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Bemaltes Mauerstück an der Berliner "East Side Gallery".

Birk Meinhardt

Gestrauchelt und aufgestanden

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Birk Meinhardts Nachwenderoman "Brüder und Schwestern 1989-2001".

Erik kann sich endlich die Mauer von der verbotenen Seite anschauen, da geht sie auch schon auf. Sein Bruder, der Binnenschiffer Matti, der im Westen einen Roman veröffentlicht hatte, muss sich dafür nicht mehr rechtfertigen und legt bald noch ein Buch nach. Für ihre Schwester Britta, die gerade noch mit ihrer hübschen Tuch-Nummer nicht nur Kinder, sondern auch Männer in den Zirkus lockte, endet das Hamburger Gastspiel im Fiasko. Mit solchen Geschichten löst Birk Meinhardt die letzten zwei Worte seines Romans „Brüder und Schwestern“ ein, auf dessen Seite 700 steht: „wird fortgesetzt“.

Der Roman war vor vier Jahren nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Es ist ein wuchtiges Werk mit weitem Erzählbogen von den siebziger Jahren bis zum Ende der achtziger: Eingefangen ist der Alltag einer Familie in der thüringischen Provinz, wo die DDR-Politik genauso hinkam wie nach Berlin.

Für das neue Buch hat der Autor denselben Titel gewählt, ergänzt um die Jahreszahlen „1989-2001“. Diesmal ist auf Seite 670 vermerkt: „Ende“. Meinhardt stellt seine Figuren also in ein ganz besonderes Jahrzehnt. Die DDR ging zu Bruch, schloss sich nach Volkes Wille via Einigungsvertrag der Bundesrepublik Deutschland an. Damals änderte sich eine gesellschaftliche Ordnung von Grund auf in der Verwaltung, in der Wirtschaft und Bildung. „Brüder und Schwestern 1989-2001“ übersetzt den gesellschaftlichen Umbruch in einzelne Schicksale. Ein alles überblickender Erzähler schaut Matti, Erik, Britta beim Leben zu und beschweigt lange das aus dem ersten Band bekannte Geheimnis, warum im Titel auch das Wort Schwester in der Mehrzahl steht. Eine Sybille Gapp geistert wie zufällig durch Eriks neue Arbeitswelt in einer Westfirma.

An Schauplätzen wie dieser Arzneimittelfabrik zeigt sich, wie viel Wirklichkeit  in den Roman gewebt ist. Erik hat Glück, dass aus freundschaftlicher Kollegialität für ihn diese Stelle entsteht. Er kommt gleich in den Genuss einer ulkigen Teambuilding-Maßnahme, die der Autor mit Vergnügen beschreibt. Die Binnenschifffahrt scheint keine Zukunft mehr zu haben, dann jedoch steht Matti vor neuen Chancen, aus denen er sich gleich mehrere herausgreift. Britta glaubt, Ähnliches zu erleben, sitzt aber einem Betrüger auf. Und mit Eriks Frau, die einem „Medium“ verfällt, karikiert der Autor Selbstfindungstrips und Mentaltrainer, die auch zum Westen dazugehören.

Die große Freiheit im geeinten Land hat ihre eigenen Grenzen. So bedeutete die Befreiung der Presse ja nicht allein, dass diese über Missstände berichten konnte, sondern in Teilen zugleich anfing, nach Sensationen zu gieren. Matti und Erik finden keine Möglichkeit, auf eine verdrehte Wahrheit über ihren verstorbenen Vater, den Druckereidirektor Willy Werchow zu reagieren. In die neunziger Jahre gehören die großen Stasi-Enthüllungen, Verdächtigungen auch: „Eifer differenziert nicht.“

Hinzu kommt die Abwertung von Leistungen und Erfahrungen im Osten. Sie taucht im Roman momentweise auf, etwa wenn Britta versucht, bei einem neuen Zirkus zu landen und verlacht wird. Diese Abwertung ist auch Thema in einem längeren Gespräch Mattis mit einem Anwalt: Aus dem „zu Recht abgeschafften Staat“ sei inzwischen das „Regime“ geworden, stellt der Anwalt fest, also „etwas grundsätzlich Illegitimes“.

Die Gesprächspartner winden sich, als wolle der Autor seine Figuren unbedingt vor dem Vorwurf der Ostalgie schützen. „Mir kommt das Kind in den Sinn, das sich in die Ecke stellen soll, aber es ist ein zu einfaches Bild, ich will es gleich wieder tilgen“, sagt Matti, „und fragen, was die Scham nach sich zieht. Tief sitzenden, nie ausgelebten Unwillen. Stummen Hass. Ein Gefühl von Unfreiheit? Zwangsläufig. Nur wer ohne Scham ist, ist tatsächlich frei.“

Eine solche These hilft ein bisschen, spätere Wut zu verstehen. Da schimmert beim Schriftsteller noch der Journalist durch, der er lange war: Er will das einordnen, was er sieht.
Birk Meinhardt hat nicht den grimmigen Blick von Clemens Meyer, der sich mit seinem Roman „Im Stein“ etwa in demselben Zeitraum bewegt. Er sucht nicht die Wunden, sondern erkundet den Alltag. Er wälzt auch nicht die Sprache um wie Reinhard Jirgl. Meinhardt erzählt detailgenau, detailverliebt, zuweilen nimmt er dafür ein bisschen Umständlichkeit in Kauf. Er spürt nicht dem einen Konflikt nach wie die Autorin Kathrin Gerlof, sondern schaut auf eine Gemengelage.

Meinhardt malt mit „Brüder und Schwestern“ ein Gesellschaftsgemälde mit Menschen, die durch den Bruch in ihren Biografien ins Straucheln kamen und neu anfingen. Es ist höchste Anerkennung wert, auf wie vielen Schauplätzen und Etappen er private und allgemeine Vorgänge erzählt und in Beziehung setzt. Sein Buch fasst einen aufregenden Abschnitt der Geschichte in drei Einzelschicksalen und erweist sich so als verdreifachter Entwicklungsroman. Man könnte auch sagen: Es ist der Nachwenderoman.

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