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Gesichter und Grimassen

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Von: Arno Widmann

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Gisèle Freund machte wohl hunderte Fotos von Frida Kahlo und Diego Rivera, ihres Hauses, des Gartens und ihrer Kunstsammlungen.
Gisèle Freund machte wohl hunderte Fotos von Frida Kahlo und Diego Rivera, ihres Hauses, des Gartens und ihrer Kunstsammlungen. © Verlagshaus Jacoby Stuart

Das Malerehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera wurde von Gisèle Freund fotografiert: Eine ganze Reihe der Bilder – schwarz-weiß und in Farbe – wurden jetzt in einem kleinen Band veröffentlicht.

Im Jahr 1950 erhält die in Paris lebende Gisèle Freund (1908 – 2000) eine Einladung des mexikanischen Schriftstellers Alfonso Reyes (1889 – 1959) nach Mexico City. Sie soll dort einen Vortrag halten. Aus den geplanten paar Wochen werden zwei Jahre, in denen die Fotografin das Land, seine Menschen, seine Geschichte, seine Kultur erkundet. Sie freundete sich unter anderen mit dem Malerehepaar Frida Kahlo (1907 – 1954) und Diego Rivera (1886 – 1957) an. Sie machte wohl hunderte Fotos der beiden, ihres Hauses, des Gartens und ihrer Kunstsammlungen. Eine ganze Reihe davon – schwarz-weiß und in Farbe – wurden jetzt in einem kleinen Band veröffentlicht.

Gastfreundschaft als Folge eines Horror Vacui?

Für die Käufer des Buches gibt es auch die Möglichkeit eines Internetzugangs zu einem bisher unveröffentlichten Film „Diego Rivera bei der Arbeit“, den Gisèle Freund 1951 drehte. Wer die Ausstellungen der vergangenen Jahre sah, wer die Bildbände über Frida Kahlo betrachtet hat, der wird in dem Buch wenig Neues erfahren. Er wird aber – da er das alles kennt, ist er einer, den die mexikanische Malerin fasziniert – dennoch sich festbeißen an der einen oder der anderen Aufnahme.

Zum Beispiel an dem Schwarz-Weiß-Foto eines schmalen Kaminsimses. Es ist bevölkert mit zehn Figuren. Über denen ein Rahmen, und damit ja nichts weiß bleibt an diesem Wandabschnitt, gibt es rechts zwischen Rahmen und den Puppen auf dem Sims noch ein kleines Bild. Kaum ein Quadratzentimeter, der nicht von Kunst oder Kunsthandwerk bewohnt wird. Dieses Haus ist ein offenes Haus. Hier kann jeder eine Bleibe finden. Ein kleines Spielzeugpferdchen und das winzige Figürchen eines Ranchero.

Gastfreundschaft als Folge eines Horror Vacui? Ist das alles da, um die Einsamkeit zu vertreiben? Sah Frida Kahlo diese Dinge noch an, nahm sie sie gar in die Hände? Oder stellte sie sie auf dem Kaminsims ab und vergaß sie? Ließ sie sie allein, wie sie immer wieder allein gelassen wurde? In ihren Schmerzen, mit ihren Schmerzen?

Ich weiß es nicht. Das Buch belehrt mich nicht darüber. Es erklärt mir auch nicht im Einzelnen, was ich dort sehe. Ganz gewiss aber wird der Leser sich anschauen, wie freudig Diego Rivera Grimassen schneidet. Der Leser weiß, der Rivera, der das tut, ist krank, arm und völlig verbiestert. Er malt riesige Wandgemälde, in denen er Stalin und Mao Tsetung feiert. Er wundert sich wohl nicht, dass seine Auftraggeber sich zurückziehen.

Trotzig hält er fest an Überzeugungen, die er womöglich längst aufgegeben hätte, forderte man das nicht von ihm. Vielleicht sind auch diese Gemälde Grimassen, die er schneidet, um seine Zeitgenossen so zu erschrecken wie auf diesen Fotos den kleinen Bobby.

Mexikaner und die präkolumbianische Geschichte

Immer wieder durchblättere ich den Band. Immer wieder präkolumbianische Kunst. Kahlo und Rivera sammelten sie, man weiß das. Ich sehe das und denke mir nicht viel dabei. Ein paar Tage später lese ich in der amerikanischen Wikipedia den Artikel über die Geschichte von Texas. Er beginnt mit den Sätzen: „The recorded History of Texas begins with the arrival of the first Spanish conquistadores in the region now known as Texas in 1519, who found the region populated by numerous Native American tribes. Their Ancestors had been there for thousands of years.“

Das ist oder das war doch lange die Haltung der US-Bürger zur Geschichte ihres Kontinents. Das Interesse an der Geschichte vor der weißen Besiedlung ging im Großen und Ganzen gegen Null. Die Vorstellung, die Indios hätten auch eine Geschichte, wird hier gleich mehrfach abgewiesen. Natürlich gibt es eine recorded history schon vor 1519. Geschriebenes gibt es davor nicht.

Mindestens ebenso verrückt ist freilich die Vorstellung, die Weißen hätten als erste Veränderung gebracht in eine Welt und ein Gebiet, das Jahrtausende lang immer gleich besiedelt gewesen war. Alexander von Humboldt sprach am Orinoko einst von geschichtslosen Ufern. Das war wohl mehr ein Ausdruck von Ergriffenheit, als seine Art von Wikipedia-Eintrag.

Der hat mich freilich zurückverwiesen an das Haus von Frida Kahlo und Diego Rivera und an den ganz anderen Umgang der Mexikaner mit ihrer präkolumbianischen Geschichte. Sie sind stolz darauf.

Ein großartiges Beispiel dafür ist ein Aufsatz aus dem Weltkriegsjahr 1915 von Alfonso Reyes, des Mannes also, der Gisèle Freund nach Mexiko gebracht hatte. „Visión de Anáhuac“ ist auch eine begeisterte Beschreibung der größten und wohl schönsten Stadt der damaligen Welt: der Aztekenhauptstadt Tenochtitlán, wie sie im Hochtal von Mexiko 1519 vor den spanischen Eroberern lag.

Frida Kahlo und Diego Rivera, gesehen von Gisèle Freund. Herausgegeben von Gérard de Cortanze. Aus dem Französischen von Edmund Jacoby. Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2014. 160 Seiten, über 200 Fotos, 24,95 Euro.

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