+
William Faulkner (1897-1962)

William Faulkner Literatur Nobelpreis

Es gibt nichts zu beschönigen

Ein Blick auf das literarische Universum von William Faulkner, das von einem universellen und existenziellen Unglück beherrscht ist. Zum 50. Todestag des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers.

Von Sabine Vogel

Glückliche Menschen gibt es nicht in den Romanen und Erzählungen von William Faulkner. Es gibt auch keinen Grund zum Glücklichsein in dieser platten, hinterwäldlerischen Provinz von Yoknapatawpha County um die Kreisstadt Jefferson mit ihren gut 15.000 Bewohnern, von denen zwei Drittel Schwarze sind. Die Sklaverei ist der Erbfluch in diesem abgeschlossenen Kosmos aus Rassismus, Bigotterie, Armut, Gewalt, Schuld und Verhängnis.

Die einzigen Lichtblicke in den epischen Südstaaten-Tragödien des amerikanischen Nobelpreisträgers sind die Verlierer. Die Schwachen, die Außenseiter, die Unwichtigen. Die Frauen, die Kinder und die Neger. So heißen sie auch noch in den Neuübersetzungen, mit denen die „Klassikerleiche“ seit wenigen Jahren wiederbelebt werden soll. Mit „Licht im August“, dem bereits 1935 ins Deutsche übertragenen Roman Faulkners von 1932, machte Rowohlt 2008 mit der Neuübersetzung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel einen furiosen Neustart, nun liegt, zum 50. Todestag des Autors, das von Maria Carlsson neuübersetzte „Als ich im Sterben lag“ vor.

Auch diese, aus der multiplen Perspektive der rund 15 Beteiligten erzählte Geschichte eines absurden Leichenzugs endet im Desaster, obgleich sie ziemlich viele bizarr komische Momente hat. Wenn der Sarg mit der schon stinkenden Mutterleiche im angeschwollenen Mississippi zu versinken droht, wenn das zum zweiten Mal gebrochene Bein des Sohnes unter der Zementschienung fast einkocht, die Tochter vom falschen Abtreibungspillendreher erneut geleimt und genagelt wird, dann ist das tragisch bis zum Slapstick. Am Ende grinst der zahnlos mümmelnde Vater mit seinem ersehnten Gebiss und einer neuen Frau ins Leben. Das ist filmreif.

Glaube an sein Genie

Von Dramaturgie, plot point, thrill und cliff hanger verstand Faulkner etwas. Fast instinktiv, möchte man sagen. Nachdem Sherwood Anderson ihn 1925 dazu ermutigt hatte, über das zu schreiben, was er kennt – seine Landsleute –, verfasste Faulkner in rauschhaft kürzester Zeit sieben Romane. Dennoch konnte er, der mit Proust und Joyce zum Dreigestirn der größten (ungelesenen) Autoren des 20. Jahrhunderts zählt, der von García Márquez bis zu Heiner Müller angebetet wurde, bis zum Nobelpreis im Jahr 1950 nicht von seiner Schriftstellerei leben. Was ihn nicht davon abhielt, mit der Sturheit des Alkoholikers an sein Genie zu glauben. 1939 heiratete er seine morphiumsüchtige Jugendliebe. Die Ehe ging nicht gut. Faulkner floh nach Hollywood und schrieb Drehbücher für Filme von Howard Hawks: „Haben oder Nichthaben“, „Tote schlafen fest“.

Faulkners wohl berühmtester Roman, „Absalom, Absalom!“ von 1936 ist auf Deutsch derzeit überhaupt nicht lieferbar. Der Diogenes Verlag, der die Taschenbuchlizenzen für sein Gesamtwerk hat, titulierte „Griff in den Staub“ einmal als „Worstseller“: 2006 etwa wurden von diesem Rassismuskrimi gerade mal 36 Exemplare verkauft.

