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Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami.
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Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami.

Rafik Schami 70

Das Glück des Exils

Eine Begegnung mit dem Erzähler Rafik Schami, der am heutigen 23. Juni 70 Jahre alt wird – so legte es jedenfalls 1946 ein syrischer Beamter fest.

Von Martin Oehlen

Zu Geburtstagen habe ich ein gestörtes Verhältnis“, sagt Rafik Schami. Warum das so ist? Das kann der populäre Schriftsteller, der eben auch ein begnadeter Erzähler ist, tatsächlich wie kein anderer vortragen.

Beim Gespräch in Mainz sagt er es so: „Ich bin irgendwann zwischen Anfang März und Ende April 1946 geboren. Ob es jetzt noch während der Aprikosenblüte war, wie meine Mutter meinte, oder ob die Aprikosenbäume schon Früchte trugen, wie mein Vater sagte – das war ein ewiger Streit zwischen meinen Eltern. Die Verwirrung liegt nicht nur darin begründet, dass bei uns in Arabien die Geburtstage nicht gefeiert wurden. Auch war es eine politisch unruhige Zeit, da gerade, als ich geboren wurde, Syrien unabhängig wurde von Frankreich. Deshalb fuhr uns mein Vater in seinem Fiat 500 in das christliche Dorf Maalula. Er selbst blieb in Damaskus, um auf seine Bäckerei aufzupassen. Erst im September holte er uns zurück in die Hauptstadt. Damals war es üblich, dem Staat die Geburt eines Sohnes zu verschweigen, um diesem einen späteren Militärdienst zu ersparen. Doch der neue syrische Staat wollte das nicht länger dulden und drohte mit Strafen. Ein Tag im Juni galt als Stichtag – wenn das Kind vorher geboren worden und nicht gemeldet war, gab es eine Strafe. Also sagte mein Vater, als er im September zum Einwohnermeldeamt ging, ich sei ,vor kurzem‘ geboren. Und auf Nachfrage, ob er damit Monate meine: ,Vor wenigen Wochen‘. Darauf setzte der Beamte einfach den 23. Juni 1946 als Geburtstag fest.“

Rafik Schami muss lachen, als er diese Geschichte erzählt. Gewiss hat er sie schon mehrfach zum Besten gegeben. Aber sie hat auch für ihn immer noch ihre kuriose Kraft. Amüsiert sichtet er das literarische Potenzial der historisch verbürgten Episode: „Darin liegt alles! Erstens: Die Araber verhandeln sogar über Geburtstage. Zweitens: Die Willkür der Behörden ist unerschöpflich. Drittens: Die Lüge begleitet einen Araber von Geburt an.“

Der Syrer Rafik Schami, der eigentlich Suheil Fadél heißt, lebt seit 1971 in Deutschland. Als Regimekritiker hat er sein Land verlassen – und ist nie mehr zurückgekehrt in die Diktatur mit ihren vielen Geheimdiensten. Wenn er an Arabien denkt – nicht nur an das Assad-Regime in Syrien, auch an die Herrscher in Saudi-Arabien – wird ihm warm vor Empörung. Und dann ist er erst recht dankbar, in der Pfalz zu leben: „Die Freiheit in Deutschland hat mich und meine Zunge gerettet. Ich liebe das Land sehr und ich verdanke ihm viel.“ Auch gesundheitlich habe das Exil ihn gerettet: „Wenn du immer wütend bist, immer Angst hast, dann greift das auch Herz und Nerven an.“

Packe ihn heutzutage „für fünf Minuten“ die Wut über die Lage in Syrien, dann lehne er sich bald schon zurück und sage sich: „Es ist alles gut, Rafik, du hast alles im Griff, hast deine Ziele erreicht und könntest jetzt mit deiner Ruhe den Leuten besser helfen.“ Aktuell kann von Ruhe keine Rede sein: Schami vollendet gerade ein autobiografisches „Mosaik der Fremde“, in dem zumal von Flucht, Migration und deutschen Intellektuellen die Rede ist, und er wird vermutlich im Herbst einen Roman über den Aberglauben beginnen.

