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Vor den Porträts ihrer Autorinnen: Anita Djafari.

Litprom-Chefin

"Es gibt keine Gleichberechtigung von Autorinnen"

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Seit Jahrzehnten kämpft Anita Djafari für schreibende Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Arabien ? ein Porträt.

Das Puzzle von Porträts, das da gerahmt an der Wand lehnt, erzählt auch von Anita Djafari und ihrer Arbeit. Denn die Fotos zeigen Autorinnen, für die sie sich über Jahrzehnte eingesetzt hat. Schreibende Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt. Frauen mit „rotzfrechen Texten, krassen, heftigen Texten – ganz stark!“ Die 65-jährige lacht. Seit 30 Jahren wird alljährlich eine Schreibende aus diesen Erdteilen in Frankfurt mit dem „LiBeraturpreis“ ausgezeichnet. 

Auf dieses Jubiläum ist die „Bücherfrau des Jahres“ 2016 nicht wenig stolz. Die Auszeichnung gilt mittlerweile als „kleine Schwester“ des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Im Haus des Buches an der Braubachstraße laufen die letzten Vorbereitungen für die 70. Frankfurter Buchmesse. Die übliche Hektik. Alle schleppen, stapeln, packen irgendwas. Die Telefone läuten. Djafari bleibt äußerlich ruhig und freundlich. Sie kennt das alles schon zu lange. 

„Ich war immer bei den Büchern“, sagt sie ganz schlicht. Nicht selbstverständlich für die Tochter eines Bergbauern aus der Rhön. Die kämpfte schon als Kind darum, mehr lesen zu dürfen als das einzige Buch, das es auf dem Hof gab, den „Struwwelpeter“. Die kleine öffentliche Bibliothek im Bergstädtchen Thann geriet der Heranwachsenden zur Zuflucht. 

Sie wollte nur weg aus der ländlichen Enge. Frankfurt am Main, in dem gerade die Revolte des Jahres 1968 alles aufgemischt hatte, zog sie magisch an. Einer der Zufälle, die ihr Leben bestimmten: Sie fand Arbeit in der Fernreiseabteilung von Neckermann. Und aus dem Reisebüro heraus eröffnete sich ihr eine neue Welt: Sie bestieg den Kiliman-dscharo in Tansania, bereiste Kenia, Hongkong, Malaysia. „Das alles war in den 70er Jahren total exotisch.“ Sie lacht. 

Wenn diese Welt überhaupt einen Namen hatte, dann hieß sie abwertend: Dritte Welt. Besonders schwer hatten es Frauen in diesen Ländern – und schreibende Frauen, die Djafari kennenlernte, noch mehr. Sie begriff: „Ich verstehe nichts.“ Sie beschloss, ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzumachen. „Ich wollte die Welt besser verstehen.“ 

1980 wählte die Frankfurter Buchmesse „Schwarzafrika“ als Gastland – und die junge Frau half, die Gäste zu empfangen. Der damalige Buchmessendirektor Peter Weidhaas und der spätere Leiter des Internationalen Forums der Buchmesse, Peter Ripken, gründeten 1980 die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika (Litprom). Und Djafari wurde bald Mitglied. 

Es war zu jener Zeit mehr als ungewöhnlich, den Blick aus Deutschland auf die Literatur anderer Kontinente zu richten. Pfarrer Alexander Kaestner von der evangelischen Christusgemeinde im Frankfurter Westend und seine Ehefrau Ingeborg riefen 1988 den LiBeraturpreis ins Leben – und verliehen ihn fortan jährlich in der Christuskirche. Djafari engagierte sich im zugehörigen Verein. „Die erste Preisträgerin war Maryse Condé“, erinnert sich die Bücherfrau – eine Schriftstellerin aus Guadeloupe auf den Antillen. 

Im Jahre 2009 wurde Djafari die Geschäftsleiterin von Litprom. Und seit sechs Jahren vergibt die Gesellschaft jetzt den LiBeraturpreis. Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, ist Präsident von Litprom. Und mit dieser Rückendeckung wandelte sich einiges. Seit 2017 verfügt der mit 3000 Euro dotierte Preis über einen Sponsor, einen Teeproduzenten. Er zahlt weitere 6000 Euro für Projekte im Heimatland der jeweiligen Preisträgerin. Zum Beispiel für Schreibwerkstätten.

Für die schreibenden Frauen, sagt Djafari, „hat sich ganz klar etwas verbessert“. Mehr Verlage als früher interessierten sich für die Bücher der Autorinnen. Nicht mehr nur kleinere Spezialisten wie Peter Hammer oder Union publizieren die Texte, auch große Publikumsverlage steigen ein. 
Und die Autorinnen, sagt die Litprom-Chefin, „sind keine armen Häschen, sondern gestandene Frauen meist aus gutbürgerlichen Schichten“. In diesem Jahr geht der LiBeraturpreis an die vietnamesische Schriftstellerin Nguyen Ngoc Tu. Aus der Begründung der Jury: „Das Mekong-Delta südlich von Ho-Chi-Minh-Stadt: Hier schippern Nguen Ngoc Tus Figuren über den Fluss, schließen Ehen und lassen sich wieder scheiden, verlassen einander und suchen sich später oft lebenslang. Sehnsuchtsvolle Geschichten – knapp und dicht erzählt.“ 

Am Samstag, 13. Oktober, wird der vietnamesischen Autorin für ihren Erzählband „Endlose Felder“ der Preis überreicht (16.30 Uhr, Halle 4.1 „Weltempfang“). Anita Djafari aber weiß, dass ihre Arbeit weitergeht. „Es gibt noch keine Gleichberechtigung von Autorinnen“, sagt sie knapp. „Ich bin noch nicht fertig hier.“ 

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