Warum soll man Faulkner heute lesen? Leichte Lektüre waren seine in Schachtelsätzen versponnenen Romane noch nie. Die seinerzeit ungeheuer modernistische Vielstimmigkeit („Manhattan Transfer“ und „Ulysses“ gab es schon), in denen nichts so abwegig wie ein allwissender Ich-Erzähler wäre, ist heute kanonisiert. Faulkners Welt hat nichts mehr mit unserer gemein. Ist das so? Ja, diese Menschen leben in einer Zeit, die vielleicht niemals tot, aber – doch – vergangen ist.

Ihre Welt, der so fiktive wie nahezu theatralisch realistische und erdrückend sinnlich vergegenwärtigte ländliche Lebensraum um die Kleinstadt Jefferson, ist die Fiktionalisierung von Faulkners Heimatstädtchen Oxford, Mississippi. Sie ist wahrer als die Wirklichkeit, wie es für jede gute Literatur gelten dürfte. Man hört die Insekten vor den Fliegengittern sirren, man riecht den sauren Schweiß der Armut und die muffigen Ausdünstungen des schwarz gebrannten Whiskeys.

Mit seiner literarischen Sozialanalyse des erbärmlichen Kleingeists und seiner unbarmherzigen Gewalt hat sich der missmutige Grantler dort Zeit seines Lebens nie beliebt gemacht. Als er den Nobelpreis erhalten hatte, soll er die Auffahrt seines Anwesens umgepflügt haben, um sich Journalisten vom Hals zu halten. Und eine Einladung von Kennedy ins Weiße Haus konterte der notorisch sesshafte Antiheimatdichter damit, er könne in seinem Alter nicht mehr so weit reisen, um mit Fremden zu essen. Ja, man möchte keine Figur in Faulkners Romanen sein.

Diese elenden 30er-Jahre der amerikanischen Südstaaten mit ihren Lynchmorden und hysterischen Jungfern, den billigen White-Trash-Parvenüs und traurigen Tagedieben, die ganze Südstaatengotik, sind uns so fern wie jeder König Lear für Arme. Aus „Macbeth“ stammt das Motto für Faulkners formal wohl kühnsten Roman „Schall und Wahn“ („The Sound and the Fury“, 1929).

Zeitlose Verzweiflung

Darin erzählt er die Geschichte von Schuld, Inzest, Selbstmord und Familienzerfall von antikischen Ausmaßen aus der Sicht von vier Geschwistern. Die tragende Stimme des kakophonisch strudelnden Bewusstseinsstroms aus Gerüchten, Lügen, Dorfklatsch, kollektiven Erinnerungsverdrehungen ist die eines Idioten.

In dieser Logik aus Wirrsal und Verhängnis überdauern nur die Deppen, die „Nigger“ und die Frauen. Nur ihnen gelingt es in ihrer unschuldigen Einfalt für unwirklich irrlichternde Momente, aus dem Unabänderlichen auszubrechen, sich aus der Hierarchie der Norm davonzustehlen und die Männer-Ordnung mit einer naiven Idee von Menschlichkeit auszuhebeln. Lena, die Sünderin und Büßerin, die dem nichtsnutzigen Vater des ungeborenen Kindes nachläuft, ist das „Licht im August“ in einer zersplitterten, aber zuverlässig gnadenlosen Welt.

Aber so archaisch fern diese Südstaatenprovinz uns ist, so alttestamentarisch fatal und so irdisch gemein, so sehr kann sie uns doch berühren. Wir müssen uns bloß einlassen auf das rasende Gestammel und die Bekenntnissturzfluten, müssen stöhnenden Flüssen, nachdenklichen Zedern oder wissenden Hüften zuhören. Diese Geschichten grundiert ein existenzielles Unglück, das universell ist, eine Verzweiflung, die zeitlos ist. Diese von einem sinnlosen Schicksal Getriebenen sind keine Scheiternden, weil es nie Hoffnung auf ein gelingendes Glück gab. Ihre Versuche, etwas Besseres aus sich zu machen, prallen an der Begrenztheit der Verhältnisse ab.

Das Absolute ist unveränderbar, schrieb jemand dazu. Faulkners Figuren sind gefangen und gezeichnet, sie sind zur Duldung verdammt, zum Ausharren am uferlosen Leiden. „Er kann es sogar ertragen, dass er, wenn er sich fallen lassen und weinen könnte, das nicht tun würde.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion