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Straßen, Häuser: Wie sein Alter Ego Bernardo Soares ging Fernando Pessoa (1888 - 1935) täglich dieselben Wege ins geliebte und gehasste Büro
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Straßen, Häuser: Wie sein Alter Ego Bernardo Soares ging Fernando Pessoa (1888 - 1935) täglich dieselben Wege ins geliebte und gehasste Büro

Die Gewissheit des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Ein portugiesisches Zettelmeer: Fernando Pessoas "Buch der Unruhe" in einer neuübersetzten, erweiterten Ausgabe

Von Nicole Henneberg

Jeden Morgen verlässt ein schmaler, etwas gebeugter Mann seine bescheidene Wohnung, geht aufmerksam beobachtend durch die Rua dos Douradores ("Straße der Vergolder"), in der er jeden Bewohner und jeden Ladenbesitzer genau kennt, wenn er auch noch nie ein Wort mit ihnen gesprochen hat, und betritt schließlich seufzend die Stätte seiner alltäglichen Qual: ein typisches Geschäftshaus, in dem er als Hilfsbuchhalter arbeitet. Sein jovialer Chef Vasques erwartet ihn schon, während der Dienstmann in einer Ecke des hohen Raumes wie jeden Morgen mit dem Packpapier raschelt. Seufzend und gleichzeitig beruhigt tritt der Angestellte an sein hohes Schreibpult, um in Schönschrift endlose Zahlenkolonnen in das Hauptbuch einzutragen. Alle Erfindungen, Eroberungen und Dichtungen der Welt, so stellt er sich vor, haben zwischen ihnen Platz, denn noch niemand hat ihren Wert angemessen katalogisiert.

Er liebt und hasst sein Büro - es ist Kerker, weil es ihn von seinem wahren Leben, dem Schreiben, abhält, und sehnsüchtig folgt er mit den Augen einem Sonnenstrahl, der durchs Zimmer wandert und sich schließlich zum Fenster hinausstiehlt. Aber der stille Raum mit den immergleichen Gesichtern schützt ihn auch vor dem Würgegriff seiner Träume und Phantasien; es kann in stillen Momenten sogar vorkommen, dass in einem banalen Detail - einer sonderbar geformten Wolke am Himmel, dem freundlichen Blick seines Chefs oder einer Fliege, die ängstlich über sein Pult wandert - das unwandelbare Gesetz des Lebens aufscheint: Unsere Empfindungen und Vorstellungen sind die einzige sinnliche Gewissheit, die wir haben.

Der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares ist ein Alter Ego des wohl größten, modernen Schriftstellers Portugals, Fernando Pessoa. Auch er lebte bescheiden und zurückgezogen, arbeitete als Handelskorrespondent und richtete sein Leben ganz aufs Schreiben aus - seinen frühesten (erhalten gebliebenen) Text verfasste er 1895, im Alter von sieben Jahre. An seinem Buch der Unruhe, 1914 erstmals in einem Brief erwähnt, hat Fernando Pessoa mit Unterbrechungen zwanzig Jahre lang gearbeitet; und nur in den letzten beiden Jahren seines Lebens trat der Gedichtband Mensagem (Botschaft) in den Vordergrund, der das einzige zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Buch bleiben sollte. Daneben erschienen Gedichte und die Zeitschrift Orpheu, die auf die portugiesische Literatur, obwohl nur zwei Nummern erschienen, eine gewaltige Wirkung ausübte.

Es war die Zeit von Pirandello und Kafka, also der zweite Schritt der klassischen Moderne, mit dem sie sich vom Diktat der Traumkunst befreite, um bei der geträumten Soziologie anzukommen: Pessoa sah sich als "Nervenmaschine", die wie ein Seismograph die feinsten Empfindungen registrieren und mitteilen wollte, und entzog sich deshalb soweit wie möglich dem banalen, tätigen Leben, ohne es doch aus den Augen zu verlieren. Davon zeugt das aus Fragmenten, Aphorismen, Kurzessays und Szenen komponierte Buch der Unruhe, mit dem er seine geplante Gesamtausgabe eröffnen wollte: ein gewaltiges Schreib- und Denktagebuch, in dem Pessoa immer wieder frisch ansetzend und umformulierend seine innere Bühne entwirft. Aber erst jetzt - der portugiesischen Originalausgabe folgend um fast die Hälfte erweitert und in der komplett neuen, sachlicheren Übersetzung von Inès Koebel - gibt sich das riesige Textkonvolut als die radikal moderne Versuchsanordnung zu erkennen, als die sie gedacht war.

