"Die Stadt der weißen Musiker"

Vom Glück der Heimatlosigkeit

  • Judith von Sternburg
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Der irakisch-kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali zu Gast im Frankfurter Literaturhaus.

Er habe nicht über Krieg schreiben wollen, sagt der irakisch-kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali, aber es sei nicht zu vermeiden gewesen. Für keinen Kurden, für keinen Menschen des Orients sei es zu vermeiden. Eigentlich. Wer Krieg erlebt habe, werde nicht zu einem normalen Leben zurückkehren können. Dabei, erklärt Ali später, habe der Orient ein Kurzzeitgedächtnis. Ali kann schon verstehen, dass man möglichst schnell nicht mehr an Krieg, an Repression und Massaker denken will. Für einen Schriftsteller aber, sagt er, sei es eine Schande. Und für eine Gesellschaft gefährlich.

Im Literaturhaus Frankfurt stellt er also seinen Roman „Die Stadt der weißen Musiker“ (Unionsverlag) vor, der (unter anderem) die Geschichte des einzigen Überlebenden eines Massakers an kurdischen Irakern unter Saddam Hussein erzählt. Dies geschieht auf die direkteste und zugleich märchenhafteste Weise. Ali erweist sich dabei als umfassend west-östlich belesener Autor. „Nur die Kunst kann die reale Geschichte des Landes erzählen“, sagt er. In diesem Fall habe er über einen „Homo sacer“ schreiben wollen, wie er ihn bei Giorgio Agamben kennenlernte, wobei kennenlernte wohl das falsche Wort ist. Wiedererkannte. Das, was Agamben aus der Antike schildert, Vogelfreie, die jeder jederzeit töten (den Göttern opfern) durfte, entspreche praktisch seiner persönlichen Erfahrung als irakischer Kurde, so Ali.

Im Roman, aus dem der Schauspieler Isaak Dentler einige Passagen vorliest und zwar ausgezeichnet vorliest, muss sich der begnadete Flötenspieler Dschaladat durch maximale Unauffälligkeit schützen. Zur Tarnung gehört es zu verlernen, dass er ein guter Musiker ist, eine schier unlösbare Aufgabe. Sein Zufluchtsort ist eine Bordellwüstenstadt, so unwahrscheinlich wie – versicherte Ali – realistisch.

Mit „Der letzte Granatapfel“ wurde Ali, 1960 geboren und seit zwanzig Jahren in Deutschland, hierzulande erst im vergangenen Jahr auf einen Schlag bekannt (unter irakischen Kurden habe er längst Kultstatus, erfahren wir). Dabei sei das nicht sein bestes Buch, sagt er in Frankfurt zum wiederholten Mal, zu speziell. Er habe sich kaum vorstellen können, dass ein deutsches Publikum es verstehe. „Die Stadt der weißen Musiker“, 2005 auf Kurdisch erschienen, befasse sich dagegen mit universellen Themen, Wahrheit, Schönheit.

Ali, das wurde im Gespräch mit Martin Maria Schwarz deutlich, ist ein Spätübersetzter. Ihm, erklärt er, sei das auch gar nicht naheliegend erschienen. Kurdisch zu schreiben, sei ein politisches Statement, sei zudem immer ein Versuch, eine gefährdete Sprache zu unterstützen, zu retten. Hinzu kam offenbar, dass über lange Jahre keine professionellen kurdischen Literaturübersetzer bereitstanden.

Inzwischen spricht er selbst sehr gut, aber nicht makellos Deutsch. Die vielgefürchtete Heimatlosigkeit sieht er dabei nicht als Problem, eher als Glück. Im doppelten Sinne, wie sich zeigte. Als er seinerzeit gefragt worden sei, wie er in Deutschland zurechtkomme, wie er sich von den Deutschen aufgenommen fühle, sei ihm die Frage fast ein bisschen blöd vorgekommen. Er habe keine Angst mehr haben müssen, am nächsten Tag umgebracht zu werden, das habe ihm wohlauf genügt. Außerdem gebe Heimatlosigkeit dem Schriftsteller die Möglichkeit, immer wieder die Perspektive zu wechseln. „Nur als Heimatloser kann man die ganzen menschlichen Möglichkeiten genießen.“

Er sei ein Pessimist, sagt er dann noch bezaubernd, der nicht an die Niederlage glaube.

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