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Franz Tumlers Anschauungsmaterial: Das Nachkriegsberlin, hier vertreten durch das berühmte Café Kranzler am Kurfürstendamm.

Franz Tumler „Hier in Berlin ...“

Glänzend polierte Bescheidenheit

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„Hier in Berlin, wo ich wohne“ – Franz Tumlers anschauliche Berichte aus einer Stadt im Wiederaufbau. Der sonderbar zurückhaltende Ton, so typisch für die deutsche Nachkriegsliteratur, ist hier in seiner Reinform zu erleben. Geradezu beunruhigend.

Berlin im Winter 1955. Ein Obsthändler auf dem Marktplatz am Rathaus Schöneberg ruft: „Solche Früchte zu sehen ist direkt eine Freude!“ Er sagt den Satz nicht als Anpreisung seiner Ware, sondern als Zugabe obenauf, sagt ihn nämlich einer Frau, die sein Obst gerade gekauft hat. Es ist ein eigentlich unnötiger, für den Mann aber offenbar wichtiger Satz, den er loswerden muss.

Diese Beobachtung auf dem Wochenmarkt macht der Schriftsteller Franz Tumler, ein bärtiger Tiroler, den es in den frühen fünfziger Jahren nach Berlin verschlagen hat. Der Bergfex interpretiert des Obsthändlers Beredsamkeit in einer Zeitschrift mit dem Titel „Zeitwende. Die neue Furche“ so: „Man darf sich in der Stadt nicht damit begnügen, einen Sachverhalt bloß wahrzunehmen, man muss ihn auch aussprechen. (...) Wer auf dem Lande lebt, braucht nicht unbedingt zu jedem Ereignis sofort Stellung zu nehmen. Der Großstädter kann anders nicht bestehen, er ginge verloren, wenn er sich nicht alles klarmachte, was ihn angeht. Damit behauptet er seinen Rang. Damit hält er sich vorne. Daher der Zwang, jede Situation sofort auch zu formulieren.“

Sechs Jahre später, der österreichische Dichter gehört inzwischen der Berliner Akademie der Künste an und wird dort ein Jahr später, 1967, Direktor der Sektion Literatur werden, erklärt Franz Tumler sich und seinen Lesern das großstädtische Berliner Sprechen etwas anders. Neben den allgegenwärtigen Zwang zur Selbstbehauptung in der Stadt rückt nun deren allgegenwärtige Anstiftung zur Selbstbefragung.

In dem für die FAZ geschriebenen Text „Hier in Berlin, wo ich wohne“ beschreibt er anlässlich der Heimreise Berliner Studenten, die jedes Wochenende vom Bahnhof Zoo aus in die Provinz fahren, um Sonntagabend wieder begierig zurückzukehren, den Reiz des intellektuellen Klimas der Stadt, der für sie zum Lebenselixier geworden sei: „Mancher, der aus anschaulichem Lebenszusammenhang kam, hatte in Berlin Auseinandersetzung und Spannung kennengelernt; die Dinge rundeten sich nicht ab, sondern wurden in Frage gestellt; und statt Meinungen, die man gewichtig vertrat, gab es hier ein Sichbehaupten fast ohne Betonung, wie es ähnlich nur in zwei anderen Städten vorkommt: In Paris und in Wien ... “

Die kultivierte Anschauung

Aus „anschaulichem Lebenszusammenhang“ kommt nach eigenen Worten auch Tumler selbst und in Berlin kultiviert er das weiter: Er verlegt sich auf ein bedachtsames, beobachtendes, sonderbar unschlüssiges Schreiben. Die Texte heute zu lesen, ist von hohem Reiz. Der Innsbrucker Haymon Verlag hat Tumlers Berlin-Feuilletons neu herausgegeben; etliches stammt aus dem 1953 erschienen Band „Berlin. Geist und Gesicht“. Es geht um Beobachtungen in den Notaufnahmezentren für Flüchtlinge aus dem Osten, Motorradfahrten auf der nebligen Interzonenautobahn, Erlebnisse beim Sechstagerennen – kaleidoskopartige Wahrnehmungen von einer etwas geschraubten, bisweilen manierierten Bedächtigkeit, die sich mit Meinungen zurückhält.

Das war in Tumlers Leben nicht immer so. Tumler gehörte zu den Stars der Nazi-Literatur. Er zählte zu Hitlers Lieblingsdichtern, sein Gedicht „An Deutschland“ von 1936 war in fast jeder völkischen Lyrik-Anthologie enthalten. Der Roman „Der Soldateneid“ wurde von Alfred Rosenberg geehrt als eines der „zehn wertvollsten Bücher aus dem schöngeistigen Schrifttum unseres Volkes“.

Tumler kommt nicht „aus dem Anschaulichen“, sondern aus der puren Propaganda. Ins Anschauliche kehrt er erst nach der Kapitulation ein. Das zerbombte Berlin ist für ihn das richtige Terrain, den Ton gründlichen Hinschauens zu üben. Politische Reflexionen kleidet er nun in betont bescheidene, wie beiläufig notierte Wahrnehmungen. Ihm fällt 1953 zum Beispiel auf, dass im Ostteil der Stadt mit den einstigen Regierungsvierteln alles liege, „was einst den Staat vorgestellt hatte“, während sich westlich des Tiergartens die Geschäftsviertel ballten, dass also Staat und Gesellschaft durch die Sektorengrenze getrennt seien, was auf Dauer nicht gut gehen könne. Und wieder der Satz: „Wer im Anschaulichen lebt, dem bleibt ein solches Bild haften.“

Wer dieses Buch liest, wird neben vielen eindrücklichen Beschreibungen des Nachkriegs-Berlins diesen sonderbar zurückhaltenden Ton in Reinform spüren, der so typisch ist für die deutsche Nachkriegsliteratur. Eine emsig polierte Bescheidenheit, so beflissen ziseliert, dass gerade deshalb das ganze Gebrüll des völkischen Pathos darin noch nachzuhallen scheint, so leise man sich auch gibt.

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