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Zu wem bin ich geworden?

Hass und Gewalt als Krankheit zum Tode: Yasmina Khadras Roman "Die Schwalben von Kabul" erzählt vom Alltag unter dem Taliban-Regime

Von Joachim Hildebrandt

Es war einmal eine Zeit, da Kabul von den Taliban beherrscht wurde. Zu dieser Zeit war Kabul ständig von Staub umgeben. "Wenn sich am Abend die Sonne zurückzieht und ihre Strahlen mit verminderter Wucht von den Hügeln abprallen, dann ist Kabul dem Ersticken nahe", schreibt der Autor Yasmina Khadra. Als wenn sich ein Fenster aus der Hölle zum Himmel hin geöffnet hätte. Dann weht kein Wind mehr, die Luft ist ausgetrocknet und Staub bedeckt die Erde Afghanistans. Wenn dieser Staub aufgewühlt wird und in der Höhe stehen bleibt, greift er die Augen an und dörrt die Kehle aus. Der Geist der Menschen hatte sich verhärtet, und an Regenwasser glaubte niemand mehr. Die Schutzheiligen waren vernichtet worden und die Taliban trieben ihr grausames Unwesen im Land.

Khadra erzählt Geschichten von Menschen, die Erfahrungen gemacht haben, die ihre Ideen, Pläne und Prinzipien durchkreuzten, weil am Ende unaufhaltsam der Tod stand. Die Frau lebte nur im Schatten des Mannes oder der Familie sicher. Doch der Mann war dem zur Verzweiflung treibenden Geschehen, den sich täglich verschlimmerten Zuständen in Kabul, unmittelbar ausgesetzt und daher am ehesten gefährdet, darüber den Verstand zu verlieren. Wir können die vom Autor geschaffenen Figuren vor unseren Augen sehen. Figuren, die im Laufe des Geschehens eine Entscheidung treffen, die Abschied von ihrem bisherigen Leben bedeutet. Abschied von zu Hause oder dem Lebenspartner. Sie offenbaren neue, für ihre Welt absurde, ja befremdliche Züge. Doch keiner seiner Figuren fehlt es an psychologischer Stimmigkeit. Einerseits lässt der Autor in den Szenen, intensiv geschilderten Ereignissen und Dialogen die Fähigkeit des Dramatikers erkennen, andererseits können wir den Eindruck gewinnen, dass er uns ein orientalisches Märchen erzählen will.

Khadras Roman beginnt mit der erschütternden Szene der Steinigung einer Prostituierten. Mohsen, der einst in Kabul studiert hat, trifft beim ziellosen Umherwandern auf eine aufgepeitschte Menschenmasse, die gerade mit der Steinigung einer vermummten Frau in einer halben Meter tiefen Grube beginnt. Von kollektiver Hysterie angesteckt, ergreift er selber drei Steine, von denen einer die Frau am Kopf trifft, wo sich, an dieser Stelle, ein roter Fleck ausbreitet.

Am Abend fragt er seine Frau Zunaira: "Zu wem bin ich geworden?", nachdem er etwas tat, was er in seinem Leben nie für möglich gehalten hatte. Doch das war zu einer Zeit, als sich ein namenloser Fluch über der Stadt ausgebreitet hatte und stille Gewalt nur darauf wartete, den Zustand der Verwesung fortzusetzen, der mit dem Gestank verendeter Tiere am Straßenrand begonnen hatte. Dazu kamen öffentliche Hinrichtungen, die an der Tagesordnung waren. Als wenn das alles unabänderlich wäre und unaufhaltsam so fortdauern würde, dachte Mohsen.

Zumal sich die Menschen in dieser unendlichen Trostlosigkeit in der Gefahr befanden, jeden Moment in diese Leere, die Tod hieß, hinübergezogen zu werden. Durch Hinrichtung oder Krankheit. Die Erfahrung des nahenden Todes bedeutet für Khadras Figuren, an einer Entscheidung konsequent festzuhalten, unwiderruflich zu ihr zu stehen. Die Figuren enden in der Transzendenz des Nichts, in der Leere, und letztlich herrscht Totenstille. In den Fragmenten von Novalis finden wir den Satz, ein gestorbener Mensch sei "ein in absoluten Geheimniszustand erhobener Mensch". So hat es der Autor als seine Aufgabe verstanden, den nicht enden könnenden Versuch des Menschen, sich selber zu verstehen, mit künstlerischen Mitteln darzustellen.

