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Selbstgeißelung eines Büßers im süditalienischen Nocera Terinese.
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Selbstgeißelung eines Büßers im süditalienischen Nocera Terinese.

Volkskunde

Wie Gewalt (nicht) entsteht

Thomas Hauschild balanciert in seinem Buch "Ritual und Gewalt" zwischen süditalienischen Riten und Osamas Gewändern. Von Oliver Pfohlmann

Von OLIVER PFOHLMANN

Empiriker sind die unzeitgemäßen Anwälte der buntscheckigen Wirklichkeit: Stoisch halten sie den Eins-Dreißig-Prophezeiungen mediengeiler Pseudoexperten ihr ernüchterndes Wissen um die reale Vielfalt entgegen. Statt steile Thesen zu prägen, stoßen sie über den Vergleich auf überraschende Gemeinsamkeiten oder irritierende Unterschiede.

Was das heißt, kann man an Thomas Hauschilds Untersuchung zum Thema "Ehrenmorde" ersehen. Migranten aus Südosteuropa oder aus islamischen Ländern, die hierzulande ihre plötzlich lebenslustig gewordenen Frauen umbringen, tun dies, wie man zu wissen glaubt, aufgrund eines Ehrenkodex, den sie aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Wirklich? Ethnologen wie Hauschild haben im Mittelmeerraum nach diesem Ehrenkodex gesucht, ihn aber nicht gefunden. Was sie statt seiner entdeckten, ist eine verwirrende Fülle von sozialen und verwandtschaftlichen Regeln, Ritualen und Praktiken, die dem Einzelnen vor Ort je nach den lokalen Gegebenheiten und Traditionen alles Mögliche erlauben oder verbieten und die bei Bedarf von der Gemeinschaft auch schon mal ganz neu und verblüffend modern ausgelegt werden können.

Der in Halle lehrende Volkskundler kommt daher zu dem Schluss, dass es sich in Wahrheit genau umgekehrt verhält: "Ehrenmorde" im Westen werden nicht durch aus der Heimat mitgeschleppte Traditionen verursacht. Vielmehr sind sie ein Symptom dafür, dass den Zuwanderern im Westen gerade jene Familienbeziehungen und Traditionen fehlen, die ihnen in ihrer Heimat Halt und Orientierung gaben. Der autoritär-gewalttätige Machismo Einzelner wäre somit eine verzweifelte Antwort auf diese Krise von entwurzelten, unter schwierigen ökonomischen Bedingungen lebenden Migrantenfamilien.

So weit, so einleuchtend. Nur leider stehen die empirischen Sozial- und Kulturwissenschaften heute unter einem Legitimations- und Publikationszwang, der ihren Arbeiten nicht immer gut tut. Hauschilds Beobachtungen zum Thema "Ehrenmord" bilden das Schlusskapitel eines aus verschiedenen Aufsätzen notdürftig zusammengeflickten Buches, das viel verspricht, aber wenig hält, und sich zudem, ohne Rücksicht auf die Lesbarkeit, fortwährend in innerethnologische Grabenkriege verstrickt, die dem Publikum jenseits der Fachgrenzen herzlich egal sein können.

Dabei soll "Ritual und Gewalt" nicht weniger sein als die Antwort der Ethnologie auf die Frage nach dem Terrorismus islamistischer Fanatiker. Schließlich habe es den Intellektuellen seit den Anschlägen von New York "die Sprache verschlagen", seien sie unfähig, "die Herausforderung in der Tiefe zu begreifen", habe eine "große Koalition des Vergessens" dafür gesorgt, Gemeinsamkeiten zwischen El-Kaida-Attentätern und den eigenen Terror-Sprösslingen (RAF, Weathermen usw.) zu ignorieren.

Hinter Osama bin Laden glaubt Hauschild nicht weniger als eine "an die außerparlamentarische Opposition der 1960er Jahre erinnernde globale Jugendbewegung" zu erkennen. Die sich aber schon jetzt in einem "schleichenden Prozess der Entzauberung" und Befriedung befinde, durch den sie, wie jede Protestbewegung vor ihr, am Ende zu einer zivilgesellschaftlichen Strömung werde (quasi nach dem Schema: von der RAF zu den Grünen). Schade nur, dass sich Hauschild, der in mikrosoziologischen Langzeitstudien lokale Alltagskulturen und -praktiken mediterraner Gesellschaften erforscht, mit dieser Bewegung, die der Forschung, anders als sich in pakistanischen Höhlen versteckende Topterroristen, durchaus zugänglich sein sollte, gar nicht beschäftigt.

Und bestenfalls oberflächlich mit Vertretern des so genannten "Homegrown"-Terrorismus wie die im letzten Jahr gerade noch rechtzeitig aus dem Verkehr gezogenen Hobbychemiker aus dem Sauerland. Statt dessen kramt er seine (an sich durchaus faszinierenden) Studien aus den achtziger Jahren aus der süditalienischen Provinz Basilicata hervor, die Hauschild bereits 2003 in "Magie und Macht in Italien" vorgestellt hat. Was aber hat der dort praktizierte San Donato-Kult, mit dem verzweifelte Mütter epilepsiekranke Kinder zu heilen versuchen, was haben die bizarren Kotz-, Tränen- und Speichelriten der Magier und Heiler aus dem italienischen Dorf Ripacandida mit El-Kaida zu tun? Was folgt daraus, dass sich Osama bin Laden und seine Jünger gern in fließende, Reinheit und körperliches Schweben suggerierende Gewänder kleiden, genauso wie es auch süditalienische Geistliche und Priester und Sektierer jeglicher Couleur auf der ganzen Welt tun? Dass desorientierte junge Männer aus Migrantenfamilien charismatischen Vaterfiguren auf den Leim gehen, wie Hauschild, gestützt auf El-Kaida-Videobotschaften oder die "Geistliche Anleitung" Mohammed Attas, aufzeigt, ist jedenfalls nicht gerade eine umstürzende Erkenntnis.

Bedenkenswert dagegen scheint die These des Ethnologen, dass lokale Kulte und Rituale entgegen der landläufigen Ansicht gerade ein zivilgesellschaftliches Potenzial gegen fundamentalistischen Terrorismus darstellen, der eben nichts Archaisches, sondern ein höchst modernes Phänomen ist und lokale Kulte eher als Bedrohung begreife. Nach Hauschild habe der Anschlag auf die Synagoge von Djerba nicht nur auf deutsche Touristen gezielt, sondern auch auf ein nur dort seit Jahrhunderten von jüdischen, christlichen und moslemischen Frauen praktiziertes Fruchtbarkeitsritual. Fragt sich nur, wie dieses Befriedungspotenzial der Rituale geweckt werden kann.

Thomas Hauschild: Ritual und Gewalt. Ethnologische Studien an europäischen und mediterranen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag 2008, 260 S., 24,80 Euro.

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