Gleichzeitigkeit des Gleichzeitigen

In der "Geburt der modernen Welt" entwickelt Christopher Bayly ein neues globales Geschichtsbild

Von BALTHASAR HAUSSMANN

Die Rede von der Globalisierung ist noch nicht alt, wohl aber der Sachverhalt, den sie bezeichnet: Die Welt war schon immer vernetzt und hatte nicht nur ein oder zwei, sondern viele Zentren, die einander gegenseitig beeinflussen. Dagegen evozierte die Rede vom Imperialismus oder von den Supermächten USA und UdSSR klare Abhängigkeitsverhältnisse. Vielleicht war man erst nach dem Ende des Kalten Krieges so frei, die vielfältigen Relationen zwischen den Kontinenten zu begreifen; sicher aber spielt eine zentrale Rolle, dass sich die ehemaligen Kolonialländer, vornehmlich in Südostasien, als eigenständige Wirtschaftsmächte etablieren konnten; heute agieren sie auf Augenhöhe mit uns - eine Entwicklung, die sich derzeit in China und Indien wiederholt und endgültig die beherrschende Rolle des Westens beendet.

So hat "Global History" seit einigen Jahren in den Universitäten Einzug gehalten. Christopher Bayly, Professor in Cambridge und Fachmann für die Geschichte Indiens, Südasiens und des britischen Empire, hat nun das erste Buch geschrieben, das die "Geburt der modernen Welt" als einen globalgeschichtlichen Vorgang begreift und nicht, wie bisher üblich, als eine Geschichte, die ihren Ausgang in Europa nahm und sich von dort aus über die restliche Welt verbreitet. Von der Fachwelt begeistert aufgenommen, liegt jetzt die deutsche Übersetzung vor.

Was bedeutet das nun: eine globale Geschichte? Bayly liegt es völlig fern, das Geschichtsbild zu ändern, demzufolge Europa den Rest der Welt im 19. Jahrhundert erobert hat; auch wenn Japan und die chinesischen Seestädte mächtig waren, wurden doch die Weltmeere nicht von Dschunken beherrscht, sondern von Dreimastern; der europäische Eigentumsbegriff, das Handelsrecht und das Bankwesen, schließlich die militärischen Mittel waren denjenigen Asiens und Afrikas weit überlegen. Aber nicht dass die Europäer die Welt im Griff hatten, ist für Bayly entscheidend, sondern dass die beherrschten Länder die europäischen Methoden so zügig und so gierig übernommen haben; oft rannten die Europäer offene Türen ein.

Tendenz zur Uniformierung

Man wird nach der Lektüre dieses Buches nie mehr anders als weltgeschichtlich über Europa nachdenken können. Bayly zeigt, dass sich nicht nur in Europa, sondern gleichzeitig überall auf der Welt die Vorstellung durchsetzte, "dass das Volk Rechte habe und auch als schöpferische oder sogar revolutionäre Kraft in der Politik wirken könne"; allenthalben wurde die Legitimität der alten Herrschaften in Frage gestellt; die Revolutionen von 1848 hatten in China ihr Pendant. Und wenn, wie Bayly betont, "das Wesentliche der Moderne darin liegt, sich für modern zu halten", so kann er beileibe nicht nur in Europa Belege dafür finden, dass die Menschen des 19. Jahrhunderts sich in einem rasenden, alle Tradition fortspülenden Wandel begriffen fühlten, der sich seit 1890 überall auf der Welt noch einmal beschleunigte, bis bald überall die Anciens Régimes vernichtet waren. Es ist die Gleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, die den Leser frappiert - der Nachweis, dass die Moderne nicht ein europäischer Oktroi war, sondern sich in vielen Ländern mit indigenen Entwicklungen amalgamierte.

Es ist der bewusstseinsgeschichtliche Blick, der Bayly in Stand setzt, diese Gleichzeitigkeiten zu beschreiben; reine Wirtschaftsgeschichte könnte das nicht. Ein besonders spannendes Kapitel handelt von den Religionen; entgegen der immer noch verbreiteten Ansicht, dass die Moderne mit einer Schwächung des religiösen Bewusstseins einhergeht, behauptet Bayly nicht nur, dass die Weltreligionen stärker, sondern auch, dass sie dogmatischer und starrer geworden seien. Die christlichen Konfessionen mussten ihre Konturen in der Mission schärfen; die anderen, auch Konfuzianismus und Hinduismus, zogen nach. Hier wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen ist eine weltweite Tendenz zur Uniformierung zu beobachten, zum Zusammenrücken im Angesicht des Andersartigen. Ähnliches scheint sich derzeit im Verhältnis zwischen Christentum und Islam zu entwickeln.

Es gibt Menschen, die mit der Sprache der Sozialhistoriker keine Mühe haben, ja sogar solche, die Vergnügen finden an deren unelegantem, hochmoralisch-scheiterndem Bemühen um Exaktheit. Wer zu diesen Menschen nicht gehört, wird mit der Lektüre, zumal in der lieblosen Übersetzung, nicht gut zurechtkommen. Erschwerend kommt hinzu, dass Bayly sich nicht entschieden hat, konsequent für ein großes Publikum zu schreiben und oft nur den akademischen Leser vor Augen hat; so erklärt er an keiner Stelle hinreichend das - für ihn sehr wichtige - mentalitätshistorische Konzept der "Revolution des Fleißes", das der niederländische Historiker Jan de Vries entwickelt hat, um zu erklären, warum im 18. Jahrhundert das ökonomische Denken in einem bis dahin ungekannten Maß zugenommen hat.

Schwierigkeiten ergeben sich auch daraus, dass der durchschnittliche Leser kaum vertraut ist mit den Ereignissen außerhalb des europäisch-nordamerikanischen Gesichtskreises, etwa der Administration der chinesischen Qing-Dynastie oder den religiös-ethnischen Konflikten im Indien des 19. Jahrhunderts. Aber all das fällt wenig ins Gewicht, denn dieses Werk schafft ein neues Geschichtsbild; wie viele Bücher können das schon von sich behaupten?

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