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Halloween in Los Angeles.

Bill Beverly

Ghettokinder auf Umwegen

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"Dodgers" heißt Bill Beverlys großer Roman über schwarze Drogengang-Jugendliche in den USA.

East, 15, kann nur beobachten. Aber was heißt hier nur? Zwei Jahre lang hat er „sein“ Haus damit schon sicher gehalten, den Umschlagplatz, für den er verantwortlich ist, auch die User, die ein und aus gehen. Dann erwischt sie eine Polizeirazzia – war East zu unaufmerksam, haben seine Wachen Dap und Needle versagt? – und dieses Drogenhaus von Boss Fin ist gestürmt, verloren. Aber East ist Blut von Fins Blut, so bekommt er, bekommen mit ihm sein psychopathischer kleiner Bruder Ty, der dicke schlaue Walter, der geschmeidige Großkotz und Spieler Michael Wilson einen neuen Auftrag: Fahrt quer durchs Land, nach Nordosten (fliegen hinterlässt zu viele Spuren) und tötet am Ende einen Richter, der dem großen Fin gefährlich werden könnte.

East war noch nie woanders als in L.A., jetzt sieht er Las Vegas, Iowa, Wisconsin. In Iowa sieht er „Häuser, wie Milchkartons in einsame Gegenden geschmissen“, in Wisconsin „Kiefern, nicht dünn und hungrig nach Feuer wie in Kalifornien“, sondern kompakt, wintererprobt, „die Zapfen an den Ästen groß wie Katzen“. East findet, es gibt hier viel zu viel zu sehen, Baum an Baum, Dunkelheit an Dunkelheit. Aber die Augen zu schließen ist auch keine Lösung. Er starrt und starrt. Und fröstelt und fröstelt.

Und dann sind sie da, am Ende, wo der Auftrag erfüllt werden muss.

Bill Beverly, geboren 1965, ist Dozent für amerikanische Literatur, war ein Jahrzehnt lang Herausgeber der Lyrik-Zeitschrift „32 Poems“, hat über die Lebensgeschichten krimineller Flüchtlinge geforscht. Erst 2016 erschien sein erster (und bisher einziger) Roman „Dodgers“ – für den er einen Gold Dagger, eine renommierte US-amerikanische Krimi-Auszeichnung erhielt. Aber eigentlich ist „Dodgers“ ein Roman, der auf andere Literaturpreislisten gehört, denn keine inhaltlichen oder sprachlichen Genreklischees dienen als Erzählkrücke, keine Effekthascherei und Actionspielerei; er ist geschrieben mit poetischer Präzision, atmosphärischer Dichte. Seine knapp 400 Seiten wirken schlank, sehnig. Satz um Satz zieht einen vorwärts. Aber manche liest man noch einmal, weil sie so fabelhaft passend sind, so tief gehen.

Gleich zu Anfang gerät ein kleines Mädchen draußen vor den Häusern in den Kugelhagel der Razzia. Sie wird getroffen, streckt einen Moment die Hände aus, legt sich dann einfach hin. Sie stirbt „rasch und sacht“.

Vieles passiert rasch in diesem Roman. Keine Zeit, sich zu entscheiden. Die Jungs haben ihre Strategien, Pläne, aber die Dinge laufen nicht so, wie sie laufen sollten – sind für diese schwarzen Ghetto- und Gangkinder mit weitgehend abwesenden Vätern nie geradeaus gelaufen. Es genügt nicht, clever, cool, abgebrüht zu sein in diesem Leben ohne Rückhalt und Gewissheiten, dafür mit Rassismus und Vernachlässigung. Irgendwann sitzt East vor einem College und sieht den Studenten zu: „Unbekümmert überquerten sie den Highway, und Autos fuhren ihretwegen langsamer. So sicher waren sie sich ihrer Welt.“

East ist der Wald in Wisconsin, ist sein eigener Killer-Bruder unheimlich. Schneeflocken sind ihm seltsam und fremd, Liebe ist ihm fremd. Bill Beverly erzählt von einem schwarzen Jugendlichen (wer hat sich übrigens das ganz unpassende Cover-Motiv mit den springenden weißen Beinen in weißen Turnschuhen ausgedacht?), der mit 15 schon stoisch und gehärtet ist (oder wenigstens so tut), der aber beobachten, genau sehen und auch verstehen kann. Der immer wieder versucht, einen neuen Deal mit einer Welt auszuhandeln, der er und sein Schicksal völlig gleichgültig sind. Und der weitermacht, obwohl er das weiß.  

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