Kriminalroman

Wer gewinnt, kriegt das Gewehr

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„Krumme Type, krumme Type“, ein origineller Kriminalroman von Tom Franklin, erzählt von einer Jugendfreundschaft.

Larry Ott ist Besitzer einer vom Vater geerbten Autowerkstätte. Er ist ein guter Mechaniker, ein sehr guter sogar, aber er hat fast keine Kundschaft, denn er ist in Chabot, Mississippi, auch bekannt als „Scary Larry“, der gruselige Larry. Als 16-Jähriger ging er ein einziges Mal mit Cindy Walker aus, ins Autokino, nach dieser Nacht war und blieb sie verschwunden. Nie fand man ihre Leiche, aber der Verdacht, dass er ein Mörder ist, haftet noch 25 Jahre später an Larry. Er lebt abgeschieden und allein, er hat nicht mal im Ansatz das, was man Kumpels nennen könnte – und Silas Jones, der immerhin so eine Art Jugendfreund war und jetzt Polizist ist, schaut inzwischen stur geradeaus, wenn er an Larrys Werkstatt vorbeikommt.

„Crooked Letter, Crooked Letter“ heißt Tom Franklins Roman nach einer Eselsbrücke, mit der man Kindern in Mississippi beibrachte, mit wie vielen „s“ ihr Heimatstaat geschrieben wird. Als „Krumme Type, krumme Type“ hat nun der Berliner Verlag Pulp Master den Roman vom fabelhaften Nikolaus Stingl aus dem Englischen übersetzen lassen.

Es ist nicht so, dass Tom Franklin auf die Krimihandlung pfeift – eine andere junge Frau ist just verschwunden, auf Larry wird geschossen, Vergangenes wird also wieder aufgewühlt –, aber es ist dem Autor um einiges wichtiger, von der Zeit zu erzählen, in der Larry und Silas sich trotz aller Widrigkeiten kennenlernten und irgendwie auch mochten.

Der weiße Junge soll sich mit dem schwarzen Jungen gar nicht abgeben, aber das Verbot des Vaters wird ignoriert. Denn schon vor dem Fall Cindy Walker hatte Larry nicht eben viele Freunde – hatte eigentlich nicht mal einen Schulfreund, war stattdessen das Opfer von Hänseleien. So riskiert der Junge den furchtbaren Zorn seines saufenden Vaters Carl, indem er eines der Gewehre aus dem Waffenschrank an Silas weitergibt (der sich damit gut anstellt, vielleicht führt das zu seinem späteren Beruf). Carl, der Sadist, lässt die beiden Kinder sich darum prügeln, als er es herausfindet: „Weißer gegen Farbiger. Derjenige, der gewinnt, kriegt das Gewehr.“ Die Jungs wollen nicht, wollen wirklich nicht und müssen sich doch schlagen.

Die Freundschaft der beiden – der eine vaterlos aufwachsend, der andere vom gewalttätigen Vater bedroht –, wird umso prekärer. Tom Franklin beschreibt, wie Larry und Silas sich fast immer zögernd begegnen. Rassismus umgibt sie so selbstverständlich wie die Luft, die sie atmen, sie können miteinander eigentlich gar nicht unbefangen sein.

Als Macht- und Wohlstandsgefälle stellt Franklin, sehr nuanciert, das Verhältnis weißer und schwarzer Bürger dar. Da nimmt man die armen, an der Straße frierenden Schwarzen mal im Auto mit, dann nimmt man sie nicht mehr mit. Da gibt man ihnen gönnerhaft eine alte Jacke und findet dann, sie können ja doch zu Fuß gehen. Auch der Polizist Silas Jones kennt im 21. Jahrhundert noch alle Spielarten von Diskriminierung.

Tom Franklin legt seine Spannungskarten raffiniert spät auf den Tisch; gleichzeitig führt er so ausführlich, bildhaft und berührend in die Vergangenheit, dass man zwischendurch fast vergisst, dass es noch keine Krimi-Auflösung und fast keine Schilderungen der Ermittlungstätigkeit gab. Allemal – und auch aus aktuellem Anlass – muss einem aber auffallen, dass sich in Jahrzehnten in den USA bei weitem nicht genug verändert hat.

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