Zum aktuellen Flüchtlingsstrom hat er sich mehrfach geäußert. Auch in der FR. Dass die Euphorie bei der Aufnahme von Flüchtlingen der Nüchternheit gewichen ist, hält er für erfreulich. „Die Deutschen machen nicht mehr Pferdsprünge, sondern bewegen sich im Schildkrötentempo – auf diese Weise können die anderen Europäer Schritt halten und keiner bleibt zurück und kein Abgrund trennt die Deutschen von Europa. Das ist gut so.“

Grundsätzlich und aus eigener Erfahrung stellt er fest, dass man nicht nur die Nachteile des Exils sehen müsse, den Verlust der Heimat. Auch biete es Vorteile. Jedenfalls sei das bei ihm der Fall. Das Exil lehre einen, die Welt aus einem neuen Blickwinkel zu sehen, Heimat, Existenz und eigene Vorstellungen kritisch zu hinterfragen: „Erst hier habe ich die rosarote Brille abgesetzt und gesehen, wie es im kommunistischen Osteuropa tatsächlich zuging.“

Als Schami Syrien verlassen hat, dachte er, das Regime halte sich „drei, vier Jahre – und nicht länger. Aber ich habe mich geirrt. Ich habe allmählich begriffen, dass dies ein geniales Wahnsinnssystem ist, das auf der Sippe gründet und durch ein Spinnennetz von 15 Geheimdiensten die Syrer verstummen lässt.“ Dann habe er damit begonnen, eine Damaskus-Bibliothek anzulegen: Bücher, Bilder, Magazine über Modenschauen und Hochzeiten. „Meine Schwester habe ich gebeten, mir jedes Jahr die neueste Straßenkarte von Damaskus zu schicken. Und ein Freund hat für mich Tonband-Gespräche mit ehemaligen Gefangenen geführt.“ Wertvolles Material für den Erzähler in den Zeiten ohne Internet.

Der Sohn eines Bäckers und der Doktor der Chemie ist zum einen beeinflusst vom mündlichen Erzählen. „Als ich sieben oder acht Jahre alt war, hörte ich eine Frau in einem Innenhof erzählen – und da lachten die Zuhörerinnen und sie weinten. Es hat mich sehr erstaunt, dass eine Erzählerin diese beiden Reaktionen zugleich hervorrufen kann.“ Die „Geschichten aus 1001 Nacht“ hörte er schon als Kind – „abends um 23 Uhr im Radio, das noch ein magisches grünes Auge hatte“. Er ging um 19 Uhr ins Bett, um gleichsam vorzuschlafen, und ließ sich dann von seiner Mutter wecken. Am nächsten Morgen half er seinem Vater in der Bäckerei und ging danach in die Schule. Der Vater, sagt er, habe ihn Disziplin gelehrt: „Ein großartiger, aber strenger Erzieher – im Vergleich mit ihm waren die Preußen Anarchisten.“ Und in die Schule ist Rafik Schami sehr gerne gegangen – „weil ich begriffen habe, welcher Luxus so ein Unterricht war“.

Zum anderen haben ihn die Bibel und die großen Romanciers aus Frankreich, Russland, Lateinamerika beeinflusst. Von ihnen habe er gelernt, „dass man im Roman die Spannung langsam auflösen und nicht immer mehr steigern muss – bis es plötzlich ein tragisches Ende gibt“. Die arabischen Erzähler seien im Vergleich dazu „lächerlich“ gewesen: „Obwohl der Kolonialherr weg war, waren sie im Kopf noch kolonialisiert. Sie verachteten die mündliche Erzählkunst und wollten alle kleine Balzacs, Tolstois oder Kafkas werden. Doch indem sie nachahmten, waren sie nur Schatten.“

Als Schami 1971 in Frankfurt landete, an einem eiskalten Märztag als gläubiger Christ mit kommunistischen Idealen im Kopf, hatte er im Koffer Hefte mit eigenen Texten dabei. Nicht das Gepäckstück, aber die Manuskripte hat er noch. Es sind die Keimzellen seines enormen erzählerischen Werks. „Um gute Literatur zu schreiben“, sagt er, „muss man Respekt vor dem Leser haben.“

Mit der Person wird nun auch dieses Werk gefeiert. Wenngleich Rafik Schami ein „gestörtes Verhältnis“ zu Geburtstagen hat, entkommt er seinem 70. nicht. Den Tag selbst wird er mit seiner Frau Root Leeb mutmaßlich auf einer Radtour verbringen. Am 28. gibt es ein großes Fest im Münchner Literaturhaus, ausgerichtet von Hanser und dtv, den Häusern vieler seiner mittlerweile 37 Bücher. Die Laudatio hält Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, in dessen Buchhandlung in Tübingen der junge Schami vor circa dreißig Jahren vor zehn Personen erzählt hat. Mittlerweile hat er rund 2500 Lesungen ganz eigener Art hinter sich – wobei er nicht liest, sondern frei erzählt. Und die Säle sind bestens gefüllt. Rafik Schami, davon darf man ausgehen, hat im Exil sein Glück gefunden.

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