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Die Idee, dass  die Zivilisation an der  Grenze endet, ist manchmal nicht ganz von der Hand zu weisen.
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Die Idee, dass die Zivilisation an der Grenze endet, ist manchmal nicht ganz von der Hand zu weisen.

Der neue Ernst-Wilhelm Händler

Im Glasroman

Kalt und brillant: Ernst-Wilhelm Händler durchleuchtet im neuen Roman Kunsthandel, sexuelle Abhängigkeit und Seelenrettung. Von Sabine Franke

Von Sabine Franke

Wie im Film rast man in einer Verfolgungsjagd über die Straßen von Tijuana und in den neuen Roman von Ernst-Wilhelm Händler hinein, der sich so bestsellerhaft präsentiert, dass es schon wieder stutzig macht. Aber warum soll ein Autor, der im Hauptberuf Unternehmer ist, nicht ein guter Verkäufer sein?

Am Steuer mit wehendem Haar Jacob Armacost, ein New Yorker Glaskunsthändler in den besten Jahren, erfolgreich und souverän, besonders wenn es um Frauen geht. An seiner Seite Madeline, eine wichtige Kundin, die sich, reich und anlehnungsbedürftig, unter einer aufregenden Mexikoreise mit Jacob eigentlich etwas anderes vorgestellt hat, als entführt oder erschossen zu werden. Denn im Rückspiegel rückt unerbittlich ein zu allem entschlossener mexikanischer Polizist näher, der mit Jacob ein Hühnchen zu rupfen hat. Da ein Menschenleben in Mexiko entweder sehr viel oder gar nichts wert ist, muss Jacob es irgendwie zum Immigrationposten an der Grenze schaffen.

Dahinter liegen sichere Welten, die USA und Europa - wo Jacobs Ehefrau Jillian gerade auf ihre Weise damit beschäftigt ist, sich auf die richtige Seite zu retten. Durch einen übereilt abgeschlossenen Kunstdeal Jacobs steht die gemeinschaftlich betriebene Glasgalerie nämlich vor dem Aus. Aber Jillian ist ein Profi. Als ihr unverhofft eine außergewöhnliche Glassammlung angeboten wird, pokert sie nach allen Regeln der Kunst - einer subtilen Mischung aus Einfühlungsvermögen und Gefühlskälte - drei superreiche Sammler zur benötigten Millionensumme hoch.

Geld hat in Jillians Leben einen ebenso hohen Stellenwert wie Glas, und doch ist es nur Mittel zum Zweck. Sie will sich von Jacob trennen, um endlich autark zu sein, wie die vielen Glaskunstwerke, die sie deshalb so liebt, weil sie eine jeweils individuelle Welt, einen lebendigen "Rhythmus von Ekstasen und Müdigkeiten", unangreifbar in sich beschließen und auf ewig bewahren.

Sinnlicher Abenteuerparcours

Hingebungsvoll kann sie sich in Objekte versenken, so dass der Roman mit Liebhaberwissen und Reflexionen nicht nur zur Kunst von Venini und Martinuzzi glänzt, sondern auch zu den Mailänder Prada- und Dolce-&-Gabbana-Stores, deren Raumdesign Jillian als eine Art sinnlichen Abenteuerparcours durchläuft. Den Eskapaden ihres Ehemannes, der sich lieber mit weiblichen Körpern befasst, stehen ihre intensiven Objekterkundungen in nichts nach.

Immer wieder hat Händler sich in seinen Romanen über Wissenschafts- und Unternehmenskulturen, Architektur und den Kunstbetrieb unserer Zeit auf eigenwillige Weise auch mit dem Thema Körperlichkeit befasst. In "Welt aus Glas" kommen zeichenhafte Körperchoreografien und entschwebende Körperteile zwar allenfalls in einer leserfreundlichen Schrumpfform vor, doch spielt sich auch diesmal Aufregendes zwischen menschlichen Leibern und unbelebten Objekten ab, und sei es in den nüchternen Gefilden der Hochfinanz, wo Händler etwa einen der potenten Glassammler erkennen lässt: "Das Ego der Menschen, denen Geld als Geld etwas bedeutet, ist ausgedehnt, aber es ist völlig formlos. Es kann nur eine Form annehmen, wenn es etwas umschließt. Mein Ego wäre genauso formlos, wenn ich nicht das Glas sammeln würde."

Freilicht-Pornos für den Bestseller

Das Interessanteste an Formen sind freilich deren Ränder, und so besteht der Roman auch aus der Inszenierung von Grenzgängen. Statt das freigiebige Angebot der nicht nur finanziell gut gepolsterten Madeline zu nutzen, verliert Jacob sich hinter, vor und unter der Grenzbefestigung zwischen Mexiko und den USA in Penetrations- und Machtspielen mit der stolzen Besitzerin des "flachsten Bauches, den er jemals berührt hatte".

Die Freilicht-Pornos mit der Mexikanerin sind prominent in Szene gesetzt, und das wohl nicht nur zugunsten des Bestseller-Drives, sondern auch, weil Bedeutsamkeit sich im Leben perfiderweise oft da ansiedelt, wo man sie lieber nicht hätte: Nichts ahnend wird Jacob hier zum Handelsobjekt, ab sofort steht sein Leben auf dem Spiel.

