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Bellevue am 1. Dezember.

Debatte

Ein Gespräch im Hause Steinmeier ...

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Der Bundespräsident lädt Autoren ins Schloss Bellevue ein. Die Veranstaltung endet allerdings da, wo sie hätte beginnen sollen.

Der Bundespräsident hatte am Donnerstag ins Schloss Bellevue eingeladen. Zu einem Gespräch über „Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten“ mit Daniel Kehlmann, Eva Menasse, Salman Rushdie und Frank-Walter Steinmeier. Die Moderation hatte Luzia Braun vom ZDF übernommen. Der Bertelsmann- Stiftung dankte der Bundespräsident für die freundliche finanzielle Unterstützung. Zwei- bis dreihundert Zuhörer gab es: Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer, Ex-Innenminister Otto Schily, Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann, Ex-Akademie-Präsident Klaus Staeck, die Akademiepräsidentin Jeanine Meerapfel, Thomas Krüger, Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, Verleger Christoph Links, Schriftsteller Hans-Christoph Buch, die Chefin des Gorki-Theaters Shermin Langhoff usw. usw. Viele Ex aus rot-grünen Zeiten, deren Wiederkehr wohl in unendliche Fernen entrückt ist.

Allen scheint es gut zu gehen. Schily allerdings hatte einen Stock. Keine Krücke, sondern einen dicken mit goldenem Knauf, der aussah wie die, mit denen früher im Volkstheater die Büttel auf den Boden stampften.

Um die „Freiheit des Denkens“ ging es nicht. Es ging um Donald Trump, die Welt der sozialen Medien, in denen der Unterschied von wahr und falsch seine Gültigkeit verloren habe. Es ging darum, dass Autoren Menschen sind, die ihre ganz persönlichen Sichten auf das Leben, auf die Gesellschaft oder auch nur auf die Wörter aufschreiben, entwickeln und verbreiten. Das ist ihre Arbeit. 

Steinmeier erklärte, der Autor erweise „seinem Publikum gerade dadurch einen Dienst, dass er niemandem zu Diensten ist“. Die Autoren bestanden auf ihrem Recht, sich politisch zu äußern, und auf ihrem Recht, es nicht zu tun. Alle auf dem Podium waren sich einig darüber, dass sie das Glück hätten, in Ländern zu leben, in denen niemandem der Kopf abgeschlagen wird, weil er eine andere Meinung vertritt. Alle aber sahen, dass die Entwicklung auch in Europa dahin gehe, immer mehr Zustimmung und Anpassung einzuklagen.

Steinmeier hält Desinformationsflut für fatal

Der Ruf nach Identität, nationaler, religiöser, politischer, kultureller, verstärke sich überall auf der Welt. Eva Menasse sah darin eine Reaktion auf die tiefgehende Verunsicherung durch Globalisierung und eine in der Menschheitsgeschichte einmalige überwältigende Informations- und Desinformationsflut. Die Menschen suchten nach einem festen Halt und lieferten sich gerne jedem aus, der ihn verspreche. Steinmeier hielt diese Entwicklung für fatal. Ausgerechnet jetzt, da man vor so großen Aufgaben stehe, dass man sie nur zusammen angehen könne, zögen sich immer in die Grenzen ihrer Nationalstaaten zurück.

Daniel Kehlmann erinnerte daran, dass das neue Medium Druckerpresse seit dem 16. Jahrhundert eine entscheidende Rolle dabei gespielt habe, Europa in Jahrzehnte lange religiös-ideologisch aufgeheizte Bürgerkriege zu stürzen, „die wir uns heute angesichts der Entwicklung der Waffentechnik“ wirklich nicht mehr leisten können. Die sozialen Medien wurden sichtbar als Treibstoff der Zerstörung der bisherigen Mechanismen der Öffentlichkeit, also ein höchst effektives Mittel zur Zerstörung der Demokratie wie wir sie kennen. Das Podium war sich einig.

Als am Ende ein Herr aus dem Publikum erklärte, ob es nicht doch in erster Linie zu begrüßen, ja eine Chance für mehr Demokratie sei, dass jetzt dank der neuen Medien mehr Menschen die Möglichkeit hätten, vielen anderen ihre Ansichten mitzuteilen, da antwortete der weise, bei aller Angriffslust sehr gelassen wirkende Salman Rushdie grinsend mit „Yes“.

So endete die Veranstaltung da, wo sie vielleicht hätte beginnen sollen. Mit einem Male kapierte der Zuschauer, was da abgelaufen war: Er war Zeuge geworden eines Gesprächs im Hause Steinmeier über den abgewanderten Wähler. So wie in Peter Hacks’ Stück sich Frau von Stein gegen den Vorwurf wehrt, sie sei schuld an Goethes Flucht nach Italien, so wehrten die Herren und Damen des Podiums die Möglichkeit ab, sie hätten selbst etwas dazu beigetragen, dass immer mehr Menschen in immer mehr Demokratien sich von ihr abwenden. Womöglich war jeder Satz vom Podium richtig. Aber es fehlte die Reflexion – das Nachdenken über die eigene Rolle im Weltgeschehen. Aber beginnt nicht da erst „Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten“?

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