+
Buchpreis-Trägerin Felicitas Hoppe.

Leseangebot zur Buchmesse

Das Gewicht der Lüge

  • schließen

Zur Eröffnung von „Open Books“ in der Deutschen Nationalbibliothek.

Zur Eröffnung des messebegleitenden innerstädtischen Leseangebots „Open Books“ in der Deutschen Nationalbibliothek ging es sofort wieder um den Nobelpreisträger Peter Handke. Und wenn es nicht direkt um Peter Handke ging, ging es doch um den unendlichen Spielraum von Literatur und darum, wie man damit verfährt. Lüge, Täuschung im Gegensatz zu Erfindung, Übertreibung. Er lüge nicht, er übertreibe und erfinde, zitierte nämlich Luzia Braun (in diesem Jahr zum letzten Mal auf dem Blauen Sofa) die Großmutter des Buchpreisträgers Saša Stanišic im nun ausgezeichneten Buch „Herkunft“. Handke aber, so Stanišic, „leugnet und er weiß, dass er leugnet“. Durch Fragen entkräfte er, was einfach erwiesen sei. Wenn Handke in Frage stelle, dass es Leichen in der Drina gebe, und es aber Leichen in der Drina gebe – und die Angehörigen und die Überlebenden –, wiege das schwer, habe diese Lüge ein Gewicht, sei keine Lappalie (denn auch Lappalien gebe es beim Lügen, eine beiläufige Bemerkung, die eigentlich nicht in Klammer gehört). Denn auch Lappalien gebe es beim Lügen.

„Ist halt nur der Balkan, da kann er das machen“, sagte Stanišic schließlich gegen seine Gewohnheit ganz zynisch, aber selbst das nicht einmal unangemessen, denn wir, das Publikum, so der Buchpreisträger, sollten doch bitte für einen Moment an Sachen denken, die uns näher seien. Er ahnte sicher nicht, was für ein geeigneter Ort die Nationalbibliothek mit ihrer Dauerausstellung zum Exil dafür ist. Der Umfang jedenfalls, in dem solchen Worten praktisch nichts entgegenzusetzen ist, breitet sich allmählich aus und es entsteht eine riesige Leerstelle. Indem Stanišic übrigens selbst sogar noch eine Relativierung anbot – natürlich sei es seine Stadt (Višegrad), sei es sein Leben (1978 dort geboren) –, machte er seine Position eher stärker. Damit ist der vernunftbegabte Mensch hoffentlich längst fertig, Erinnerung und Anklage den Opfern zu überlassen.

Seine Eltern in Višegrad, wo heute die große Mehrheit der Bevölkerung serbisch ist, hätten ihm am Telefon gesagt, er solle endlich aufhören, über den „Scheiß-Handke“ zu reden, sagte Stanišic noch vorab. „Herkunft“ ist ein Frühjahrstitel – wie stehe er denn zum Buch, so viele Monate später? Man arbeite ständig weiter, so der Autor. Von Auflage zu Auflage werde es immer besser.

Für alle Stanišic-Leser dieser Welt bekannte Luzia Braun ferner, dass sie anfangs natürlich geglaubt habe, alles im Buch sei auch genau so passiert. Interessant, dass gleich noch ein Schriftsteller auf dem Sofa Platz nahm, der ebenfalls deutlich autobiografisch schreibt, aber nicht unbedingt mit der Figur „David“ aus „Der vergessliche Riese“ verwechselt werden sollte.

Jedenfalls hielt sich David Wagner in dieser Frage im Gespräch mit Sonja Vandenrath bedeckt, auch wenn er von seinem Vater sprach. Dessen Demenz habe er nicht so sehr als Krankheit schildern wollen. Vielmehr habe ihn die Veränderung in der Wahrnehmung interessiert (ein Leben, in dem es allein die Gegenwart gibt), außerdem die dadurch völlig veränderte Vater-Sohn-Beziehung. „Ich versuche Stoffe zu formen aus dem, was mir das Leben anbietet, manchmal muss man etwas nachhelfen“, sagte Wagner zum Thema Schreiben & Wahrheit.

Wohingegen Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe erklären könne, dass ausgerechnet Märchen knallhart realistische Texte seien, Zukunftstexte auch, indem das „Tischlein, deck dich“ die „Smart Kitchen“-Konzepte vorausgenommen habe. Im Gespräch mit Dorothea Westphal konnte sie als einzige ihr Buch hemmungslos loben, weil „Grimms Märchen für Heldinnen von heute und morgen“ ja nicht von ihr geschrieben, sondern ausgewählt wurden. Zahllose Themen der Zeit, freiwillige und unfreiwillige Mobilität, Krieg, prekäre Verhältnisse, aber auch ungewollte Kinderlosigkeit seien hier zu finden, verkraftbar allein durch die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit des Erzählverfahrens.

Dass man ein unverständliches Raunen in Deutschland gerne für Tiefgang hält, kam schließlich bei Joachim Gauck zur Sprache, dem ehemaligen Bundespräsidenten, der mit Gert Scobel über sein Buch „Toleranz“ sprach. Die Wahl Trumps sei ihm wie ein Menetekel erschienen für die zunehmende Verfeindung verschiedener Milieus. Er könne die Verdammung der schwarz-rot-goldenen Farben nicht nachvollziehen (gut, dass es den Fußball gebe), aber ebenso wenig die irrsinnige Vorstellung, die Vielfalt in Deutschland könne reduziert werden.

Als Bundespräsident sei er im übrigen von Amts wegen die „geborene Instanz der politischen Korrektheit“ gewesen. Andererseits habe er gegenwärtig schon gelegentlich Probleme mit dem „Betreuten Sprechen“, wie er es spöttisch nenne. Auch Scobel scherzte sogleich (es gebe ja auch das „Betreute Denken“), während man selbst vielleicht daran denken musste, dass sich solcherlei soziale Angebote doch immer nur an die richten, die es brauchen.

„Open Books“: bis 19. Oktober. openbooks-frankfurt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion