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Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielen Schach, 1934, Skovsbostrand/Dänemark.
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Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielen Schach, 1934, Skovsbostrand/Dänemark.

Brecht und Benjamin

Gipfeltreffen im Olymp

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Die Freundschaft zwischen Walter Benjamin und Bertolt Brecht beleuchtet eine schöne Ausstellung in Berlin.

Viele freuten sich, nein sie waren glücklich, als sie Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre erfuhren, dass Walter Benjamin (1892-1940) und Bertolt Brecht (1898-1956) ein paar Jahre lang befreundet gewesen waren, dass es gar die russische Revolutionärin Asja Lacis (1891-1979) gewesen war, die die beiden zusammengebracht hatte.

Hannah Arendt (1906-1975), die mit beiden befreundet war, meinte, in den beiden hätten sich der bedeutendste deutsche Autor und der bedeutendste Kritiker der Epoche gefunden. Ein Gipfeltreffen im Olymp gewissermaßen. Aber das war nicht der Grund für die Glücksgefühle, die viele damals empfanden. Die hatten mehr damit zu tun, dass der scharfzüngige Analytiker, der so behände die Klassenkampftrommel bedienende Brecht, der Autor so erfolgreicher Stücke wie der „Dreigroschenoper“ und so ideologisch verbohrter Arbeiten wie „Die Maßnahme“ Gefallen fand an dem Autor des „Ursprungs des deutschen Trauerspiels“ und der „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert.“ Kälte- und Wärmestrom des Marxismus (Ernst Bloch) schlossen einander nicht aus. Sie schienen in der Freundschaft Benjamin–Brecht schon einmal zusammengekommen zu sein.

Die Berliner Akademie der Künste zeigt in einer großen Ausstellung in ihren Räumen im Hanseatenweg jetzt neben Dokumenten dieser Freundschaft auch Arbeiten von Künstlern, die diese Freundschaft kommentieren. Begleitet wird die Ausstellung von einer Reihe von Vorträgen, Diskussionen, von Filmen und Theater. Die Akademie der Künste verfügt über das Walter-Benjamin- und über das Bertolt-Brecht-Archiv. Niemand bietet bessere Voraussetzungen für eine derartige Ausstellung. Auch die Kenner der beiden Autoren werden auf Dinge stoßen, die sie niemals vorher sahen.

Wir anderen freuen uns über ein Foto aus dem Jahre 1931, auf dem Walter Benjamin zwischen Freunden und Freundinnen auf einer Matratze liegt und den Fotografen anlacht. Das Allerschönste an diesem Foto aber ist die Elektroschnur, die aus dem Stecker direkt in Benjamins Hinterkopf zu führen scheint. Als sei der Mystiker auch in dieser Situation angeschlossen an den ihn und seine Leser durchpulsenden Wärmestrom.

Es gibt ein sehr schönes Foto, das Brecht bei der Rasur zeigt. Ein anderes zeigt den Regisseur und Drehbuchautor Emil Hesse-Burri, der damals mit Brecht und später mit Johannes Mario Simmel zusammenarbeitete, Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Bernhard von Brentano und Margot von Brentano unter einem Sonnenschirm in Le Lavandou am provenzalischen Strand des Mittelmeers. „Eine Redaktionssitzung von Krise und Kritik“ erläutern die Ausstellungsmacher.

Wir denken: Kein Wunder, dass aus dem Projekt, das die beiden Freunde 1930/31 angepackt hatten, nichts wurde. Da war wohl zu viel gute Laune und zu wenig von Krise und Kritik zu spüren. Übrigens tragen die Herren alle Badeanzüge mit Oberteil. Nur Brecht zeigt seinen nackten Oberkörper. Ein bisschen erinnert er hier an den jungen Woody Allen.

Das Foto oben ruft jedem Benjamin-Leser den Anfang seines Textes „Über den Begriff der Geschichte“ in Erinnerung. Er sei zitiert, um die Nähe und die Entfernung zu Brecht deutlich zu machen: „Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, dass er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte ... In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ‚historischen Materialismus‘ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“

Das war Walter Benjamins Programm. Es scheint Lichtjahre entfernt von Brechts Stalin preisendem Gedicht „Die Erziehung der Hirse“. Aber langsam sollte der Abstand groß genug geworden sein, um genauer zu sehen, wo die beiden sich ähnlich waren. Die Ausstellung stellt sich diese Frage nicht. Sie breitet die Schätze aus, die die Archive bieten. Sie erinnert ans Vergangene, sie nutzt es nicht. Sie funktioniert es nicht um.

Eines der ergreifendsten Fundstücke stammt aus dem Nachlass eines Redakteurs der „Frankfurter Zeitung“, Bernhard Diebold (1886-1945). Es handelt sich um den Bürstenabzug eines Textes von Walter Benjamin über Brechts Episches Theater. Diebold hat ihn mit zahlreichen Anmerkungen versehen. Vor allem aber dafür gesorgt, dass er in der „Frankfurter Zeitung“ nicht erschien. Benjamin schrieb: „Nur der ‚Einverstandene‘ hat Chancen, die Welt zu ändern.“ Diebold hat diese Stelle dick unterstrichen, sie mit vielen Fragezeichen versehen und in Klammern hinzugefügt „(Im Sinne der andern! Hitler!)“

Das ist heute wieder ein sehr aktuelles Problem: Wie übt man Kritik? Benjamin plädiert für die immanente Kritik, für das sich auf den anderen einlassen. Die Kritik stellt sich dem Gegner nicht gegenüber. Sie geht ihn nicht von Außen an. Sie bombardiert nicht dessen Bollwerke. Sie schleicht sich hinein, ist einverstanden mit ihm und überführt die gegnerischen Positionen in deren eigener Logik.

Diebold geht das zu weit. Man muss, meint er, nicht Hitler spielen, gar Hitler werden, um Hitler zu bekämpfen. Er hatte womöglich recht gegen die beiden subtilen Jäger. Vielleicht hätte Diebold an einem berühmten Satz mehr Gefallen gefunden, die er in Benjamins „Einbahnstraße“ aus dem Jahre 1928 hätte finden können: „Echte Polemik nimmt ein Buch sich so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.“

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