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„Es gibt keinen Bestseller auf Bestellung“

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Zuhause ist die Erfolgsautorin in der Nähe von Bergisch Gladbach, ihre geheime Liebe gehört jedoch London.
Zuhause ist die Erfolgsautorin in der Nähe von Bergisch Gladbach, ihre geheime Liebe gehört jedoch London. © Gaby Gerster

Die Erfolgs-Autorin Kerstin Gier über die Gesetze des Literaturbetriebs und den mangelnden Sinn ihrer jungen Leser für Privatsphäre.

Von Kerstin Meier

Es ist nicht einfach, einen Interviewtermin mit Kerstin Gier zu bekommen – wer dennoch die Gelegenheit dazu hat, ahnt, warum: Die Autorin ist nicht nur schwer beschäftigt. Sie nimmt sich auch jede Menge Zeit für ihre Interviewpartner und plaudert im Garten in ihrem Heimatörtchen in der Nähe von Bergisch Gladbach bei Schokoladenkeksen fröhlich und entspannt über den Buchmarkt und ihre junge Zielgruppe.

Frau Gier, Ihre Bücher stehen regelmäßig auf den Bestsellerlisten – wie zuletzt auch „Silber“. Kann man solche Erfolge bewusst planen?
Wenn man eine Bestseller-Formel hätte, würde es ja jeder machen. Es gehören viele Faktoren dazu, und zwei davon sind Glück und der berühmte Faktor X. Den versucht man natürlich ohne Unterlass zu analysieren. Und hat Titel A Erfolg, schmeißt man sofort Titel B auf den Markt, der ganz ähnlich konzipiert ist, am besten noch mit einem ähnlichen Cover, und es hilft gar nichts. Auf Bestellung einen Bestseller schreiben lassen – das funktioniert leider nicht.

Spielt es für Sie bei der Konzeption Ihrer Romane eine Rolle, was am Markt gut laufen könnte?
Ich bin durch eine harte Schule gegangen und habe mit einer Lektorin angefangen zu schreiben, die sehr marktorientiert gedacht hat. Das heißt, ich habe gelernt, marktgerecht zu schreiben, sehr uneitel zu denken: Aha, das wollen die – dann kriegen die das auch.

Hat das auch immer so funktioniert?
Einen Besteller habe ich auf diese Weise nicht geschrieben. Aber ich habe Buchverträge bekommen – und Schreibroutine. Das ist ja auch schon sehr viel wert. In dieser gesamten Buchbranche befinden sich die Autoren ja wirklich am Ende der Nahrungskette. Da ist es schon wie ein Sechser im Lotto, einen neuen Vertrag zu bekommen, wenn das Vorgängerbuch keine guten Verkaufszahlen vorzuweisen hat. Einen Bestseller zu landen – das scheint am Anfang utopisch. Bei mir hat es erst funktioniert, als ich schon reichlich Schreiberfahrung hatte und dann das geschrieben habe, was ich wirklich wollte.

Stimmt es, dass Sie London als Schauplatz für Ihre Edelstein-Trilogie gewählt haben, weil der Verlag dachte, so besser die Rechte ins Ausland verkaufen zu können?
Das war tatsächlich eine ganz klare Ansage. Ich habe schon fröhlich meine Geschichte geplant – der Schauplatz war mir eigentlich recht egal – da sagte die Programmchefin damals: „Aber nicht Deutschland! Das kriegt man einfach nicht ins Ausland verkauft.“ Da muss man eben gucken: Geht das mit der Geschichte? Bei meiner ging das sehr gut. Da fiel mir die Entscheidung leicht.

Hat es denn dann funktioniert mit dem Rechteverkauf?
Die Reihe ist in 30 Sprachen übersetzt worden – da hatte die Programmchefin also absolut den richtigen Riecher.

Und dann waren Sie schon so in London-Stimmung, dass Sie die „Silber“-Trilogie einfach auch noch dort spielen lassen haben?
London ist meine geheime Seelenstadt. Von daher war die Idee, ehrlich gesagt, super. Ich wäre nur vorher gar nicht darauf gekommen, meine Bücher nicht in Deutschland spielen zu lassen.

Nach den Zeitreisen in Ihrer Edelstein-Trilogie geht es in der neuen Reihe „Silber“ nun um Träume. Was hat Sie an dem Thema gereizt?
„Silber“ ist zwar Fantasy-Literatur, aber ich bin nicht so der Weltenbauer. Ich möchte es fantastisch und gleichzeitig so nah an unserer Welt wie möglich. Und Träume sind psychologisch unglaublich interessant. Eben keine künstlich erschaffene Parallelwelt. Mit Träumen hat man als Schriftsteller eine unerschöpfliche Innensicht auf die Figuren. Einfach, indem ich die Leser in den Träumen herumlaufen lasse. Deshalb fand ich die Traum-idee sehr reizvoll.

