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Würzburg im März 1945, die Pfarrkirche Peter und Paul.
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Würzburg im März 1945, die Pfarrkirche Peter und Paul.

Andreas Kollender "Kolbe"

Aus Gewissensgründen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Der Spion im Auswärtigen Amt: Andreas Kollenders verdienstvoller Roman über Fritz Kolbe, der Geheimdokumente der Nazis zu den US-Amerikanern schaffte.

Die Romanfigur Fritz Kolbe sagt „Hei Hitler“, um nicht „Heil Hitler“ sagen zu müssen, der fehlende Buchstabe fällt akustisch ja nicht weiter auf. Der reale Fritz Kolbe, Beamter im Auswärtigen Amt in Berlin, fiel auch nicht weiter auf, glücklicherweise. Denn er war im Zweiten Weltkrieg unter dem Decknamen George Wood der vielleicht wichtigste deutsche Spion für die Alliierten – obwohl er in dieser lebensgefährlichen Tätigkeit blutiger Laie war, als er 1943 anfing, militärische und andere Unterlagen in die Schweiz und dort zum amerikanischen Nachrichtendienst zu schmuggeln. Er tat es, weil er davon überzeugt war, dass das Hitler-Regime durch eine möglichst schnelle Niederlage gestoppt werden müsse. Er tat es aus Gewissensgründen.

Der eigentliche Skandal war, dass Fritz Kolbe (1900 - 1971) nach dem Krieg nicht rehabilitiert und nicht weiterbeschäftigt wurde (dass wohl aber Nazis wieder in allerlei Ämtern unterschlüpfen konnten). Erst Joschka Fischer würdigte ihn in seiner Zeit als Außenminister, benannte im Auswärtigen Amt einen Saal nach ihm. Die biografischen Angaben auf der Internet-Seite der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ enthalten auch die Sätze: „Nach dem Krieg arbeitet er zunächst für die amerikanische Militärregierung in Berlin und ist später in der Privatwirtschaft tätig. Seine Bemühungen, nach der Wiederbegründung des Auswärtigen Amtes 1951 in den diplomatischen Dienst zurückzukehren, scheitern.“ Kolbe lebt später in der Schweiz, er wurde in Bern beerdigt.

2005 erschien eine Biografie eines französischen Journalisten, Lucas Delattre, auf sie bezieht sich ausdrücklich der Schriftsteller Andreas Kollender, der seinen Spionagethriller schlicht „Kolbe“ nennt. Der originale Fritz Kolbe muss recht farblos gewesen sein; Kollender lässt ihn eine leidenschaftliche Liebe erleben – Passagen, die bisweilen dann doch dem Kitsch zu nahe kommen.

Das Lauern im Amt

Überzeugend zeichnet Kollender dagegen die klaustrophobische und bedrohliche Atmosphäre im Auswärtigen Amt, das Lauern, ob der Mann im Büro nebenan es auch ja nicht an Respekt gegenüber den Vorgesetzten fehlen lässt. Und dann die Fahrten in die Schweiz, in offizieller Mission, aber mit Abschriften geheimer Dokumente, die Kolbe fest um seine Waden bindet. Das Jucken, das Schwitzen, die Angst vor jedem Rascheln, das auf die Papiere aufmerksam machen könnte.

Kolbe ist kein strahlender Held; aber seine Anständigkeit treibt ihn an, selbst wenn er fürchtet, dass sein Körper seine Panik verraten könnte: Dieses Regime muss den Krieg verlieren. Daran zweifelt er nur in Momenten, in denen ihm das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung schrecklich nahegeht. Oder ein Freund stirbt, weil er, Kolbe, den Standort eines deutschen Geheimsenders in Irland an die Amerikaner verraten hat.

„Er machte sich keine Illusionen mehr, dass die Amerikaner jegliche Zusammenarbeit mit subalternen Nazis verweigern würden, aber Männer wie Gehlen würden sie ins Gefängnis stecken“, denkt der Roman-Kolbe, da ist der Krieg fast vorbei. 1956 aber wurde Reinhard Gehlen, für Hitler Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost, Gründungspräsident des Bundesnachrichtendienstes, 1968 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.

Andreas Kollender: Kolbe. Pendragon, Bielefeld 2015. 448 S., 16,99 Euro.

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