Iwan Bunin Erzählungen

Glück und Hungertod

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"Wie heilig der menschliche Kummer ist": 17 frühe Erzählungen Iwan Bunins stellt der Dörlemann Verlag vor und leitet so den chronologischen Abdruck seiner Erzählungen ein. Sie sind von unangestrengter literarischer Meisterschaft in Ton und Handlung.

Er fühle sich „in letzter Zeit unheimlich wie ein ,Dichter‘“, zitiert Herausgeber Thomas Grob in seinem Nachwort den Zwanzigjährigen. „Das ist kein Scherz, ich bin sogar erstaunt darüber. Alles – alles Fröhliche, alles Traurige – hallt in meiner Seele nach wie die Musik unbestimmter, schöner Verse, ich fühle die schöpferische Kraft, etwas Echtes zu schaffen.“ Ein solches Bekenntnis könnte man konventionell nennen, wenn nicht „Frühe Erzählungen“ von Iwan Bunin (1870-1953) soeben Seite um Seite nachgewiesen hätten, dass er die Situation richtig einschätzte.

Die 17 Prosastücke, die der Dörlemann Verlag jetzt vorstellt und damit den chronologischen Abdruck seiner Erzählungen einleitet, sind von unangestrengter literarischer Meisterschaft in Ton und Handlung. Sie spielen auf dem Lande, wo Bunin, Spross verarmter Adliger, seine Kindheit verbracht hat. Manches wirkt skizzenhaft, als wollte er ausprobieren, was ihm an Schilderungen von Natur- und Seelenstimmungen möglich ist. Tatsächlich gelingt es ihm aber aus dem Stand mit Intensität und Übersicht. Dorothea Trottenberg transportiert das unaufdringlich und geschmackssicher (und teils erstmals) ins Deutsche.

Den Hintergrund bilden die Schönheit der Gegend und der Jahreszeiten, die bescheidenen Freuden des Alltags – denn Bunins Figuren wollen keineswegs nach Moskau, nach Moskau –, den Vordergrund bilden sie entweder auch, oder es finden sich dort kleinere und größere Begebenheiten, stärkere und schwächere Erschütterungen. Erzähler Bunin hockt sich dabei in die Köpfe oder er schaut von oben aus zu.

Ein Knabe wird von seinem gleichmütigen Onkel an der gloriosen Begegnung mit dem Mädchen seiner Träume gehindert. Ein Eheglück flammt in einer Silvesternacht noch einmal kurz auf. Ruinierte Dorfbewohner ziehen in die Fremde. Ein junger Landwirtschaftsexperte hat sich beim Vortrag „Zur Praxis der Lagerung von Futterrüben“ herumgelangweilt, anschließend erreicht ihn die Nachricht, dass ein Freund aus Kindertagen an Hungertyphus gestorben ist. Dass hier eine Welt ökonomisch im Untergang begriffen ist, wird ausgesprochen oder schwingt mit, und zwar so schonungslos, dass dann auch wieder solche Schlusssätze möglich werden: „Nur die Sterne wissen vielleicht, wie heilig der menschliche Kummer ist!“

Auch wer sich im vergangenen Jahr vielleicht fragte, warum Hans Joachim Schädlich in seinem Roman „Kokoschkins Reise“ Iwan Bunin eine so zentrale Rolle gab, wird hier Antworten finden. In der sparsamen, aber nicht leidenschaftslosen Erzählweise des jungen Dichters, in seiner zutiefst individuellen, ideologisch unbefangenen Beobachtungsgabe, die Schädlich über die direkte Erwähnung hinaus als Vorbild gedient haben dürften.

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