Die Taliban verboten den Frauen den Schulbesuch, das Arbeiten als Beamtin, verwehrten ihnen Sport und Musik. Obgleich einige der Gotteskrieger ein paar Koranverse kannten, konnten die meisten von ihnen weder lesen noch schreiben. Ein Koranvers dürfte vielen von ihnen unbekannt geblieben sein: "O ihr Menschengruppen ... Wir erschufen euch von einem Mann und einem Weib, und wir machten euch zu Völkern und Stämmen, auf dass ihr einander kennet" (Sure 49, Vers 13).

Khadras Sprache ist einfach, direkt und kraftvoll. Immer wieder stellt er verschiedene Raubvögel, zum Beispiel Falken, die ständig über dem Geschehen kreisen und nur darauf warten, auf ihr Opfer niederzusausen, den Schwärmen kraftloser Schwalben in Blassgelb oder Blau gegenüber. Als Mohsen zehn Jahre alt war, besetzten die Sowjets das Land und bereiteten seiner unbeschwerten Kindheit ein jähes Ende. "Gepanzerte Raubvögel" überzogen den afghanischen Himmel und Schwalben zerstoben erschrocken im "Ballett der Fernlenkgeschosse". Der Krieg war da und hat Kabul seitdem nicht mehr verlassen.

Seine Frau Zunaira ist eine aufgeklärte Muslimin, weshalb sie den Schleier, den sie tragen soll, verflucht: die Tschadri, die sie nicht mehr ein menschliches Wesen, sondern nur noch ein Schandfleck sein lässt, den man wie ein Gebrechen verstecken muss. Als ehemalige Anwältin und Frauenrechtlerin ist sie voller Verachtung für ihre Erniedrigung und ihr Eingesperrtsein in dem "wandelnden Zelt", wie sie es nennt.

Atiq, Gefangenenwärter und Kriegsveteran, hat sein Lachen verloren und sein Herz ist verschlossen. Seine Frau Mussarat ist mit 45 Jahren todkrank und sie weiß, dass es für sie keine Rettung gibt. Doch er verstößt sie nicht, wie alle ihm raten. Als er eine Gefangene zu beaufsichtigen hat, verschlägt es ihm aufgrund ihrer betörenden Schönheit den Atem und er spürt für einen Moment Hoffnung in seinem trostlosen Leben. Mussarat begreift, dass er sie am liebsten retten würde, denn durch sie hat er wieder zu lieben begonnen. "Nimm sie bei der Hand und geh weg mit ihr!" rät sie ihm. "Hör auf dein Herz, um das Glück zu packen, das dir endlich lächelt!"

Die Macht des Bösen kann, wie in einem orientalischen Märchen, mit der Liebe besiegt werden. Aber in einer absurden, aberwitzigen Situation, in einem Land, wo Krieg herrscht, der doch ein Ungeheuer ist und dessen Kinder nichts anderes als Krieg und todbringende Waffen kennen, gibt es kein Bedauern, keine Begnadigung, sondern nur pure Willkür. Yasmina Khadra schildert, wie Menschen in Verzweiflung und Angst es trotzdem wagen, eine Entscheidung zu treffen, die auf einer Herzensentscheidung beruht.

Sein Erzählen ist Zurückschauen. Es ist wirklichkeitsnah, versöhnt und richtet nicht, nicht einmal dort, wo die Menschen unter einem Regime des Terrors schuldig geworden sind. Der von Regine Keil-Sagawe ins Deutsche gebrachte Roman führt uns die Zerrissenheit einer islamischen Gesellschaft klar und hellsichtig vor Augen.

Yasmina Khadra: Die Schwalben von Kabul. Roman. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Aufbau Verlag, Berlin 2003, 158 Seiten, 17,50 €.

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