"Welt aus Glas" erzählt von der Metamorphose zweier Menschen, die auf Rettung sinnen. Raffiniert sind die Schicksale der unterschiedlichen Ehepartner aneinander vorbei gebaut, und immer enger wird im Strudel der Handlungsstränge das Glück des Einzelnen eingekreist. Auf der Suche nach ihrem Seelenheil werden die gängigen Währungen menschlichen Verkehrs einer Eignungsphilosophie unterzogen: Geld, Sex, auch die Sprache. Jillian und Jacob wird klar, dass deren meisterliche Beherrschung allein nicht ausreicht. Es gilt vielmehr sich selbst zu bewegen, die eigene Seele umzuformen.

Es ist ein lustvoller, aber auch ein kühl konstruierter Roman. Jillian und Jacob sind exemplarische Menschen. Eine "Grammatik der Klarheit" ist Händlers erklärtes Anliegen, und in der Tat sind die Mechanismen, die unser Dasein lenken, hier glasklar aus dem verwirrenden, betörenden und erdrückenden Wirken der Wirklichkeit herauskonturiert.

Doch transparent in einem simplen Sinn ist der Roman nicht. Jillians ausufernder Hang zur philosophischen Feinanalyse wie auch Jacobs sex- und selbstverliebte Gedanken - "Niemand, den er kannte, fickte so wie er" - werden so enervierend vorgeführt, dass es nur einen Zweck haben kann: Kunstfanatikern und Frauenhelden stellvertretend für den Rest der Welt klar zu machen, dass auch ein perfekt gepflegtes Einzeluniversum aus sich alleine keine rettende Dynamik entwickeln kann. Darauf hat man sich ebenso einzulassen wie auf ein "Bombardement von Robinsons Geschäftsideen, von Bovas ökonomischen Vorträgen, von Benfords politischen Ansichten", auf immer wieder bedeutsam durchs Bild irrlichternde Dämonen oder Feen, lebendige Glaspflanzen oder darauf, dass am Ende gar das Geld und der Tod Gestalt annehmen und sich in einem Stelldichein bekämpfen. Bei all diesen Möglichkeitsformen der Daseinsbewältigung ist der "Eindruck im Durchlicht" nicht immer gleich erhellend - doch liegt, zumindest für Kunstsammler, in Rauheiten, Schlieren und lichtschluckenden Stellen durchaus auch ein besonderer Reiz.

Auf weite Strecken liest man einen ebenso rasant wie elegant erzählten, geistreichen und verführerischen Roman, der in einer Welt spielt, die man in der deutschsprachigen Literatur nicht unbedingt gewöhnt ist: urban, weltläufig, nicht zuletzt auch wohlhabend. Händler, selbst ein Insider der Geschäftswelt, lässt seine Leser die Lust an der Bewegung von Waren und am geschmeidigen Fluss der Millionenbeträge spüren. Der Mammon ist hier alles andere als schnöde, vielmehr muss ihm ein ebenso elementarer Daseinszweck zugestanden werden wie dem Jacobs, der lieber noch als Geld Frauen bewegt: "Der Sex und das Geld trieben die Welt an, die Kunst verschönerte die Tour." Parliert wird dabei englisch, italienisch und spanisch, man schreitet durch Architektur und Innendesign vom Feinsten, kann aber auch einen verträumten Zaubergarten aus Glas entdecken - und bei allem ist "der Zugewinn der Branche Menschenhandel gegenüber Drogenhandel und Menschenschmuggel" in Mexiko so prominent behandelt, dass sich der Roman gar nicht erst dem Vorwurf splendider Isolation aussetzt.

Zuletzt liefert Händler seinen Lesern sogar ein Happy End, so dass man sich wieder in einem amerikanischen Film wähnt, in dem alles doch noch - war es der liebe Gott oder einfach nur ein schöner Zufall? - zurechtgebogen wird. Es ist ein groteskes Ende, denn nicht das Schicksal ist es, das als Deus ex machina auftritt, sondern die Ironie des Schicksals.

"Welt aus Glas" ist der kühne Versuch, den Leser mit den Mitteln des Bestsellers zu der wenig verheißungsvollen Frage nach einer moralischen Standortbestimmung für unsere Zeit zu verführen: Woran halten wir uns fest, nachdem Gott tot ist und höchstens noch - im Roman sehr schön und unaufdringlich - als leise Hoffnung oder kalter Hauch in Dämonen- oder Glücksfeeform herumgeistert? Und spielen Gut und Böse wirklich noch eine Rolle? Nachdem Händler zuletzt in "Die Frau des Schriftstellers" die vertrackten Denkbewegungen und Materialschlachten in einem Autorenhirn dargestellt hatte, durfte man auf das Formgebungsprinzip des neuen, sechsten Romans gespannt sein. Wieder liegt es im Stoff selbst: Wie beim künstlerischen Prozess der Glasgestaltung beginnt der Roman als heißer, mitreißender Fluss, der nach und nach schwergängiger wird und sich schließlich zu einem irisierenden, aber klaren und letztlich kalten Gesamtbild, zu einer gläsernen Welt verfestigt.

In ungewohnt geschlossener und glatter Manier stellt Händler in "Welt aus Glas" Konturen und Bewegungen unserer Gegenwart zur Schau. Ebenso faszinierend wie befremdend, in einer mit Sinnlichkeit gepaarten Konstruiertheit und einem Glanz, hinter dem sich Tiefe verbirgt, kalt und störrisch, aber zugleich beredt und beseelt, hat der Roman etwas mit den Glaspflanzen Napoleone Martinuzzis gemein, die Jillian in Mailand entdeckt, Unikate, für die einige wenige Menschen bereit sind Millionen zu zahlen.

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