Ihre Figuren haben die Fähigkeit, in die Träume von anderen einzudringen. Ein massiver Eingriff in die Privatsphäre – was zu den hochaktuellen Themen Überwachung und Verlust des Privaten passt.
Gerade meine Zielgruppe, also junge Menschen, machen sich ja freiwillig so gläsern. Indem sie beispielsweise bei Facebook extrem viel Privates von sich geben. Aber auch überhaupt, indem sie im Internet so viele Informationen zur freien Verfügung stellen. Ich glaube, dass sie sich über die Folgen nicht bewusst sind.

Genauso wie Ihre Figuren am Anfang ja auch noch sehr naiv mit ihren Fähigkeiten umgehen.
Ja, einfach, weil es so viel Spaß macht. Ich finde, das Thema regt dazu an zu überlegen: Wie wichtig ist mir meine Privatsphäre? Und warum? Darum wird es vor allem im dritten Band von „Silber“ gehen. Im ersten Band ist ja alles noch ein großes Abenteuer. Jetzt, im zweiten und dritten Band, geht es darum, wo die Gefahren sind, die moralischen Grenzen. Ist es überhaupt wünschenswert, in anderer Leute Träumen herumzuspazieren – oder ist das etwas Schlimmes?

Die Themen Öffentlichkeit und Privatsphäre spielen bei Ihnen auch noch auf einer anderen Ebene eine Rolle: Es gibt im Buch einen Klatsch-Blog, indem allerlei Intimitäten über die Schüler der Schule Ihrer Hauptfigur Liv preisgegeben werden. Warum, glauben Sie, sind solche Blogs oder Facebook-Einträge so populär?
Vermutlich weil man es aus dem eigenen Umfeld kennt – über andere zu lästern verbindet und lenkt von eigenen Problemen ab. Junge Menschen haben ja noch eine viel weniger harte Schale als Erwachsene. Aber umgekehrt teilen sie auch viel härter aus. Ganz unbedacht machen sie fiese Bemerkungen, oft nebenbei und ohne zu ahnen, was sie anrichten. Das ist manchmal so, als würde man das Tor zur Hölle aufstoßen. Die Hemmschwelle, bösartig zu werden, ist im Netz extrem niedrig. Viele von diesen Kindern und Jugendlichen wissen gar nicht, was sie ihren Mitschülern oder Mitmenschen antun. Es ist auch schwer, sie dafür zu sensibilisieren. Mit Büchern, mit einer spannenden Geschichte wie „Silber“ funktioniert es – glaube ich – ganz gut.

Merken Sie, dass Jugendliche eine andere Vorstellung von Privatheit haben?
Ja, das merke ich allein schon an der ganzen Leserpost, die ich bekomme. Da schicken ganz viele ihre Handynummern oder Fotos von sich, weil sie gerne mal in einer Verfilmung meiner Bücher mitspielen möchten. Da frage ich mich immer, was die Eltern dazu sagen? Da müsste man seine Kinder doch beschützen! Ich wäre entsetzt, wenn mein Kind seine private Handynummer oder Bilder von sich in der Gegend herumschickt an irgendwelche fremden Leute. Die Kinder und Jugendlichen gehen tatsächlich oft sehr leichtfertig mit ihrer Privatsphäre um.

Über „Smaragdgrün“ schrieb die „FAZ“: „Kerstin Gier rettet sich vor der Komplettverflachung in Ironie.“ Warum hat Unterhaltung hierzulande einen derart schlechten Ruf?
Ja, das ist ein bisschen schade. Wenn man Leser zum Lachen und zum Träumen bringt, wird einem immer fehlende Tiefe unterstellt. Aber ich kann verstehen, dass einem Literaturkritiker wie Denis Scheck meine Geschichten nicht gefallen. Ich hätte aber wohl auch etwas falsch gemacht, wenn es anders wäre.

Glauben Sie, es ist eine deutsche Besonderheit, dass immer noch so ein Unterschied gemacht wird, zwischen Unterhaltung und Hochkultur?
Ich glaube auf jeden Fall, dass es Deutschen schwerer fällt, anerkennend zu sein, das Positive zu sehen. Es ist augenscheinlich viel leichter für uns, das Haar in der Suppe zu suchen, leichter, etwas schlechtzureden. Man saugt diese Haltung vermutlich hierzulande schon mit der Muttermilch auf.

