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Ein unheimlicher Taucher sucht Sixten Braun in seinen Träumen heim. Dieser hier in Liverpool ist auch noch extrem riesig.

Heinrich Steinfest "Der Allesforscher"

Es gibt sie, die guten Geister

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Heinrich Steinfest erzählt in seinem ersten Nicht-Kriminalroman doch zu wortgewandt, leichthändig und abgeklärt von den extremsten Vorfällen. Aber gut gebaut und vergnüglich zu lesen ist "Der Allesforscher".

Sympathie ist eine bei übermäßiger Anwendung dubiose Kategorie im Zusammenhang mit der Bewertung von Literatur. Das fällt nicht immer auf, das läuft meistens am Rande mit und ist menschlich nachvollziehbar. In Heinrich Steinfests Roman „Der Allesforscher“ ist der Ich-Erzähler sogar eine sehr sympathische, geradezu unwiderstehliche Figur.

Und doch steht die Frage im Raum, ob die leichte, wenngleich mit Sentenzen reich gefüllte Hand, die der Autor ihr für die Berichterstattung mitgibt, und der Unterhaltungsroman, in dem er sie platziert, eine glückliche Heimstatt für sie darstellen. Für sie und für ihr krasses Schicksal.

Die Suche nach dem entsprechenden Ton hat hier einen nur mittelglücklichen Abschluss gefunden. Es ist weniger so, dass Humor hier das Szenario vertiefen würde – wozu Humor ernsthaft geeignet ist –, sondern dass Komödie beständig allzu sicheren und bequemen Boden darunter einzieht. Trotz der Wortgewandtheit, die dazu führt, dass der Erzähler, wenn er erschöpft ins Bett fällt, das Kapitel mit den schönen Worten abschließt: „Ich war wie ein Telefonhörer, der aufgelegt wird. Endlich Ruhe!“

Über all das müsste ohnehin keiner jammern, wenn „Der Allesforscher“ nicht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stünde. Er ist ja gut und vergnüglich zu lesen.

Und ist glänzend aufgebaut. Interessanterweise weist Steinfest selbst in einem kurzen Nachwort darauf hin, wie sich dieser Aufbau durch Tipps aus seiner Umgebung noch veritabel verändert und stabilisiert hat. Als Architekt hat er hervorragende Arbeit geleistet. Dass er versucht, das geschaffene Bauwerk routiniert plaudernd zu bevölkern, ist gerade darum verblüffend, scheint aber während der Arbeit nicht hinterfragt worden zu sein (natürlich muss ein Autor dem Leser nicht alles verraten, was vor der Drucklegung geschah, nett – und sympathisch –, dass er überhaupt ein Wort darüber verliert). Man kann dahinter den erfahrenen Kriminalromanautor Heinrich Steinfest vermuten, für den sich die lakonische Darreichung extremer Vorgänge und Seelenlagen möglicherweise zu sehr bewährt hat, um für diesmal auf sie zu verzichten.

Unfälle zu Land, in der Luft

Der Erzähler ist ein anfangs in Asien beschäftigter Manager namens Sixten Braun – auch ein adäquater Detektivname – aus Köln. Während er für seine Firma unterwegs ist, wird er zuerst von einem explodierenden Wal schwer verletzt.

Nach seiner Genesung stürzt das Flugzeug, in dem er sitzt, über dem Indischen Ozean ab. Sixten Braun wird gerettet, gewissermaßen auf Kosten seines Sitznachbarn, dessen Geist in einem Taucheranzug ihn im späteren Verlauf heimsuchen wird.

Sixtens jüngere Schwester, die vor Jahren in den Bergen abgestürzt ist, taucht auf einmal ebenfalls in seinen Träumen auf, ebenso in denen eines freundlichen älteren Ex-Messerwerfers, dessen Kunst sie lernen will. Mit guten Gründen, wie sich zeigt – „Es gibt sie, die guten Geister“ –, gut auch im Sinne von gutmütig.

Gutmütigkeit ist eine zentrale Charaktereigenschaft Sixten Brauns, dazu kommt Fatalismus in hohem Maß. Es ist konsequent und kurios, wie er die Dinge ausschließlich auf sich zukommen lässt, die Unglücksfälle ohnehin, aber auch die folgenreiche Affäre mit einer attraktiven Ärztin (nach dem Wal-Vorfall in Taiwan), den Berufswechsel hin zum Bademeister in einem Stuttgarter Freibad, wo er u. a. in einer sagenhaften Szene eine Ente vor dem Ertrinken rettet. Am deutlichsten wird die Schicksalshingegebenheit aber, als ihm ein Kind, das nicht seines sein kann, regelrecht untergeschoben wird.

Simon, 7, offensichtlich asiatischer Herkunft, während die attraktive Ärztin in Taiwan ebenfalls Deutsche war. „Ein Flugzeug brachte ihn, wie andere Kinder der Storch.“ Sixten wird nicht erfahren, wer der Vater ist, für uns baut Steinfest das ein, in einem wiederum äußerst geschickt eingefügten ausgeflippten Zwischenstück. Bleiben darf Simon, weil Sixten nicht Nein sagt, sogar gewissermaßen Ja.

Eine Sprache nur für ihn

Simon spricht eine Sprache, die außer ihm niemand kann. Er hat genialische Begabungen beim Klettern, Go-Spielen und Zeichnen – Feinstzeichnungen illustrieren auch das Buch. Dass man sich nicht verständigen kann, spielt irgendwie keine Rolle, auch nicht, dass Simon als geistig behindert gilt. Für Sixten ist er einfach der „Allesforscher“, in der Nachfolge seines längst verstorbenem einstigen Mentors.

„Allesforscher“ ist nach Sixtens Definition ein besseres Wort für „Universalgelehrter“. Nun ist es allerdings so, dass ein Universalgelehrter ungefähr das Gegenteil von Simon darstellt.

Auch entstammt das Wort Allesforscher eher aus der achtsamen Welt von Michael Ende oder auch von Éric Emmanuel Schmitt, einer Welt, in der das Lebensweisheitliche im Kleinen sehr ernst genommen wird (natürlich völlig zu Recht). Und es stammt aus einer Welt, in der der Satz „Es gibt sie, die guten Geister“ mit derselben Spottlosigkeit fällt wie der Satz „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Dabei ist Sixten eigentlich gar nicht so.

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