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Edgar Hilsenrath.

Edgar Hilsenrath

Der geschwärzte Humor

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Zum Tod des oft missachteten Schriftstellers Edgar Hilsenrath.

Als Edgar Hilsenrath in das Land seiner Muttersprache zurückkehren wollte, rechnete er mit einem Erfolg. Das war nicht hochmütig von ihm, dem 1926 in Leipzig geborenen und in Halle an der Saale aufgewachsenen Juden, der 1938 aus Deutschland geflohen war. Mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder fand er damals zunächst im Städtchen Sereth in der Bukowina Zuflucht, bis sie 1941 ins Getto der ukrainischen Stadt Moghilev-Podolsk deportiert wurden. Sie überlebten, doch um sie her starb die Mehrzahl der Bewohner an Hunger und Krankheiten. Edgar Hilsenrath wanderte 1945 nach Palästina aus, sechs Jahre später in die USA. „Ich bin viel zu lange in Amerika geblieben“, sagte er also, als er 1975 nach West-Berlin zog. „Ich begann meine Verwurzelung in der deutschen Sprache zu verlieren.“ Er hatte etwas mitgebracht, wovon er sich den erfolgreichen Einstand in Deutschland versprach, seinen Roman „Der Nazi und der Friseur“.

Das Buch ist heute sein berühmtestes Werk, hochgelobt wegen seines satirisch-bösen Zugriffs auf die Verbrechen der Deutschen und ihrer Verbündeten an den Juden, ein Roman, der den Leser durchschüttelt mit Lachen und Abscheu. Er erzählt, wie ein mit dem durchschnittlichen deutschen Namen Schulz ausgestatteter Mann nach dem Krieg die Identität seines Kindheitsfreundes Itzig Finkelstein annimmt.

Dieser Max Schulz plaudert sich durch die Verbrechen von der Seite der Täter aus, denn er hatte sich „mit Stiefeln und Uniform ans Rad der Geschichte gehängt“, erzählt, wie er als SS-Oberscharführer zum Massenmörder wurde, mit Goldzähnen der Toten zu Geld kam, sich eine Häftlingsnummer tätowieren und sogar beschneiden ließ. Max Schulz geht viel konsequenter vor als jener „Falsche Überlebende“ aus Spanien, von dessen erdichteter KZ-Vergangenheit später Javier Cercas in einem Roman erzählte. Mit der monatelang selbst gefühlten Angst vor Erschießungen, mit den Bildern der Toten, die sich in der Jugend in seinem Kopf abgelagert hatten, nach Depressionen und schweren psychosomatischen Krankheiten konnte Edgar Hilsenrath von dem gewendeten Nazi schreiben. Er wählte dafür einen grotesken, vom Tod geschwärzten Humor.

Doch das auf Deutsch geschriebene Buch, als „The Nazi & The Barber“ 1971 erfolgreich in den USA, dann auch in Italien, Frankreich und Großbritannien erschienen, wollte man in der Bundesrepublik Deutschland nicht haben. Auch nicht in der DDR. „Man hat es mir zurückgeschickt mit der Begründung, das wäre zu pessimistisch für die DDR. Ich hätte keine Kommunisten in dem Buch, die als Helden auftreten“, sagte er im Interview.

Der Autor war vielleicht naiv, als er von einem Erfolg träumte. Schon sein Erstling „Nacht“ über die – autobiografisch grundierten – Erlebnisse des Juden Ranek im Getto wurde in der BRD in einer Kleinauflage ohne Werbung versenkt. Im Nachwort der Werkausgabe von 2006 kann man nachlesen, wie schändlich der westdeutsche Literaturbetrieb damals auf „Der Nazi und der Friseur“ reagierte. Alle renommierten Verlage lehnten es ab. „Die in Verlagen sitzende Nachfolgegeneration der Täter beanspruchte, dem Opfer vorzuschreiben, wie die Shoa literarisch darzustellen sei, beziehungsweise festzulegen, wo die Grenzen für eine solche Darstellung lägen.“ Helmut Braun, der Autor des Nachworts, veröffentlichte den Roman schließlich in seinem kleinen Kölner Verlagshaus. Er zog selbst für das Buch in die Redaktionen – und stieß auf Begeisterung. Heinrich Böll pries in der Wochenzeitung „Die Zeit“ den Roman über den „blutbesudelten Hans im Glück“. Endlich ließ sich dieses bis heute in seiner Aussage, Sprachkraft und grimmigen Erzählfreude gültige Werk verkaufen.

Doch die Geschichte des Schriftstellers Edgar Hilsenrath, der am Sonntag im Alter von 92 Jahren gestorben ist, hatte weiterhin dunkle Momente. Nur ein Jahr nach dem Lob durch den Literaturnobelpreisträger Böll, giftete in derselben Zeitung der Feuilletonchef Fritz J. Raddatz über die Neuauflage von Hilsenraths Debüt „Nacht“, noch nie habe er „ein so unangemessenes Buch gelesen.“ Er wiederholte das Muster, einem Überlebenden der Shoa zu diktieren, wie er über den ausweglosen Kampf der Juden zu schreiben habe. Ähnliches erlebte Imre Kertész etwa zur gleichen Zeit – man kann Hilsenrath besten Gewissens mit dem Literaturnobelpreisträger von 2002 vergleichen. Das war bei der Erstveröffentlichung des „Romans eines Schicksallosen“ in Ungarn. Man vermisste, dass das Grauen auch Grauen genannt wurde. Diese üblichen Wörter waren Kertész zu abgenutzt.

 Edgar Hilsenrath konnte sich nach und nach bei den Kritikern im deutschen Sprachraum durchsetzen, für „Das Märchen vom letzten Gedanken“ bekam er 1989 den von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis. Das Buch, das den Völkermord der Türken an den Armeniern zum Hintergrund hat, erschien bei Piper, einem großen Verlag, genauso wie 1997 „Ruben Jablonski“, Hilsenraths explizit autobiografischer Roman über die Zeit nach der Befreiung aus dem Getto, die mit dem Erwachsenwerden des Helden zusammenfiel. Doch trotz zahlreicher weiterer Preise verabschiedete sich Piper von der Betreuung des Werks, mit Volker Dittrich sprang Anfang des neuen Jahrtausends wieder ein Kleinverlag ein. In zehn Bänden brachte er die Gesammelten Werke Hilsenraths heraus. Der Verleger und sein Autor gingen im Streit auseinander. Inzwischen betreut der Verlag Eule der Minerva das Werk.

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