Sie sind für Recherchen viel in London – ist das da anders?
Ja, absolut! Ich war jetzt im Sommer wieder in England – da sind alle so nett! Die Rentner sind so gut gelaunt! Niemand meckert. Wildfremde Menschen kommunizieren miteinander. Es wird viel mehr gelächelt. Alle sind höflich und freuen sich, wenn sie etwas Nettes sagen können. Ich glaube, es ist in Deutschland einfach gesellschaftlich anerkannter zu nörgeln, und jemand, der sich kritisch äußert, wird auch oft als Vorreiter gefeiert. Ich habe das Gefühl, das steckt an.

Kritik kann ja auch konstruktiv sein.
Sicher, ein kritischer Geist ist durchaus etwas Wünschenswertes. Komisch ist aber, dass die Leute sich hierzulande schon im Kleinen total verausgaben, indem sie engagiert und akribisch Menschen, Filme, Bücher, Mixer, Autoreifen und das Liebesleben von Prominenten kritisieren, sich aber null für die wirklich wichtigen Dinge interessieren geschweige denn einsetzen. Kritik mag im Feuilleton ihre Berechtigung haben, aber wenn sich jeder in unserer Gesellschaft permanent als Dauernörgler betätigt, vergiftet das die Atmosphäre und ist verantwortlich für die vielen, vielen heruntergezogenen Mundwinkel, die man am Tag so sieht... (lacht). Zu allem Überfluss wird man im Netz ja auch noch ständig dazu aufgefordert: „Bewerten Sie dieses Produkt mit soundsovielen Sternchen.“

Apropos Bewertungen mit Sternchen – wie stehen Sie als erfolgreiche Autorin zu der Debatte über Amazon?
Ich habe ja auch die Petition gegen Amazon unterschrieben – mit Hunderten anderen Schriftstellern. Weil ich den Gedanken gruselig finde, dass ein riesiger Konzern so viel Marktmacht besitzt. Mein Verhältnis zu Amazon hat sich sehr gewandelt. Ich bin ein Fan der ersten Stunde. Wir wohnen hier ja schließlich jwd, ich muss zum Einkaufen also immer weit fahren. Daher war das für mich wirklich wie ein Paradies zu entdecken: „Oh, es kostet mich nur einen Klick und dann landen die herrlichsten Dinge in meinem Einkaufskorb, und dann kommt der Postbote zwei Tage später und bringt sie mir direkt vor die Tür!“ Für mich, als jemand, der nie einen Parkplatz findet, war das wunderbar.

Und trotzdem haben Sie die Petition unterschrieben?
Weil meine Parkplatzphobie nicht mehr als Ausrede herhalten darf. Im Einzelfall kann ich jeden verstehen, der sagt, ich will nicht extra in die Stadt fahren und so viel Zeit mit dem Rennen von Geschäft zu Geschäft verschwenden, wenn ich alles so bequem von zu Hause aus erledigen kann. Aber man muss sich eben darüber klar sein, dass sich die Einkaufslandschaft in Deutschland zwangsläufig verändert, wenn man sagt: Meine Bequemlichkeit geht mir über alles, nach mir die Sintflut. Hier auf dem Land, wo die Infrastruktur ja ohnehin schon zu wünschen übrig lässt, und in vielen Städten kann man das Ladensterben beobachten, die Fußgängerzonen veröden zusehends. Irgendwann kann man dann nur noch bei Amazon einkaufen.

Was ginge verloren?
Na, zum Beispiel Buchhandlungen – für mich die schönsten Orte der Welt. Man kommt in eine Buchhandlung und ist umgeben von den schönsten Gegenständen der Welt: Büchern. Von einer Millionen Möglichkeiten, von Tausenden von Geschichten, das ist magisch. Ich komme ja gerade von einer langen Lesereise quer durch Deutschland und habe wieder so viele verschiedene Buchhandlungen und Buchhändlerinnen und Buchhändler kennengelernt, die ihren Job mit Liebe und Know-how machen. Und übrigens auch nach Hause liefern! Die Vorstellung, dass es das irgendwann nicht mehr geben wird, finde ich unglaublich traurig. Man muss deswegen das Bewusstsein beim Kunden schaffen: Ja, Amazon ist bequem. Aber vergiss deinen Händler um die Ecke nicht, der macht tolle Arbeit! Der Einkaufszettel ist wie ein Abstimmungszettel. Es muss einem klar sein, dass man die Zukunft mit seinen Entscheidungen mitgestaltet.

Interview: Kerstin Meier  

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