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„Ein wenig Leben“ ist auch ein New-York-Roman – über ein New York, in dem über dreißig Jahre stets die Gegenwart herrscht.

Roman

Das Gleichgewicht gerät ins Wanken

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Unerträglicher Schmerz unter daunendicker Gefühlsdecke: Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ erzählt von einer tiefen Freundschaft.

Von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern soll dieses Buch handeln. Das steht überall, wo auf Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ hingewiesen wird, der 2015 in den USA große Aufmerksamkeit erregt hat und jetzt auf Deutsch erscheint. Und es stimmt, wenn man dieses Buch zu lesen beginnt. Doch so einfach stimmt es nicht lange.

Anfangs sind diese vier Männer, die sich auf dem College kennengelernt haben, in ihren Zwanzigern. Sie befinden sich in New York: Willem, JB, Malcolm und Jude. Willem mit den europäischen Wurzeln möchte Schauspieler werden. JBs Vater stammt aus Haiti, er starb früh. JB träumt, von Kunst leben zu können, er malt. „Schlimmer noch, er malte figurativ.“ Malcolm hat eine Bilderbuchfamilie, so herzlich und bildungsbewusst, doch als Sohn einer Weißen und eines Schwarzen schlägt er sich lange mit Identitätsproblemen herum, bis er sich für „postschwarz“ erklärt. Er denkt räumlich und bastelt an einer Zukunft als Architekt. Und Jude ist schon weit gekommen als Staatsanwalt. Seine Freunde wissen auch, dass er mathematisch hochbegabt ist, dass er Klavier spielen kann und singen.

Doch was ist seine Geschichte? Auf Seite 27 heißt es, „sie kannten Jude nun schon seit einem Jahrzehnt und wussten noch immer nicht genau, ob er überhaupt einmal Eltern gehabt hatte“. Mit dieser Bemerkung, die nur in Klammern steht, bereitet Hanya Yanagihara den Boden für das, was sie auf den folgenden 900 Seiten behandeln wird. In Schleifen, die sie nach und nach enger zieht, kommt sie darauf zurück, wenn die Freunde nach der Vergangenheit Judes forschen, wenn sie ihn als Déjà-vu heimsucht, wenn er sie stockend preisgibt.

„Ein wenig Leben“ handelt also von Freundschaft, von ihrer Haltbarkeit und von ihrer Verletzlichkeit und ihrem Kern namens Vertrauen. „Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen, dass man einen anderen in der größten Verzweiflung auffangen durfte, und zu wissen, dass man selbst in seiner Gegenwart verzweifelt sein durfte“, heißt es wie in einer Losung. Hanya Yanagihara lässt um die vier Freunde weitere kreisen. Jude erweist sich dabei mehr und mehr als Magnet für alle anderen.

„Ein wenig Leben“ ist auch ein Roman über die Liebe als exzentrische Verwandte der Freundschaft, die zeitweise oder ein Leben lang noch bedeutungsvoller für einen Menschen sein kann, die aber Enttäuschungen noch schlechter verkraftet. Eine daunendicke Gefühlsdecke liegt über vielen Seiten des Buches, zum Glücklichsein schön, zum Immer-weiter-Nachsinnen anregend, aber nicht selten auch zum Ersticken kitschig-schwer.

Weil der Roman jedoch einen weiteren Schwerpunkt hat, ist man beim Lesen gewillt, der Autorin die Verklärung der guten Empfindungen zu verzeihen. Denn sie hat dagegen den Schmerz gesetzt. Trügerisch steht das vierte von sieben Kapiteln unter dem Titel „Das Gleichheitsaxiom“, weil darin ein Ausgleich der Verhältnisse versucht wird. Doch das Gleichgewicht gerät ins Wanken. Es hält nicht. Der Schmerz ist die dunkle Macht in diesem Buch, in vielerlei Ausprägung. So, dass man davon lesen muss, und so heftig, dass man es kaum aushält. Dieser Roman führt vor, wie Gewalt fortwirkt, wie eine in Kindheit und Jugend erlittene Erniedrigung und Gewalterfahrung so tiefe Spuren in der Seele hinterlassen können, dass sie niemals verwischen.

„Ein wenig Leben“ ist der zweite Roman der Journalistin und Autorin Hanya Yanagihara, 1975 in den USA geboren, hawaiianischer Abstammung und Redakteurin einer Beilage der „New York Times“. Mehrere Nominierungen für wichtige Preise gab es für das Buch, ein Verkaufserfolg ist es außerdem.

Mit dem Buch hat es eine seltsame Bewandtnis, es zieht den Leser in den Bann. Beglückende Szenen wechseln sich mit schrecklichen Enthüllungen ab. Die Autorin findet Worte für schwer Sagbares und gibt dann wieder unterhaltsame Gespräche über Werte, über Recht, über die Kunst wieder. Sie erzählt von JBs Bildern, Willems Filmen, Malcolms Häusern, Judes Gerichtsprozessen. Sie füttert den Leser mit angefangenen Episoden an, um ihn dann hinzuhalten und durch New York oder die Landschaft an der amerikanischen Ostküste zu führen.

Dieses Buch wärmt das Herz, und es lässt gruseln, es hat sympathische Figuren und teuflische Gestalten. Es ist spannend, doch dann wiederholen sich manche Szenen ritualhaft bis zur Langeweile.

Der besondere Sog aber beruht auf einem Trick, den man spät durchschaut: Während man den Figuren über dreißig Jahre folgt, hat man ständig das Gefühl, sich in der Gegenwart zu befinden. Ihre technischen Hilfsmittel, auch Architektur und Kunst, scheinen stets von heute zu sein. Doch die Ereignisse, die in den USA und der Welt derweilen für Aufregung sorgten, finden im Buch keinen Widerhall. Alle legen glänzende Karrieren zurück und selten steht einem Treffen etwas im Wege. Der Arzt Andy erscheint engelsgleich zu jedem Zeitpunkt. Und Jude erlebt Momente, die er als wundersam und zauberhaft empfindet. Es ist ein Märchen, es geht nur nicht gut aus.

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