Der frühere Übersetzer, Rudolf Georg Lind, hatte sich sowohl in der rigiden Auswahl und Anordnung der Fragmente als auch in der Übersetzung von seinem Verständnis des Leserinteresses leiten lassen: eine angenehme und stringent aufgebaute Ausgabe wollte er bieten, deren Hauptgewicht auf den späteren, das heißt nach 1930 entstandenen Texten lag - denn diese hielt er für die wichtigeren. Die frühen, noch symbolistisch geprägten Teile, die Pessoa dem fiktiven Ich Vincente Guedes zusprach, schienen Lind stilistisch allzu tastend und inhaltlich preziös. Ebenso waren offensichtlich unfertige oder abgebrochene Notate vernachlässigt worden - zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt, lassen sich doch gerade an ihnen, wie auch an den Wiederholungen, die Suchbewegungen in Pessoas Schreiben studieren.

Das Spiel mit verschiedenen Stilen und Schreibhaltungen ist eine der wichtigsten Eigenheiten des großen Portugiesen; es führte sogar zu unterschiedlichen Handschriften, wie der Herausgeber Richard Zenith erzählt, der jahrzehntelang an der Entzifferung des Nachlasses gearbeitet hat (und dies heute noch tut). Schier unerschöpflich scheint die gewaltige, in der Nationalbibliothek von Lissabon wie ein Schatz gehütete Übersee-Kiste zu sein, in der Pessoa seine Notate und Texte verstaute. Nach seinem Tod im Jahr 1935 fanden sich völlig ungeordnet tausende von teils handschriftlichen, teils getippten Zetteln und Seiten darin, von denen nur die wenigsten datiert waren. Sie dienten als Gerüst für die chronologische und thematische Ordnung der vorliegenden Ausgabe.

"Was anderes ist Kunst, als die Verneinung des Lebens?" schrieb Pessoa, und verwandelte umgekehrt sein Schreiben in Leben, indem er verschiedene literarische Persönlichkeiten samt detaillierter Biographie erfand, seine Heteronyme, die er in Literaturzeitschriften heftige Leserbriefkämpfe aufführen ließ. Pessoas selbst geschaffene geistige Familie war äußerst vielseitig und reichte von Ricardo Reis, der heidnische Oden schrieb, über den anglophilen Alvaro de Campos, der Piratengesänge liebte und sich als Erbe Walt Whitmans verstand und den radikalen Symbolisten Vincente Guedes bis zu dem sanften, melancholischen Bernardo Soares; eine "leichte Verstümmelung" seiner selbst nannte ihn Pessoa: weniger denkfähig, dafür emotionaler und poetischer.

In der härteren und klareren Sprache, in die Inès Koebel die Texte gebracht hat, zeigt sich Soares als ganz unsentimentaler, stellenweise sogar grausamer Beobachter seiner selbst. An düsteren Tagen beschimpfte er sich als lebensunfähig; seine Literatur als wirkungslos und vergeblich. Meist aber adelt er den Träumer zum wahrhaft tätigen und moralischen Menschen, der sich die Welt um den Finger wickelt, "wie eine Frau spielerisch versonnen an ihrem Fenster einen Faden oder ein Band". Die Welt - das waren die Leute in den kleinen Restaurants der Unterstadt von Lissabon, die Händler auf den Straßen, die Passagiere der Straßenbahn, die er beobachtet wie ein verträumter Soziologe.

Hinter einem geschmackvollen Stoff erscheint ihm die zugehörige Textilfabrik samt den emsigen Näherinnen, dem Lohnbüro und den Hauptbüchern, in denen alle Geschäftsbewegungen verzeichnet sind. So gehe es ihm immer, klagt Bernardo Soares: Traum und Wachen flössen zu einer schwebenden Aufmerksamkeit zusammen, die alles aufnehme und Banales behandle wie ein Welträtsel. Aber er kann beruhigt sein - denn sein Autor ist ein Meister darin, großartig bescheidene Bilder dafür zu finden: "So bin ich. Wenn ich denken will, sehe ich. Wenn ich in meine Seele hinabsteigen will, bleibe ich plötzlich an der Treppenspirale nach unten stehen und betrachte durch das Fenster des letzten Stockwerkes selbstvergessen die Sonne, die mit ihrem Abschiedsrot die weite Landschaft der Dächer tränkt."

Spöttisch weist Bernardo Soares alias Fernando Pessoa den Leser auf seine Inkonsequenz und Empfindsamkeit hin; so harsch, dass man nicht mehr in die Versuchung kommt, diesen Autor nur als den sanft-traurigen Erzähler Lissabons anzusehen. Er führt seine mitunter bis an die Grenze des Pathologischen ausgespielten Masken und Schreibhaltungen vor: den larmoyanten Liebenden, das greinende Kind, den preziösen Bewohner des Elfenbeinturms, den Underdog; kaltlächelnd lässt er damit die Einheitlichkeit des Ichs zersplittern wie einen herabfallenden Eiszapfen.

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