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Mit gezielter Planlosigkeit

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Von: Sylvia Staude

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Unbehagliche Bretagne.
Unbehagliche Bretagne. © REUTERS

Er enttäuscht unsere Erwartungen an einen Serienmörder-Krimi und hat auch sonst manche Überraschung zu bieten: Matthias Wittekindts komplexer Kriminalroman „Ein Licht im Zimmer“.

Er ist klein, nicht schlank und er kauft sich, als es ihn bei einem November-Gastspiel in der Bretagne dauernd friert, einen roten Blouson. In dem macht er auf Zeugen und Verdächtige einen irgendwie doch professionellen Eindruck: „Der rote Blouson wirkte zwar sonderbar aufgebläht, aber irgendwie auch mutig und modern“, denkt ein bretonischer Schiffbauer bei seinem Anblick. Und: „Offenbar hatten sie einen Spezialisten angefordert.“

So würde man ihn eigentlich nicht nennen wollen, den Sergeanten Ohayon – eher ist er von einiger Unauffälligkeit. Aber in der Tat soll er im dritten Ohayon-Kriminalroman Matthias Wittekindts in einem wind- und meerumtosten Hafenort namens Bauge die Ermittlungen geradebiegen. Die Leiterin des kleinen Polizeireviers liegt in der Klinik, Depressionen, ihr Vater möchte sie aus der Schusslinie bringen.

Diskretion ist verlangt. Vor allem, da es in Bauge fremdenfeindliche Vorfälle gibt: Ein großes Strömungskraftwerk wird gebaut, die Arbeiter kommen aus China und sind hier praktisch kaserniert. Aber was auch immer in Bauge passiert, die Schuld daran bekommen immer die Chinesen. Auch der so genannte „Hammermörder“ soll einer von ihnen sein, obwohl man seit mittlerweile zwei Jahren kein Opfer mehr gefunden hat.

Wittekindt enttäuscht die Erwartungen an einen Serienmörder-Krimi, die alten, bisher nicht aufgeklärten Frauenmorde schiebt er an den Rand. Ohayon bekommt es vielmehr mit einigen halbwüchsigen Mädchen zu tun, sie bilden eine Clique, sie strampeln sich frei von ihren Eltern, sie verschwinden nach London, weil es dort cool ist. Eines kommt indessen zuhause zu Tode, ist verunglückt mit dem Rad, wurde angefahren von einem roten Auto. Ein Fall von Fahrerflucht, aber war es auch Mord?

Man möchte bei Wittekindts Romanen kaum von Handlungssträngen sprechen. Vielmehr wabern die Ereignisse und ihre Interpretation – und Ohayons Kolleginnen und Kollegen haben selbstverständlich ihre eigenen Deutungen und Vermutungen – gleichsam durch die karge bretonische Winterlandschaft.

Der 1958 in Bonn geborene Autor zurrt nicht alle Fäden fest. Nicht „Der Hammermörder“ heißt sein Krimi, sondern: „Ein Licht im Zimmer“. Manchmal könnte man meinen, sein Sergeant Ohayon ermittelt mit gezielter Planlosigkeit. Aber die Halsstarrigkeit der Menschen ist ihm vertraut (er selbst ist auch nicht gerade biegsam), ihre kleinen Intrigen und Lügen fühlt er mehr, als dass er sie durchschaut.

So lässt Matthias Wittekindt die Dinge gern in der Schwebe, nicht alle, aber viele. Er lässt seinen Sergeanten zum Beispiel schweigen und mit einem der Mädchen vor einem Adventskranz sitzen, Nadeln abbrennen, Rauch aufsteigen, von der Freiheit träumen, die die große Stadt doch einfach bieten muss. Im Laufe des Romans beginnt Ohayons Untergebener Rousseau zu denken wie sein Chef, nämlich: „Er entwickelte Interesse an der Komplexität dieser Vorgänge.“ Dem kann man sich als Leser anschließen.

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