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Die Nachbarn tuscheln, die Gespenster lärmen.
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Die Nachbarn tuscheln, die Gespenster lärmen.

Hilary Mantel "Jeden Tag ist Muttertag"

Gespenster im Obergeschoss

Hilary Mantels früher, meisterhaft böser Roman „Jeden Tag ist Muttertag“ über das Beziehungsgeflecht Familie.

Von Petra Pluwatsch

Hilary Mantel ist in Deutschland vor allem durch ihre opulenten historischen Romane bekanntgeworden. In „Wölfe“ thematisiert sie den Aufstieg Thomas Cromwells am Hof des englischen Königs Heinrich VIII. 2009 erhielt sie dafür den wichtigsten britischen Literatur-Preis, den Booker-Preis. Der Nachfolgeband „Falken“ wurde ebenfalls ein Megaerfolg, und auch für diesen Roman wurde sie mit dem Booker-Preis ausgezeichnet – eine zweifache Ehrung, die bislang nur wenigen zuteil wurde.

Doch Hilary Mantel, 1952 im englischen Glossop geboren und von einer chronischen Krankheit gezeichnet, kann sich durchaus auch in der Gegenwart behaupten. Das beweisen ihr verstörender Erzählband „Die Ermordung Margaret Thatchers“ und eine Autobiografie („Von Geist und Geistern“), die im vergangenen Jahr erschienen ist. Jetzt hat der DuMont Buchverlag ein Frühwerk der Autorin aus dem Jahr 1985 herausgebracht: „Jeder Tag ist Muttertag“, ein schmales Buch in einem schlichten, gelben Umschlag, das seine Leser geradewegs in die Enge der 1970er Jahre hineinkatapultiert.

Hilary Mantel erzählt darin mit bösem Witz von zwei Frauen, die abgeschottet von der Nachbarschaft in einem verwahrlosten Haus mitten in London leben. Ein Schandfleck, tuscheln die Nachbarn in der Buckingham Avenue hinter vorgehaltener Hand, doch Evelyn Axon und ihre Tochter Muriel scheren sich nicht um das Gerede der Menschen.

Evelyn Axon ist früh Witwe geworden, und ihr Haus ist bewohnt von Gespenstern. Die Geister verrücken die Möbel. Sie wispern hinter verschlossenen Türen und machen Lärm im Obergeschoss, so dass Evelyn einige Räume kaum mehr zu betreten wagt. „Es gibt mehr als eine Art Verfolger“, erklärt sie der geistig behinderten Muriel, die indes mehr versteht, als sie vorgibt. „Da sind einmal die Mitbewohner mit ihrem ständigen Hohn und ihren kleinen Zerstörungen. Es ist möglich, sie zu sehen, aber sie sind sehr schnell.“ Und es gibt „die anderen Bewohner“, die, die „auf die Seele zielen“ und über die Evelyn kaum zu sprechen wagt. Ihr Wahnsinn nimmt immer krudere Formen an, und irgendwann beginnt man zu ahnen, wo seine Wurzeln liegen könnten. Konsequent verweigert die alte Frau den Mitarbeitern des örtlichen Sozialamts den Zutritt zum Haus, wenn die mit Muriel sprechen wollen.

Ein Klotz von Mensch

Und auch die junge Frau selber, ein Klotz von Mensch, kaum älter als Ende 20, scheint keinen Kontakt zu ihren Mitmenschen zu suchen. Missmutig besucht sie einmal in der Woche eine Werkstatt für Behinderte. Als die für einige Wochen schließt, streunt sie allein durch die Straßen – und ist eines Tages schwanger.

Hinzu kommt noch der Geschichtslehrer Colin Sydney, ein schwermütiger Mittdreißiger, dem die Lust am Leben gründlich vergangen ist. Seine drei Kinder können ihn nicht leiden, seine Frau hält ihn für einen Versager. Das Haus der Familie ist mit einer schwindelerregend hohen Hypothek belastet. Einmal in der Woche flieht Colin vor seinem chaotischen Familienleben in die Ruhe eines Schreibseminars. Hier lernt er die Sozialarbeiterin Isabel Field kennen, Muriels Betreuerin. Doch die Affäre, ausgelebt auf der Rückbank von Colins Familienkutsche, hält nicht lange. Ehefrau Sylvia ist erneut schwanger. „Du siehst, du musst verstehen, dass ich sie jetzt nicht verlassen kann.“

Bitterböse ist das Bild, das Hillary Mantel von dem Beziehungsgeflecht Familie zeichnet. Das zu lesen macht Spaß, zumal die Autorin eine fabelhafte Stilistin ist, die mit Sprache umzugehen weiß wie ein Koch mit seinen Messern. Längst sind die Gefühle füreinander erkaltet. Geblieben sind Resignation und ein Rest von Pflichtbewusstsein. „Gewöhnen sich Menschen nicht an Schmerzen?“, fragt Isabel sarkastisch, als Colin ihr von der erneuten Schwangerschaft seiner Frau erzählt. „Am Ende finden sie irgendwo deine Leiche und begraben dich.“

Vieles wird nur angedeutet in diesem erstaunlichen Buch, und Hilary Mantel überlässt es den Lesern, die vermeintlichen Leerstellen mit ihren eigenen Fantasien zu füllen. Nicht auszuschließen, dass es wirklich Gespenster gibt im Haus der Axons. Nicht auszuschließen, dass es dafür einen verdammt guten Grund gibt.

Hilary Mantel: Jeder Tag ist Muttertag. Roman. A. d. Engl. von Werner Löcher-Lawrence. DuMont, Köln 2016. 256 S., 22,99 Euro.

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