtigkeit.

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